33. Erlanger Poetenfest 2013 – ein Rückblick

Lesungen in einem großen Schlossgarten, im Schatten alter Bäume und bei einem aufmerksam zuhörenden, mehrere hundert Leute umfassenden Publikum – ist das nicht der feuchte Traum eines jeden literaturbegeisterten Menschen? Erleben lässt sich dies jedes Jahr beim Erlanger Poetenfest. Bei der 33. Auflage vom 29.8. bis 1.9.2013 spielte das Wetter mit und sorgte für wunderbare Literaturmomente. Trotzdem muss sich das Poetenfest für die Zukunft etwas einfallen lassen.

Erlangen als Nabel der literarischen Welt – für ein paar Tage Ende August, Anfang September wird dies Realität, dann kommen Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus dem deutschsprachigen Raum hier zusammen, stellen neue Bücher vor, debattieren, tauschen sich aus. Im Rest des Landes wird das allerdings kaum wahrgenommen. Sporadisch berichten überregionale Zeitungen über das Festival, lediglich der Bayerische Rundfunk sendet als Medienpartner etwas ausführlicher. Entsprechend war das letzte Ereignis, welches das Poetenfest in die Schlagzeilen brachte, der Protest gegen einen Hauptsponsor, den Atomkonzern Areva. In Folge der Nuklearkatastrophe von Fukushima bildete sich 2011 die Initiative Poesie ohne Uranstaub und setzte sich zum Ziel, die nötigem Sponsorengelder aus Spenden zusammenzutragen und so das Poetenfest „atomfrei“, also Areva-frei zu halten. Die fälligen 15.000 Euro kamen zusammen, der Erlanger Stadtrat sah sich aber scheinbar dazu verpflichtet, den in der Stadt tätigen Areva-Konzern nicht zu düpieren – und lehnte die „Bürgergelder“ ab. Diese Entscheidung traf letztes Jahr auf großes Unverständnis beim Publikum. Protest wurde laut, auch während der Veranstaltungen des Poetenfestes. 2013 war davon nichts mehr zu spüren.

Spitze Zungen könnten behaupten, dass ein junges, bekanntermaßen umweltbewusst denkendes Publikum wegen des Atomsponsors dem Poetenfest fernbleibt. Doch das Problem liegt wohl woanders, das Poetenfest hat schlichtweg den Anschluss an ein Lesepublikum unter 40 verloren. Ein Poetry Slam und eine Comicausstellung des hervorragenden Verlags Rotopolpress dienten lediglich als Feigenblätter. Exemplarisch für die generation gap, die sich bei der diesjährigen Ausgabe auftat, war der Umgang mit Helene Hegemann. Die 21-jährige Autorin, seit ihrem Debüt „Axolotl RoHelene_Hegemann_1adkill“ ein umstrittener Star der deutschen Literatur, stellte ihren neuen Roman „Jage zwei Tiger“ auf dem Hauptpodium vor – sonntags um 13.30 Uhr, sozusagen im Vorprogramm. Warum ein bekannter Name zu dieser undankbaren Zeit? Beim anschließenden Autorinnengespräch versuchte Moderatorin Verena Auffermann dann nicht nur permanent, sich mit der fast 40 Jahre jüngeren Autorin zu verbrüdern – pardon, zu verschwestern. Anstatt junge Literatur für junge Leserinnen und Leser zu präsentieren, sah sich Auffermann offenbar genötigt, Hegemann einem älteren Publikum schmackhaft zu machen. Kein Wunder, dass etliche jüngere Zuhörende nach wenigen Minuten das Weite suchten. Später äußerte ein anderer junger Autor, wie ihn die lauschende Menge bei seiner Lesung verblüfft habe. Viele, viele Menschen, aber seiner Meinung nach ein „typisches Lesungspublikum“ – größtenteils weiblich, über 40, gut situiert. Warum kämen nicht auch die Jungen, die wenig Geld haben? Schließlich sei der Eintritt frei. Natürlich ist die Altersfrage ein Thema, das die gesamte Buchbranche beschäftigt. Als niederschwellige Publikumsveranstaltung sollte gerade das Poetenfest aber für ein Publikum zwischen 16 und 40 genau so aktiv werden, wie für die ganz Kleinen, denen mit Lesezelt und jungem Podium einiges geboten wird.

Die Lesungen auf dem Poetenfest sind immer ein Indikator für das deutschsprachige Herbstprogramm und wer am Hauptpodium aufmerksam zuhörte, durfte den Eindruck bekommen, dass einige starke Neuerscheinungen anstehen. Terézia Mora überzeugte mit einem Ausschnit aus ihrem neuen Roman „Ungeheuer“, der inhaltlich an ihr letztes Werk „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ anschließt. Die Lyrik eines Steffen Popp wurde erst durch die nuancenreicheSteffen_Popp Lesung des Autors zum Glitzern gebracht. Beeindruckend war auch der Vortrag von Mirko Bonné, der das Publikum im sommerlichen Park mit einem Ausschnitt aus seinem Roman „Nie mehr Nacht“ ins herbstliche Belgien versetzte. Jonas Lüscher las aus seiner Bestseller-Novelle „Frühling der Barbaren“ und sorgte mit feiner Ironie für einige Lacher. Über das Herbstprogramm hinausgehend war der Text von Katja Petrowskaja. Die diesjährige Bachmann-Preisträgerin las aus ihrem Debütroman „Vielleicht Esther“, der erst Anfang 2014 bei Suhrkamp erscheinen wird. Bei dieser Übermacht der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ist es wohltuend, wenn in Sonderveranstaltungen auch internationale Stimmen zum Tragen kommen. Mit Spannung erwartet wurde die Buchpräsentation mit Taye Selasi, der in Ghana geborenen Autorin, die in den USA studierte und momentan in Rom lebt. Selasi wurde mit ihrem Debütroman „Ghana Must Go“ (deutsch: „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“) im vergangenen Frühjahr von den Feuilletons als neuer internationaler Literaturstar lanciert. Weniger der Roman, als vielmehr die essayistischen Texte von Taye Selasi, in denen sie den vieldiskutierten Begriff „Afropolitan“ einführte, hätten die Basis für eine spannende Veranstaltung bilden können. Wer sind die „Afropolitans“, die entwurzelten, in afrikanischen Ländern geborenen Menschen, die auf der ganzen Welt verstreut leben? Ist eine „Afropolitin“ wie Selsasi nicht wesentlich privilegierter als andere in schrecklicher Armut lebenden Menschen in Ghana? Leider wurde die Chance durch eine uninspirierte, schlecht vorbereitete Moderation und eine fehlerhaft arbeitende Dolmetscherin vergeben. Wer wirklich etwas über die Autorin Taye Selasi und ihr Denken erfahren will, sollte ihre Rede „Warum es Afrika nicht gibt“ zur Eröffnung des Literaturfestivals Berlin lesen (Abdruck auszugsweise am 5.9. in der SZ, auf englisch nachzulesen hier).

Seit 10 Jahren wird das Poetenfest durch die Erlanger Übersetzerwerkstatt ergänzt. Bei dem ganztägigen, offenen Arbeitstreffen geben Übersetzerinnen und Übersetzer Einblick in ihre Arbeit- Ein interessiertes Publikum ist eingeladen, zuzuhören und mit zu diskutieren. In der konzentrierten Atmosphäre im Bühnenhaus des Erlanger Markgrafentheaters gab es auch dieses Jahr faszinierende Aspekte des literarischen Übersetzens zu entdecken. Esther Kinsky stellte ihr Buch „Fremdsprechen“ vor, eine essayistische Reflexion über den Prozess des Übertragens von Texten aus einer Sprache in eine andere. Sie machte besonders deutlich, wie stark Erinnerungskontexte eine Sprache prägen und wie wichtig der Versuch ist, diese bei der Übersetzung zu berücksichtigen. Der Roman „Gefährliche Geliebte“ von Haruki Murakami war Gegenstand der Präsentation von Ursula Gräfe. Dieses Buch, ursprünglich 2000 als Übersetzung aus dem Englischen in Deutschland erschienen, liegt nun unter dem (dem Original entsprechenden) Titel „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“YokoTawada_P1020706 als Übertragung aus dem Japanischen vor. Im direkten Vergleich der ersten zwei Romanseiten zeigte Gräfe die Probleme bei der Übersetzung aus einer Zweitsprache auf, die den Gesamtcharakter eines Textes deutlich verändern können. Die Deutsch-Japanerin Yoko Tawada schließlich las aus ihrem Buch „Überseezungen“. Tawada, die am Tag zuvor den Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung erhalten hatte, nähert sich mit dem Blick von außen der deutschen Sprache an. Ihre Texte sind ein elegantes Spiel mit Doppeldeutigkeiten, Missverständnissen und kulturellen Unterschieden, deutlich geprägt vom Humor des Surrealismus und Dadaismus. Mit ihren Ausführungen zu den grammatischen Unterschieden zwischen Deutsch, Japanisch und slawischen Sprachen sorgte sie für rege Diskussion und Aha-Erlebnisse beim Publikum. Die Atmosphäre von Austausch und Debatte, sie ist auf dem Poetenfest bei der Übersetzerwerkstatt am intensivsten zu erleben.

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3 Gedanken zu „33. Erlanger Poetenfest 2013 – ein Rückblick

  1. Auf dem Poetenfest war ich noch nie, deine Beiträge überzeugen mich jedoch davon, dies dringend einmal nachzuholen – den Grundtenor der Beobachtungen kann ich jedoch unterschreiben: bei den Lesungen, die ich Besuche, bin ich mit Abstand die jüngste Zuhörerin. Zwischen betuchten Damen ab 60. Ich frage mich nach jeder Lesung wieder, warum keine jungen Menschen Interesse daran haben, Literaten zu begegnen.

    1. Hallo Mara, vielen Dank für Deinen Kommentar. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: es dauert vielleicht etwas, bis die Literatur im Leben eine größere Rolle einnimmt. Oder einnehmen kann. Das hat mir Leseerfahrungen, aber auch mit Lebenserfahrung zu tun. Literarische Veranstaltungen sollten aber – neben den Punkten, die ich im Post kritisiert habe – versuchen, zumindest über ihre Kommunikationswege und ihr Auftreten ein jüngeres Publikum miteinzubeziehen. Web 2.0, ein frisches Design, etc. So wird Neugierde geweckt und dann klappt es auch mit der Verjüngung des Publikums. Liebe Grüße, Tobias

  2. Lieber Tobias,
    von dem Erlanger Poetenfest habe ich noch nie im Leben etwas gehört und wäre gerne dabeigewesen. Gerade Taye Selasi, deren Roman mir sehr gut gefallen hat, hätte ich gerne einmal live gesehen – und natürlich gerne einer lesung aus den „Barbaren“ gelauscht.
    Was Du zum Alter des Publikums schreibst, ist wohl im Internet ganz anders. Der DuMont-Verlag, Du hast es vielleicht schon auf anderen Blogs gelesen, hat sein Herbstprogramm einigen Bloggern und elektronischen Rezensenten vorgestellt – und da gehörte ich, neben der Mutter einer anderen Bloggerin und dem hauseigenen Vertriebschef, zu den „älteren“ Teilnehmerin. Der Verrteibsleiter erklärte auch, dass sich die Literaturdiskussion mehr und mehr ins Netz verlagert.
    Viele Grüße, Claudia

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