„Il Futuro“ – Bolaño-Bilder auf der Kinoleinwand

Das war absolut nicht zu erwarten: gerade aus Roberto Bolaños sprödem, nur 110 Seiten dickem „Lumpenroman“ ist eine der gelungensten Literaturverfilmungen der letzten Zeit entstanden. „Il Futuro“ lädt aber auch dazu ein, generell über den Status von Romanadaptionen für die Leinwand nachzudenken.

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Die liebe Literatur, angeblich spielt sie ja eine immer geringere Rolle in der Gesellschaft des beginnenden 21. Jahrhunderts. US-amerikanische Fernsehserien gelten als zeitgemäßiger, Videospiele als aufregender. Erstaunlich nur, dass gerade im Kino die Literatur – oder besser gesagt: der Roman nichts von seiner Attraktivität einbüßt. Die Zahl der Literaturverfilmungen ist konstant hoch, erfolgreich sind sie noch dazu. Vor kurzem erst „Der Wolkenatlas“, „Anna Karenina“, „The Great Gatsby“ oder „Nachtzug nach Lissabon“, gerade aktuell „Der Geschmack von Apfelkernen“ und „Feuchtgebiete“, bis Jahresende drohen u. a. Juli Zehs „Spieltrieb“, „Das große Heft“ nach Agota Kristof sowie natürlich die Fortsetzungen von „Der Hobbit“ und „Die Tribute von Panem“. Die meisten dieser Filme funktionieren nach einem einfachen Rezept: eine populäre Romanvorlage, umgesetzt in entweder episch-aufwändiger („Gatsby“/“Anna Karenina“) oder bieder-atmosphärischer („Nachtzug“/“Apfelkerne“) Manier, dazu ein paar bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler, fertig ist der Kinohit. Das zeugt nicht nur von der Wirkungsmacht von Roman-Bestsellern in unserer Mediengesellschaft, sondern leider auch davon, wie selten es im Film eine ernsthafte künstlerische Auseinandersetzung mit der literarischen Vorlage gibt. Vielmehr geht es darum, an den Erfolg von bereits Erfolgreichem anzuknüpfen und zu hoffen, dass es ein weiteres Mal funktioniert. Literatur als cash cow für Hollywood und die europäische Filmindustrie. Dass das Publikum bei diesem Spiel, in dem es bereits bekannten Stoff (gesetzt den Fall, dass die FilmbesucherInnen die Romanvorlage gelesen haben) fade aufbereitet nochmals vorgesetzt bekommt, mitspielt… es ist zum Kinosessellehnen ausreissen.

Doch widmen wir uns erfreulicherem, nämlich einer Romanverfilmung, die fast alles richtig macht. „Il Futuro“ ist die Adaption des „Lumpenromans“ von Roberto Bolaño, eines der letzten Werke des chilenischen Autors vor seinem Tod 2003. Zwischen Romanriesen wie „2666“ oder „Die wilden Detektive“ fristet dieses etwas knapp 100 Seiten umfassende Buch ein Schattendasein und selbst für Bolaño-Addicts gilt es als zweitrangig. In einem seltsam distanzierten, teilnahmslosen Ton erzählt die junge Waise Bianca vom gemeinsamen Leben mit ihrem Bruder Tomás nach dem Unfalltod der Eltern. Der Text greift Krimi-, Trash- und Popkultur-Elemente auf, erinnert im Aufbau aber auch an Märchen wie „Hänsel und Gretel“ oder „Die Sterntaler“. Rom als Schauplatz spielt eine untergeordnete Rolle, von der Stadt entsteht nur ein schemenhaftes Bild. Die untergründige Spannung baut sich durch die Widersprüchlichkeiten in der Handlung auf: Tomás ist klein und schmächtig, besucht aber immer häufiger ein Fitnessstudio. Von dort bringt er zwei Freunde mit, die bei den Geschwistern einziehen. Sie sind intelligent, putzen die Wohnung, kochen vorzüglich, stiften aber Biana zur Kriminalität an. In diesem Stil gibt es alle paar Seiten neue Ungereimtheiten und Überraschungen. Bolaño greift sogar auf die typisch lateinamerikanischen Elemente des magischen Realismus zurück, um die er sonst einen großen Bogen macht.

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Dass sich unter Bolaños Büchern gerade der „Lumpenroman“  zur Verfilmung anbietet, liegt auf der Hand. Anders als beispielsweise  „2666“, das nicht mal als Endlosfernsehserie funktionieren würde, ist das Buch kompakt erzählt und geizt mit den für Bolaño charakteristischen Anekdoten und offenen Enden. Die chilenische Regisseurin Alicia Scherson hat diesem Roman-Skelett nun zu Fleisch, Muskeln und Haut verholfen, ohne es dabei zu übertreiben. Sie greift den seltsam entrückten Erzählton des Textes auf und schildert das Lumpen-Leben der beiden Geschwister und ihre schleichende Verwahrlosung mit homöopatisch dosierter Poesie. Ihre Bildsprache ist betont einfach, aber nicht überästhetisiert karg. Die subtile Spannung, die Beiläufigkeit der Ereignisse – auch diese Eigenschaften des Romans setzt sie kongenial um. Ein weiterer Kunstgriff ist ihr mit der Besetzung der Hauptrollen gelungen. Rutger Hauer als alternder, blinder Muskelprotz Maciste, an den sich Bianca heranmachen soll um ihn zu bestehlen, strahlt genau die nötige Mischung aus Verlassenheit und Stärke aus. Manuela Martelli in der Rolle der Bianca stiehlt ihm allerdings die Show. Ihr Spiel ist mal entrückt und distanziert, mal voller Kraft und Trotz. Selbst in den verlassensten Momenten der Trauer verströmt sie ein unumstößliches Selbstbewußtsein. Regisseurin Scherson hat mit dieser Bianca eine unglaublich starke Frauenfigur auf die Leinwand gebracht und nicht zuletzt durch Martellis Präsenz wird „Il Futuro“ zu dem seltenen Fall von Film, der seiner literarischen Vorlage das Wasser reichen kann, ja sie vielleicht sogar übertrifft.

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