Der langsame Niedergang eines Literaturmagazins

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Um die Sparte „Literaturmagazin“ ist es im deutschsprachigen Raum nicht gerade gut bestellt. Während Printmagazine ansonsten boomen und Neugründungen zu den abseitigsten Lebensaspekten auf den Markt kommen, bleibt es ein begrenztes Segment. Selbst gut bestückte Bahnhofsbuchhandlungen bieten gerade einmal vier oder fünf Titel an, in vielen Buchläden sind sie häufig gar nicht zu finden. Einige dieser Literaturmagazine schielen auf einen Massengeschmack, will sagen: gehobene Unterhaltungsliteratur und die Bestseller aus der anspruchsvolleren Belletristik. Klar, Menschen, die sich tiefer mit Literatur beschäftigen, greifen zu den kleinen Literaturzeitschriften, die sich mit neuen AutorInnen, literarischen Debatten und Lyrik beschäftigen. Hier ist die Auswahl größer: BELLA TRISTE, AKZENTE, EDIT, SCHREIBHEFT etc. pp. Dennoch: ein gut gelungenes Literaturmagazin mit Anspruch passt prima in die Lücke zwischen diesen kleinen Literaturzeitschriften einerseits, den Feuilletons und dem Internet andererseits.

Am besten verstand es in den letzten Jahren das Magazin LITERATUREN, diese Lücke zu füllen. Im Jahr 2000 von der Literaturkritikerin Sigrid Löffler gegründet, gelang hier der Spagat zwischen Publikumswirksamkeit und Anspruch. LITERATUREN bot Reportagen, Rezensionen, Interviews, Hintergründiges, Kolumnen – eben all das, was ein gutes Magazin ausmacht. Nach zehn Jahren von Konzept und Layout her etwas angegraut, wagte das Magazin pünktlich zur 100. Ausgabe im Frühjahr 2011 einen Relaunch. Eine gelungene Verjüngungskur und für einige Ausgaben schien LITERATUREN sich in besserer Form als je zuvor zu präsentieren. Mit dem Verkauf des Heftes an den Ringier-Verlag endete dieser Höhenflug abrupt. Seitdem liegt LITERATUREN nur noch vier Mal im Jahr dem Politikmagazin CICERO bei.

Nach dieser Zäsur war es absehbar, dass es mit LITERATUREN bergab gehen würde. Nun, zwei Jahre nach der Übernahme, ist der vorläufige Tiefpunkt erreicht. Das soeben erschienene Heft mit gerade einmal 68 Seiten (früher 120 oder mehr) zeigt den redaktionell erarbeiteten Inhalt auf dem Rückzug. Ein Portrait des C. H. Beck-Verlages, dann seitenweise „SchriftstellerInnen schreiben über SchriftstellerInnen“, ein Vorabdruck aus einem Buch von David Wagner und der gewohnte Rezensionsteil, in dem es wenig Überraschendes zu lesen gibt. Das spannende Buchmesse-Gastland Brasilien wird mit ganzen zwei Seiten abgehandelt. Keine Reportagen, keine AutorInnenportraits, keine langen Interviews. Es ist schwer, sich dem Eindruck zu erwehren, dass LITERATUREN sich mit der Rolle als hübsch bebilderte Literaturbeilage, die es möglichst schnell und günstig herzustellen gilt, abgefunden hat. Menschen, die CICERO sonst nicht kaufen würden, müssen immerhin 8 Euro auf den Tisch legen um an das Heftchen zu kommen. Fraglich bleibt, ob sich die Investition in Zukunft noch lohnen wird. Das einzig passende Wort dafür lautet: schade!

Um diesen Eintrag nicht zu negativ zu beenden, sei auf zwei hervorragende Literaturmagazine hingewiesen, die ruhig bekannter werden dürfen: VOLLTEXT aus Wien, mit hervorragenden langen Rezensionen und literarischen Analysen sowie LITERATUR NACHRICHTEN mit augenöffnenden Beiträgen über Literatur aus Asien, Arabien, Afrika und Lateinamerika. Zu beiden vielleicht in der Zukunft mehr an dieser Stelle…

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3 Gedanken zu „Der langsame Niedergang eines Literaturmagazins

  1. Ich habe mir die Zeitschrift CICERO mit der Beilage LITERATUREN bisher einmal gekauft und danach nie wieder. 8€ für etwas, das ich so oder so ähnlich auch im Internet nachlesen könnte, war mir dann doch zu viel. Mit deinem Hinweis auf VOLLTEXT kann ich dagegen viel anfangen, denn dies ist die einzige Literaturzeitung, die ich mir mittlerweile noch kaufe – ich finde sie sehr gelungen.

  2. Ich habe die LITERATUREN seit 200 sehr, sehr gerne gelesen und mir fast jedes Heft sofort nach Erscheinen gekauft (Stichwort: Sucht). Aber irgendwann haben mich die Beiträge so gar nicht mehr interessiert. Das wird wohl die Zeit gewesen sein, die Du auch bechreibst, der erste Niedergang, der durch einen Relaunch noch einmal abgewendet werden sollte. Den Verkauf an den Ringier-Verlag und die pfiffige Idee, das Heft mit dem Cicero zu verkaufen, habe ich weder inhaltlich noch betriebswirtschaftlich verstanden – es sei denn als Anfang vom Ende. Welche Synergieeffekte sollten da auch genutzt werden können? Und nun habe ich schon eine ganze Zeit kein LITERATUREN-Heft mehr gekauft. Schade! Ich würde gerne eine gute Literaturzeitung mit HIntergründen, Diskussionen usw. lesen. Lasst uns also selbst eine machen…
    Viele Grüße, Claudia

    1. Du hast recht, eigentlich müssten wir selbst aktiv werden, aber das tun wir ja auch, indem wir bloggen. Trotzdem hätte ich gerne etwas gedrucktes.VOLLTEXT ist super, das könnte ruhig sechsmal im Jahr erscheinen oder sogar monatlich. Mein Traum wäre sowas wie LONDON REVIEW OF BOOKS oder GRANTA auf deutsch.
      Viele Grüße
      Tobias

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