Aus den Archiven 1: Mircea Cărtărescu

Einen Roman von Mircea Cărtărescu zu lesen bedeutet, tief in die Verliese der Psyche seiner Figuren hinabzusteigen. Mit furioser Sprachgewalt schildert er Ängste und Albträume, Visionen und Sehnsüchte. Zugleich versteht er es, wunderbar zart und sensibel zu erzählen. Anfang 2012 habe ich ihm eine Sondersendung gewidmet.

Kurz zuvor waren zwei Bücher Cărtărescus in deutscher Erstübersetzung erschienen: der in den 90er Jahren geschriebene kurze Roman „Travestie“ (bei Suhrkamp) sowie der zweite Teil der „Orbitor“-Trilogie. (Letzterer wurde diesmal korrekt „Der Körper“ betitelt, beim ersten Teil hatte sich der Zsolnay Verlag für „Die Wissenden“ entschieden, was der Intention des rumänischen Originals entgegenläuft, bei dem „Der linke Flügel“, „Der Körper“ und „Der rechte Flügel“ zusammen den titelgebenden Schmetterling bzw. Engel ergeben. Aber das nur am Rande.) Beide Bücher bieten mit ihrer expressiven Sprache, ihren psychedelischen, halluzinatorischen Bildern einen wahren Leserausch. Bukarest wird bei Cărtărescu zu einer Stadt der düsteren Abbruchhäuser, der geheimen Clubs, des Aberglaubens und des Verrats. Ja, das klingt düster, doch Cărtărescu lässt auch ruhige, melancholische Momente zu und versteht es, präzise und sensibel zu beobachten.

Mircea_cartarescu_by_cosmin_bumbutz

Für die Sendung STEP ACROSS THE BORDER habe ich ein knapp einstündiges Spezial zu Mircea Cărtărescu produziert. Neben einer Rezension des Romans „Travestie“ gibt es einige Textpassagen aus der „Orbitor“-Trilogie, gelesen von Seppo Dyrschka. Da wegen der GEMA für den Podcast ein Großteil der Musik entfernt werden musste, ist das ganze hier nur 36 Minuten lang.

Erstmals gesendet am 21. Februar 2012 auf Radio Z.

Unter dem Titel „Aus den Archiven“ werden in Zukunft regelmässig ältere Radiobeiträge hier zu finden sein – auch, um dem Aktualitätszwang des Literaturbetriebs eine lange Nase zu drehen.

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Ein Gedanke zu „Aus den Archiven 1: Mircea Cărtărescu

  1. „Dem Aktualitätszwang des Literaturbetriebs eine … Nase drehen.“ Das gefällt mir außerordentlich gut! Gerade Blogger, die weit weniger dem vermeintlichen Aktualitätsdruck eines Feuilletons unterliegen, können auf diese Weise zu einem intensiveren kultur-literarischen Gedächtnis beitragen. In meinem letzten Wortspiel-Radio-Beitrag von der Buchmesse habe ich dies ebenfalls bereits (durchaus auch selbstkritisch) angeregt. Gute Grüße, Wolfgang Schiffer

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