Verfall, scheitern… weitermachen.

Vom Januar 2001 bis ins Jahr 2009 hat der ungarische Schriftsteller Imre Kertész Tagebücher geschrieben – auf seinem (neu gekauften) Laptop, die fortschreitende Parkinsonerkrankung ließ ein handschriftliches Arbeiten nicht mehr zu. Die Lektüre dieser unter dem Titel „Letzte Einkehr“ veröffentlichten Tagebücher ist erschütternd. Wir erhalten tiefe Einblicke in das Denken eines Autors, der sich im ständigen existenziellen Ringen mit sich, seiner Welt und seinem Werk befindet.

Kertész hat bereits einmal anhand seiner Tagebücher geschrieben. Das „Galeerentagebuch“ brach allerdings die Ordnung der chronologischen Niederschrift auf, wurde zur Sammlung von Beobachtungen und Aphorismen, zum Kommentar eines Lebens im realsozialistischen Ungarn vor 1989. „Letzte Einkehr“, die nun vorliegenden Tagebücher der Jahre 2001 bis 2009 mögen nicht vollständig sein (dafür gibt es zu häufig lange Lücken), bilden aber mehr oder weniger eine direkte Abschrift des privaten Diariums. Sie umfassen einen Zeitraum, in dem Imre Kertész am Drehbuch zur Verfilmung seines „Roman eines Schicksallosen“, an dem Roman „Liquidation“ sowie an dem Selbstbefragungsbuch „Dossier K.“ arbeitet. Außerdem entsteht in dieser Zeit das Prosafragment „Die letzte Einkehr“, das in diesem Band erstmals abgedruckt ist. Langwierig und aufreibend ist die Arbeit an diesem Text für Kertész. Er will die zentrale Figur darin „zerrütten, zermalmen, zernichten. Aber möglichst ohne jede Erklärung, vor allem ohne jede sogenannte Philosophie“. Schonungslos, so ist der Autor auch zu sich selbst. Am einen Tag schreibt er vom Scheitern, blickt tags darauf voller Zufriedenheit auf den Text, nur um eine Woche später in Depressionen ob seines misslungenen Werkes zu verfallen. Aufhören gilt aber nicht. Denn es ist das Schreiben, das Kertész am Leben erhält.

Imre Kertész im Jahr 2002 (Photo by Csaba Segesvári camera-man)
Imre Kertész im Jahr 2002 (Photo by Csaba Segesvári)

Die – wie er es nennt – „Glückskatastrophe“ ereilt Imre Kertész, als ihm 2002 der Literaturnobelpreis verliehen wird. An das zurückgezogene Schreiben, das lange, zermürbende Feilen am Text ist kaum mehr zu denken. Kertész, der schon vorher ein gern gesehener Redner war, wird nun von der Öffentlichkeit vollends vereinnahmt. Wir lesen, wie schwer es ihm fällt, Anfragen abzusagen, wie ihn der Rummel um seine Person peinigt, wie sehr er die Aufmerksamkeit aber auch genießt. In Ungarn erfährt Kertész weit weniger Zuspruch als im europäischen Ausland. Besonders in Deutschland ist er gefragt, häufig aber zum „Holocaustexperten“ abgestempelt. Für Kertész ein Ärgernis. Dennoch beschließt er, Budapest zu verlassen und in Berlin eine Wohnung zu nehmen. Er geniesst das vielfältige Kulturleben, die edlen Restaurants, das weltoffene Klima. Es mag pervers klingen, dass es ihn, der als Jugendlicher nach Auschwitz deportiert und in Buchenwald von US-Soldaten befreit wurde, ins Land der Täterinnen und Täter zieht. Doch Kertész hat seine Motive. Schon früh sieht er die politische Stimmung in Ungarn nach rechts kippen, registriert unverhohlenen Antisemitismus, der sich in Medien und Politik breit macht. Dass es auch in der Mitte der bundesdeutschen Gesellschaft einen salonfähigen Antisemitismus gibt übersieht er nicht. Hier ist es vor allem die Kritik der Deutschen an Israel, die ihn erbost, aber es scheint ihm das kleinere Übel zu sein.

Am Ende der Aufzeichnungen wird Kertész trotzdem dauerhaft nach Budapest zurückkehren, gesundheitliche und familiäre Gründe drängen ihn dazu. Denn der 1929 geborene Schriftsteller spürt sein Altern Tag für Tag. Gebrechen plagen ihn, seine Kräfte lassen nach. „Bankrott, Bankrott!“ notiert er Anfang 2009, nachdem er in Paris einen Schwächeanfall erlitten hat. Der immer schwieriger zu bewältigende Apparat des täglichen Lebens lässt Kertész an Selbstmord denken. Mehrmals taxiert er den Abstand zwischen seinem Balkongeländer und der Straße fünf Stockwerke tiefer. Doch die Glücksmomente des Schreibens lassen ihn weitermachen. Am 5. September 2007 schreibt er: „Das Grandiose der Tat. Und mein kleines und kleinliches Leben im Verhältnis dazu. – Lohnt es, wegen eines guten Satzes, eines Gedankens ‚aus dem Bett zu springen‘? Noch lohnt es.“

Alle, die einmal Kertész gelesen haben, kennen die unglaublich präzise Sprache dieses Schriftstellers. Seinen knappen, gestochen scharfen Stil ohne Sentimentalität. Seine Furchtlosigkeit vor den Abgründen des menschlichen – und damit seines eigenen – Daseins machte schon seine kompromisslose Selbstbefragung „Dossier K.“ zu einer existenziellen Leseerfahrung. In diesen Tagebüchern kommen wir Kertész noch ein Stück näher, erfahren das Triviale und das Essentielle aus acht Jahren seines Lebens. Dass am Ende sogar die Hoffnung aufblitzt, dass dieses Buch nicht das letzte dieses auf die bewundernswerteste, weil bitterste Weise humanen Schriftstellers sein wird, lässt diese unerbittlichen Aufzeichnungen noch dunkler funkeln.

kertesz lib

Imre Kertesz „Letzte Einkehr: Tagebücher 2001 – 2009.“ Mit einem Prosafragment. Gebunden, 464 Seiten. Rowohlt Verlag 2013. 24,95 Euro.

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3 Gedanken zu „Verfall, scheitern… weitermachen.

  1. Das Dossier K. hat mich auch beeindruckt, ergriffen. Danke für diese fundierte, informative Besprechung, die Tagebücher werde ich irgendwann (bald) auch lesen (müssen).
    Angesichts der derzeitigen Lage in Ungarn frägt man sich zudem, warum nichts gelernt wurde aus der Vergangenheit. Ich kann das gar nicht in aller Kürze beschreiben, wie sehr mich das entsetzt – auf der einen Seite Schriftsteller wie Kertesz und Konrad, auf der anderen Seite dieser offene Antisemitismus, der dort nicht nur toleriert, sondern gefördert wird.

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