Off topic (aber eben doch nicht): Eröffnung der Zukunftswerkstatt Community Media 2013

Seit gestern treffen sich Aktivistinnen und Aktivisten der Freien Radios hierzulande (und auch anderer Community Medien) zu einer Zukunftswerkstatt in Nürnberg. Warum das für diesen Blog interessant ist? Weil sich Radiosendungen zu Literatur außerhalb der Öffentlich-Rechtlichen fast nur bei Freien Radios finden. Zumindest außerhalb des Internets. Denn in vielen Freien Radios – die meisten davon senden lokal auf UKW – gibt es Sendungen über Literatur oder einzelne Redakteurinnen und Redakteure, die Bücher besprechen. Die Herangehensweise erinnert an die von Literaturblogs: freier wie im Feuilleton, mit viel Herzblut und gerne sehr subjektiv wird an die Materie herangegangen. Hier bildet sich eine Vielfalt ab, die mindestens eine Ergänzung, vielleicht sogar eine Alternative zu den Literatursendungen bei Deutschlandfunk, Bayern 2, WDR 3 & Co. bietet. Ich selbst bin beim Freien Sender Radio Z in Nürnberg aktiv, in dem rund 200 Ehrenamtliche mitarbeiten und täglich ein 12-Stunden-Radioprogramm stemmen. Radio Z versteht sich als non-kommerziell, sendet keine Werbung, bietet statt Formatradio eine bunte Mischung.

Warum ist mir das wichtig? Dazu muss ich ein bisschen ausholen: für mich persönlich ist die Arbeit bei Radio Z eine enorm wichtige Möglichkeit, mich mit den sozialen und politischen Verhältnissen in Deutschland, aber auch in meiner Stadt auseinanderzusetzen und etwas zum kulturellen Leben beizutragen. Radio Z bietet mir die Möglichkeit, journalistisch tätig zu sein, mich fortzubilden, auszutauschen, auch in der Qualität meiner Sendungen und Beiträge voranzukommen. Diese gesellschaftliche Funktion von Freien Radios, die zu den Community-Medien gezählt werden, ist inzwischen wissenschaftlich anerkannt. Auch die EU hat vor einigen Jahren eine Empfehlung an ihre Mitgliedsländer abgegeben, Initiative zu ergreifen und Community Medien zu unterstützen. Doch obwohl Deutschland in der Förderung dieser Medien europaweit an sechster Position steht, sieht es in manchen Bundesländern bitter aus. Leider hat Nürnberg das Pech, zu Bayern zu gehören, entsprechend muss Radio Z jedes Jahr um Fördergelder kämpfen um sein Überleben zu sichern. Freie Radios werden in Bayern wie kommerzielle Lokalsender behandelt. Obwohl sie gesellschaftliche und pädagogische Arbeit leisten und eine niederschwellige Möglichkeit zur Partizipation an Medien bieten, werden sie behandelt, als wären sie Dudelfunk mit Minimalnachrichten, Werbeblock und platten Gute-Laune-Moderationen. Die Lobreden auf ehrenamtliches Engagement, die die Politik so gerne schwingt, sind in diesem Fall (mal wieder) nichts als Schall und Rauch.

Seit gut einem Jahr haben sich die beiden Freien Radios in Bayern, Radio Z aus Nürnberg und Radio Lora aus München zusammengetan, um dieses Missverhältnis zu ändern. Mit der Kampagne „Medienvielfalt für Bayern“ fordern sie, die Freien Radios als dritten Rundfunksektor (neben öffentlich-rechtlich und kommerziell) anzuerkennen und eine Förderung einzuführen, die diesen Radios eine Grundfinanzierung sichert. Im Zeichen dieser Kampagne stand auch die gestrige Podiumsdiskussion, die den Auftakt zur Zukunftswerkstatt Community Media in Nürnberg bildete.

Ich selbst hatte diese Veranstaltung mit Spannung erwartet, da die Besetzung des Podiums eine kontroverse Diskussion versprach. Neben Michel Liebler von Radio Z, Medienvielfalt-Kampagne und dem Bund Freier Radios waren Michael Ruf als Vertreter der Stadt Nürnberg, der Medienwissenschaftler Jeffrey Wimmer, Juniorprofessor an der TU Ilmenau sowie der Geschäftsführer der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien (BLM) Martin Gebrande geladen. Mit Herrn Gebrande stellte sich somit ein Vertreter der BLM, die die Vergabe von Fördermitteln für die Community Medien in Bayern verwaltet, der Diskussion. Die kritischen Fragen sollten nicht lange auf sich warten lassen.

Aber zuerst zum Gespräch auf dem Podium. Alle vier Teilnehmer waren sich einig, dass Community-Medien eine wichtige Rolle bei der Medienvielfalt spielen. Hier waren die Ausführungen von Jeffrey Wimmer erhellend, der u. a. den Soziologen und Medienwissenschaftler Kurt Imhof mit den Worten zitierte: „Community Media sind die Ausfallbürgschaft der öffentlichen-rechtlichen Medien.“ Will heißen: wo die Öffentlich-Rechtlichen, weil ihre Budgets immer knapper werden, nicht mehr berichten, springen Community-Medien ein. Beispiele dafür gibt es in Bundesländern wie Thüringen, wo sich die öffentlich-rechtlichen Medien aus der Lokalberichterstattung zurückgezogen haben und Freie Radios diese Lücke schließen. Ein weiteres prominentes Beispiel für die Bereicherung der Berichterstattung ist das in Weimar ansässige Radio Lotte. Der Sender hat beim Vergabeverfahren für die Pressesitze beim NSU-Prozess in München einen Platz ergattert und liefert in seinen Berichten über das Prozessgeschehen ein weit detailierteres Bild als die meisten „großen“ Medien. Die Community-Journalisten aus Weimar haben dafür bundesweit Anerkennung bekommen.

Auf diese positiven Beispiele fiel den Herren Ruf und Gebrande von der „Politik“ leider nicht viel kreatives ein, wie sich solche Arbeit unterstützen ließe. Michael Ruf wiederholte mantra-artig, dass die Freien Radios in Bayern eben mehr Lobbyarbeit betreiben müssten – tolle Perspektive für Radioleute, die dieses Klinkenputzen dann ehrenamtlich bewerkstelligen sollen! Herr Gebrande antwortete fast die ganze Diskussion über mit der Eröffnung von Nebenschauplätzen: Community-Medien sollten mehr das Internet nutzen (was sie bereits tun), Community-Medien sind in der Zuörerstatistik nur marginal vertreten (wären sie vielleicht bekannter, wenn sie mehr Unterstützung für Werbung bekommen würden?), selbst die (oben genannte) Community Media-Empfehlung der EU bagatellisierte der BLM-Geschäftsführer. Kein Wunder, dass er in der anschließenden Publikumsdiskussion kritisch angegangen wurde. Mir gefiel am besten der Einwurf einer Radio Z-Hörerin, die aus den Grundsätzen der BLM zitierte und Gebrande damit auf die Pflicht seiner Enrichtung, ein Angebot wie Radio Z aktiv zu fördern, aufmerksam machte. Gebrandes Position, dass alleine der Gesetzgeber (in diesem Fall vertreten durch den Medienrat) hier entscheiden kann, stellte sie damit bloß. In der weiteren Diskussion über Fördermöglichkeiten kam dann aus dem Mund des BLM-Präsidenten der historische Satz: „Wir finanzieren mit dem Geld eben lieber unsere als Ihre Projekte“. Auf deutsch: die Bayerische Landeszentrale für Neue Medien kocht lieber ihr eigenes Süppchen, als ihrer Aufgabe, partizipative Medienangebote zu fördern, nachzukommen.

Zumindest auf dem Podium endete der Abend harmonisch. Während Jeffrey Wimmer nochmals betonte, dass das Problem der fehlenden Förderung in der bayerischen Politik zu suchen sei, wünschte sich Michael Liebler statt der „Verwaltung“ der Medienlandschaft durch die BLM eine „Gestaltung“ um der um sich greifenden Verflachung etwas entgegen zu setzen. Für eine ähnliche Diskussionsrunde in der Zukunft wäre es spannend, Mitglieder des bayerischen Medienrates einzuladen – um einen tieferen Einblick in die politischen Prozesse der bayerischen Medienpolitik zu bekommen.

Radio Z und den anderen Community Medien in Bayern wird vorerst nichts anderes übrig bleiben als die Fortführung der Medienvielfalt-Kampagne – seit der Wiedererlangung der absoluten Mehrheit im Bayerischen Landtag durch die CSU kein leichtes Unterfangen. Wer die Arbeit von Community Media in Bayern wichtig findet, ist herzlich eingeladen, die Kampagne hier mit einer Unterschrift zu unterstützen.

Soweit mein Exkurs in die Welt der bayerischen Medienpolitik. Ich hoffe, dass Radio Z noch lange weitersenden wird – 25 Jahre sind es immerhin schon – und ich mit meinen Radiobeiträgen zu Literatur und anderen Themen meinen Beitrag zu dieser vielfältigen Sendearbeit leisten kann. Die Zukunftswerkstatt Community Media geht übrigens noch bis Samtagabend weiter.

Ergänzung vom 13.11.: meine Radio Z-Kollegin Charlotte Albrecht hat ein paar Highlights aus dem Mitschnitt der Diskussion zu einem Radiobeitrag zusammengeschnitten. Zu hören hier:

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