Aus den Archiven 2: Jonathan Lethem

Der US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Lethem macht vor Genregrenzen nicht halt. Ganz im Zeichen der Postmoderne verquickt er den klassischen Roman mit Surrealismus, Science Fiction, Krimielementen und Abenteuergeschichten.

Auch bei uns sehr bekannt geworden ist er durch die Romane „Motherless Brooklyn“ und „Die Festung der Einsamkeit“. New York ist hier der Schauplatz für die Geschichte eines junges Mannes mit Tourette-Syndrom („Motherless Brooklyn“) bzw. eine Coming Of Age-Geschichte, die endeutig autobiografische Züge trägt („Die Festung…“). Aus Lethems älteren Büchern sei noch das wunderbare „Als sie über den Tisch kletterte“ erwähnt, eine wunderbare Wissenschaftssatire, in der sich eine Frau in ein künstlich erzeugtes schwarzes Loch verliebt und damit das reale Leben ins Wanken bringt.

Für alle Bücher Lethems gilt, dass sie sehr leicht zu lesen sind, selbst wenn die Stories komplexer oder surrealer werden. Er bleibt also deutlich zugänglicher als z. B. Thomas Pynchon (den Lethem natürlich sehr verehrt). Ich würde ihn daher irgendwo zwischen Haruki Murakami (wegen der fantastischen Elemente) und Paul Auster (wegen der existenzialistischen Sujets und des starken New York-Bezugs) einordnen. Persönlich ziehe ich ihn inzwischen diesen beiden Bestsellerautoren vor, da mich Jonathan Lethem von Buch zu Buch immer noch zu überraschen weiß, während Murakami und Auster sich meiner Meinung nach festgefahren haben. Auch Lethems neuer, bisher nur auf englisch erschienener Roman „Dissident Gardens“ interessiert mich. Er schildert die Lebensgeschichten in einem linken Millieu im New Yorker Stadtteil Queens und spannt hier den Bogen von den Gewerkschaftskämpfen der 1930er Jahre über die Kommunistenverfolgung in der McCarthy-Ära bis zur Solidaritätsbewegung mit Lateinamerika in den 80ern und der Occupy-Bewegung der Gegenwart. Leider kenne ich das Buch noch nicht, ich warte lieber auf die deutsche Übersetzung.

Jonathan Lethem in Brooklyn 2008 - Foto: Fred Benenson
Jonathan Lethem in Brooklyn 2008 – Foto: Fred Benenson

In der Vergangenheit habe ich bereits zweimal Bücher von Jonathan Lethem fürs Radio rezensiert. Zum ersten seinen zuletzt auf deutsch erschienene Roman „Chronic City“. Hier geht es – natürlich – um New York, aber um ein fantastisches New York, in dem es nach Schokolade riechende Wolken gibt und einen Tiger, der nachts die Stadt durchstreift und Häuser zum Einsturz bringt. „Chronic City“ ist eine kluge, humorvolle und sehr sinnliche Auseinandersetzung mit Realität und Virtualität und meiner Meinung nach neben „Die Festung der Einsamkeit“ sein stärkstes Buch. Hier meine Rezension zum Nachhören:

Im Herbst 2012 erschien eine Sammlung von Essays auf deutsch, die vom Verlag unter dem etwas gekünstelten Titel „Bekenntnisse eines Tiefstaplers – Autobiografie in Fragmenten“ lanciert wurde. Im Original trug der Band den Titel „The Ecstacy Of Influence“ nach einem berühmten Essay Lethems, der hier auch enthalten ist. Tatsächlich beschäftigt sich der Autor hier vorrangig mit den Einflüssen auf sein Schreiben, reflektiert die Wirkung von Comics und Science Fiction auf sein Werk und huldigt seinen großen Vorbildern: J. G. Ballard, Philip K. Dick, Italo Calvino, Thomas Pynchon. Die Auseinandersetzung mit Popkultur und Musik findet aber ebenso ihren Platz. Auch dieses Buch habe ich fürs Radio besprochen:

Die Bücher von Jonathan Lethem sind in Deutschland beim Tropen Verlag erschienen, „Chronic City“ als Taschenbuch bei Fischer.

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2 Gedanken zu „Aus den Archiven 2: Jonathan Lethem

  1. Spannend, danke sehr, für mich (ich hatte noch nichts von Lethem gelesen), nicht zuletzt auch in der Positionierung gegenüber Auster und Murakami. Und wer – erfolgreich – Vorbildern wie Dick und Ballard huldigt, ist sowieso ein interessanter Fall.

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