Die Ängste des Herrn B.

Maxim Biller demontiert mit seiner hinterlistigen Novelle „Im Kopf von Bruno Schulz“ Thomas Mann und legt uns nahe, dass der Furchtsame manchmal der ist, der Recht behält.

Er ist kein besonders produktiver Romanautor (nur zwei Bücher dieser Kategorie gehen auf sein Konto, eines davon wurde gerichtlich verboten) und doch bleibt Maxim Biller hierzulande ein Schriftsteller von großer öffentlicher Präsenz. Das dürfte an den zahlreichen veröffentlichten Erzählungen sowie an seiner Aktivität als Kolumnist liegen. Mit seiner neuen Novelle „Im Kopf von Bruno Schulz“ hat er uns nun alle kalt erwischt. Sein Verlag veröffentlichte den Text unangekündigt, ohne vorherige Erwähnung in den Herbstvorschauen. Biller selbst unterbrach dafür kurzzeitig die seit einigen Jahren andauernde Arbeit an Roman No. 3.

Mit seinem vielfältigen, kleinteiligen Werk ist Biller der wohltuende Antipode zur deutschen Großschriftstellerei. Biller bleibt kontrovers, einem Massenpublikum ist er zu kritisch, zu modern, zu unvorhersehbar. Er ist der Gegenentwurf zu den heilig Verehrten wie Günter Grass, Martin Walser oder jüngst Daniel Kehlmann, denen Teile des Feuilletons und eine große Anzahl von Leserinnen und Lesern jedes Wort von den Lippen ablesen. Hochgejubelte „Genies“, die mit ihrer biederen Schreibkunst vermeintlich links-liberales Künstlertum ausstellen und tatsächlich reaktionäres Gedankengut verbreiten. Doch gerade dem größten dieser deutschen Großschriftsteller hat Maxim Biller den Krieg erklärt: Thomas Mann, für dessen Verehrung er angesichts Manns Schwulst, seiner Verklemmtheit und der antisemitischen Untertöne in dessen Frühwerk wenig Verständnis aufbringt. Mann wurde später durch seine Emigration zur Nazi-Zeit pauschal von allen Verdachtsmomenten frei gesprochen. Wie nahe der Schriftsteller aber dem völkischen Denken der Nazis stand stellte u. a. Wolfgang Martynkewicz in seinem Buch „Salon Deutschland“ dar.

biller

Thomas Mann spielt in Maxim Billers neuer Novelle eine gewichtige Rolle, als eine Art Mittler fungiert dabei der jüdisch-galizische Schriftsteller Bruno Schulz. Von diesem ist überliefert, dass er 1938 einen Brief an Mann verfasste und um die Veröffentlichung einer Erzählung in Deutschland bat. Weder Brief noch Erzählung sind der Nachwelt erhalten. Biller begibt sich – wie im Titel erwähnt – „in den Kopf“ von Bruno Schulz und lässt ihn erwähnten Bittbrief verfassen. Es ist ein grotesker Bericht über den Besuch eines Doppelgängers Manns in Schulz‘ Heimatstadt Drohobycz. Dieser Doppelgänger malträtiert die jüdischen Menschen in der west-galizischen Stadt, die ihm zu Füßen liegen obwohl er sie bespitzelt und verhöhnt. Billers nur 70 Seiten langer Text steckt voller Anspielungen auf das Wesen und Leben von Bruno Schulz, auf dessen Passivität und seine masochistischen sexuellen Neigungen (illustriert durch Zeichnungen Schulz‘, der auch als bildender Künstler arbeitete). Doch diese Novelle ist nicht nur glänzend elegant geschrieben, sie ist aufs äußerste hinterhältig. Denn selbst wenn Biller seinen Bruno Schulz „nur“ vom Doppelgänger Thomas Manns schreiben lässt, wie werden wir je wieder die Bilder eines schlecht riechenden, vulgären, antisemitischen Thomas Mann vergessen, wie er hier geschildert wird? Maxim Biller nutzt das Prinzip „denken Sie jetzt nicht an einen weißen Elefanten“ für eine gründliche Demontage des Lieblings des deutschen Bildungsbürgertums und lockt uns so in eine perfekt gestellte Falle.

Wie Maxim Biller in einem Interview jüngst betonte, gibt es aber eine dritte Hauptperson: ihn selbst. Die Ängste des Bruno Schulz, der sich von der Öffentlichkeit zurückzieht, seinen Obsessionen frönt und sich selbst zur Passivität verdammt – es sind auch Billers Ängste. Wie mag es also im Kopf des Maxim Biller aussehen? Plagen ihn ähnlich schreckliche Visionen wie die des Bruno Schulz? Der ahnt im Buch den Krieg und den Massenmord an den europäischen Juden voraus und erntet damit Unverständnis von seiner Umwelt. Zu unrecht, wie die Geschichte zeigen wird. Lässt die Renaissance des Antisemitismus in Europa – auch in Deutschland, wo aktuell fast ein Viertel der Bevölkerung Ressentiments gegen Juden pflegt – solch skeptische Weltsicht zu? Solange Bücher wie dieses entstehen, versteht es Maxim Biller immerhin, ein starkes Kraut gegen Regression, Dummheit und falsche Loyalität wachsen zu lassen.

Maxim Biller „Im Kopf von Bruno Schulz“. Novelle, Leineneinband, 80 Seiten. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2013. 16,95 Euro.

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2 Gedanken zu „Die Ängste des Herrn B.

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