Unterwegs sein, ohne zu flüchten

Er reist zu Fuß, zu Pferd, mit dem Fahrrad – und schreibt darüber. In Frankreich hat es Sylvain Tesson längst in die erste Liga der Reiseschriftsteller geschafft. Nun erscheint „Kurzer Bericht von der Unermesslichkeit der Welt“, sein philosophisches Manifest des anderen Reisens, auf Deutsch.

„Alles Unheil kommt von einer einzigen Ursache, dass die Menschen nicht in Ruhe in ihrer Kammer sitzen können“ behauptete einst Blaise Pascal. Der französische Schriftsteller Sylvain Tesson würde ihm zustimmen. Er ist ein Getriebener, der die Energie seines Körpers „im Säurebad der Aktion aufzulösen“ versucht, wie er selbst schreibt. Seit zwei Jahrzehnten zieht er durch die Welt, bereist abgelegene Gegenden, monatelang. In seiner Heimat gilt er längst als der bedeutendste Reiseschriftsteller seiner Generation, er bekam 2009 den Prix Goncourt de la nouvelle und 2011 den Prix Médicis verliehen. Mit „Kurzer Bericht von der Unermesslichkeit der Welt“ liegt nun ein Buch Tessons auf deutsch vor, das zwischen philosophischem Essay, Reisebericht und thesengespicktem Traktat changiert.

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Dieser Vielreisende, der hier auf gut 120 Seiten seine Betrachtungen über das Unterwegssein ausbreitet, hat keine andere Wahl. Denn die Physis des Menschen zwingt seinen Geist zur Unruhe.

„Der Körper dürfte nie anders behandelt werden als ein homo sovieticus: zur Rentabilität gezwungen. Ihm eine Aufgabe zu geben, lindert das Fieber.“

Den Kopf frei bekommen im Urlaub – das ist ein Allgemeinplatz, den selbst Pauschalurlaubfans unterschreiben könnten. Doch so einfach macht es sich Tesson nicht. Er plädiert für ein Reisen ohne Erwartungen, ohne Zerstreuungseffekt, und gerade deshalb ohne Langeweile. Solches Reisen – und Tesson meint damit in erster Linie: das Reisen zu Fuß – ist eine komplexe Beschäftigung. Sie erfordert Sensibilität, aber auch geistige Kraft und viel Wissen. Während Urwälder mit ihrer Artenvielfalt ein Übermaß an Sinneseindrücken bieten, verlangen lange Märsche durch Tundra oder Savanne Vorstellungskraft und Genügsamkeit. Wenn Reisende sich nicht an kleinen Dingen erfreuen können, wie wollen sie dann erst von den wirklich großartigen Dingen überwältigt werden? Es geht Tesson um einen Prozeß der „Selbst-Bewusstmachung“, nicht des Vergessens und Verdrängens.

Tessons Buch könnte als Plädoyer eines „abenteuerlichen“, weil „bewussten“ Reisens verstanden werden. Das hat vermeintlich Konjunktur, Landlust-Abonnements und der Boom des Reisedokumentarfilms mögen davon zeugen. Die Klischees aber, die damit verbunden werden, sind Tesson fremd. Extrembergsteigen mit GPS-Navigation? Tesson favorisiert eher das Vagabundieren nach romantischem Vorbild. Unerforschte Gebiete, unberührte Natur? Seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist alles kartografiert und erkundet. Warum trotzdem neugierig bleiben? Weil der Quastenflosser erst vor 50 Jahren entdeckt wurde und wirklich kluge Menschen daher die Existenz des Yeti nicht kategorisch ausschließen sollten. So schreibt Sylvain Tesson über „Das Glück, unterwegs zu sein“, den geografischen Blick auf die Welt, die Freuden des Übernachtens in einer Hängermatte und seine Zeit als Fassadenkletterer, der regelmässig Kirchen und Kathedralen bestieg. Viele seiner Thesen sind steil wie eine Sandsteinmauer aus dem 13. Jahrhundert, doch Tesson sitzt fest im Klettergurt. Er ist nicht nur ein Kenner der Welt, sondern auch in der Literatur zu Hause, die Poesie ist sein ständiger Reisebegleiter. Dieses Buch legt davon Zeugnis ab. An klassischen Vorbildern geschult, ist der Text voller grandioser Metaphern, sein Stil stellenweise von barocker Pracht, manchmal aber auch nahe am Pathos. Im Zeitalter des Reiseberichts, der „einfaches Reisen“ in „einfaches Schreiben“ umsetzt, sticht dieses Buch wie ein Leuchtturm aus der Flut ähnlicher Veröffentlichungen heraus.

Auf der losgelösten Seele des Weltreisenden Sylvain Tesson gibt es aber einen dunklen Fleck. Es ist die „Unterdrückung der einen Hälfte der Menschheit durch die andere“, die ihn am Ideal der Mitmenschlichkeit zweifeln lässt. So heißt es an einer Stelle:

„Der Wanderer, der ich bin, wird wieder zum Humanisten, wenn die Vorherrschaft des Männchens endet.“

Frauenfeindlichkeit, sie zieht sich wie ein roter Faden durch die menschlichen Kulturen, egal, wo Tesson auch hinkommt. Die Beispiele, die er aufzählt, sind schmerzhaft, doch ist es nicht nötig, in die Fremde zu ziehen, um Misogynie zu erleben. Sie ist auch in unserem ach so aufgeklärten Westeuropa allgegenwärtig. Ob Tesson schlicht feministisch denkt, oder ob ihm die Frauenfeindlichkeit als Vorwand dient „sein Leben der Betrachtung kleiner Pandas oder Feuersalamander zu widmen“ anstatt sein privilegiertes Dasein mit der Armut in der Welt abzugleichen, bleibt offen. Eine Leerstelle in den umfassenden Ausführungen des Sylvain Tesson, der sich der Gefahr des Exotismus, die mitreist, sobald wir das Haus verlassen, bewusst sein sollte.

Trotz dieses kleinen Mankos ist „Kurzer Bericht von der Unermesslichkeit der Welt“ eine wunderbar bereichernde Lektüre und fühlt sich – auch wegen seines sprachlichen Stilwillens – schon jetzt wie ein Klassiker an. Weitere Übertragungen von Sylvain Tessons Texten ins Deutsche wären wünschenswert, immerhin gibt es (für französisch-unkundige wie mich) sein Buch über den sechsmonatigen Aufenthalt in einer Hütte in der russischen Taiga inzwischen auf englisch (Tesson berichtet hier für den GUARDIAN über diese Erfahrung) und ab Februar 2014 im Knaus Verlag als deutsche Übersetzung. Nachschub ist also greifbar.

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Da „Kurzer Bericht von der Unermesslichkeit der Welt“ in der Reihe Naturkunden bei Matthes & Seitz Berlin erschienen ist, müssen zum Schluss noch einige Worte über die Buchgestaltung verloren werden. Wie der Rest der Reihe, die von Judith Schalansky betreut wird, ist auch dieser Band liebevoll ausgestattet. Ein mit kartografischen Höhenverläufen überzogener Einband wird durch geprägte blaue Schrift geschmückt. Der Kopfschnitt in einem grünlich-goldenen Ton korrespondiert mit den Vorsatzpapier. Zudem durchmisst eine aus (Gedanken-?)Strichen gesetzte, von oben nach unten laufende Banderole das ganze Buch. Ein minimalistisches Gestaltungsmittel, dass wegen der meist sehr kurz gehaltenen Absätze besonders ins Auge fällt und Assoziationen zu Breitengraden, Kilometerzählern oder Wegmarkierungen aufkommen lässt. In der Summe eine detailbewusste Gestaltung von hoher Wertigkeit, die dennoch nicht dick aufträgt. Chapeau, Madame Schalansky!

Sylvain Tesson „Kurzer Bericht von der Unermesslichkeit der Welt“. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Gebunden, 128 Seiten. Naturkunden bei Matthes & Seitz Berlin 2013. 20,- Euro

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6 Gedanken zu „Unterwegs sein, ohne zu flüchten

    1. Liebe Evi,

      vielen Dank für Deinen Kommentar und den Link. Der New Inquiry-Artikel ist interessant, aber, um erstmal auf Sylvain Tesson einzugehen: Tesson möchte ich diese Anti-Einstellung zur Digitalisierung nicht unterstellen, was sein Buch auch so ungewöhnlich macht. Ich kann mich an kein Wort erinnern, mit dem er das Internet, Handys oder Smartphones geißelt. Klar, er reist lieber in fremde Länder und das auf sehr langsame „primitive“ Art, aber das ist eben sein Weg, mit den Sehnsüchten, die bei ihm geweckt werden (vielleicht auch durch die weltweite Vernetzung) umzugehen. Der omnipräsenten Bilderflut das persönliche, am ganzen Körper erfahrbare Erlebnis gegenüberzustellen wird immer seinen Reiz behalten. Das ist nichts gutes oder schlechtes, sondern unterliegt der persönlichen Freiheit. Problematisch wären anti-modernistische Ressentiments, aber davon möchte ich Tesson nach der Lektüre seines „Kurzen Berichts“ frei sprechen.

      Ansonsten spricht der Artikel im New Inquiry interessante Punkte an, zieht meiner Meinung nach aber die falschen Schlüsse. Er unterstellt den Internetskeptikern das Festhalten an einer „Wahrheit“ – in diesem Zusammenhang fällt gleich der Begriff „Gott“. Nun, ich persönlich bin überzeugt, dass wir um einige Wahrheiten in der Welt nicht herumkommen. Ganz zentral ist hier das kapitalistische, auf Wertschöpfung ausgerichtete Wirtschaftssystem. Ein Prinzip, das leider unumstössliche Realität ist, auch wenn viele Digital Natives Foucault rauskramen und so tun, als wäre es anders. Interessant ist auch, dass der Artikel Smartphones etc. als „Sehnsuchtsmaschinen“ deklariert, aber nicht klarmacht, wozu diese in großem Maße genutzt werden: Kaufsehnsüchte wecken, Konsum ankurbeln. Von der weltweiten Überwachung durch das Netz, die seit kurzem bekannt ist, möchte ich gar nicht anfangen. Natürlich sind die vielen Möglichkeiten der Digitalisierung schön, nur wie lassen sie sich gewinnbringend für die Menschheit nutzen? Wo stecken die neuen, weltbewegenden Narrative, politischen Bewegungen und ästhetischen Revolutionen durch die Digitalisierung? Kurzum, ich selbst bin überzeugt, dass Internet und Co. tolle Werkzeuge sind, die aber nicht alles verändern. Dazu braucht es immer noch den Menschen, der sich bildet, emanzipiert, mit anderen zusammentut und handelt.

      Um zum Thema des Artikels und des Tesson-Buches zurückzukommen: das Internet wird bestimmte Sehnsüchte nicht befriedigen können, deshalb werden Menschen weiterhin reisen oder sich in die Einsamkeit begeben. Wenn sie das nicht als religiöse oder spirituelle „Einkehr“ verstehen , sondern als emanzipatorischen Akt, der ihnen gut tut, umso besser (Tesson war ja u. a. in der Taigahütte, um mal in Ruhe Philosophie und Lyrik lesen zu können). Ihnen pauschal zu unterstellen, dass sie die moderne, digitalisierte Welt als „vergiftet“ ansehen, finde ich kurzsichtig.

      Sorry, ist ein bisschen länger geworden 😉

      Liebe Grüße
      Tobias

      1. Ich hab den Text gar nicht als Kritik an Tesson gemeint, mir kam er eben bloß beim Lesen wieder in den Kopf. Jurgenson verdammt sowas auch gar nicht, lustigerweise hat er auch erst vor ein paar Tagen auf Twitter ein Bild von einer ’18th century cabin‘ gepostet, wo er sich ein paar Tage zum Lesen zurückgezogen hat. Was ich ja eben das Wohltuende an seinem Ansatz finde, ist, dass er weg will von diesem Dualismus ‚real vs virtual‘, weil beides einfach so stark ineinander greift und einander prägt, dass es mehr Sinn macht, das Internet als Erweiterung unserer Realität begreifen. Genauso wie Buchdruck oder Kopieren odedr Reisen mit Bahn oder Auto Erweiterungen waren, die unsere Realität verändert haben.

        Bei nochmaligem Lesen des Guardian-Textes weiß ich jetzt aber schon, warum mir der Text in den Kopf gekommen ist: Grad gegen Ende wird Tesson da schon ganz schön anti-modernistisch. Da glorifiziert er das ländliche einfache Leben im Gegensatz zu urbanem Leben, Stillstand vs in Bewegung sein, Revolution durch Rückzug in die Idylle. Und so ein Satz wie: „We all have 24 hours a day, but we are all destroying this treasure, especially with electronics“ – da muss ich schon sagen: Dass ist halt eher eine Frage dessen, was der Mensch mit den electronics macht. Das tut eben wieder diese Dualität auf, dass Zeit, die du mit ‚electronics‘ verbringst, etwas Unreales, Uneigentliches und Schädliches sei.
        Ich finde trotzdem, dass er eine sehr schöne Art zu schreiben hat, und würde das Buch gerne auch noch lesen. Aber, so sehr ich, wie du weißt, inzwischen ja auch Freundin von Einsiedelei-Urlauben geworden bin: Wi-Fi muss sein. Grad beim Alleine-Reisen. Auch wenn ich dort den Großteil des Tages mit Lesen in ‚richtigen‘ Büchern und Spazieren verbringe, holt mich das in keinster Weise aus meiner Entschleunigung raus, wenn ich von dort aus auch mal was im Netz poste oder lese. Das ist halt dann meine Havanna, um’s mit Tesson zu sagen. 😉

        liebe grüße zurück!

        1. Oops, den Electronics-Diss im Tesson-Artikel habe ich dann wohl überlesen, aber die Dualität bei Jurgenson konnte ich zumindest in dem Text nicht finden, ich fand ihn schon sehr eindeutig. Ich glaube, wir sind uns einig: beides greift ineinander. Über Bücher oder Veranstaltungen oder Politik zu bloggen zeigt ja, wie die Dinge miteinander verbunden sind.
          lg
          t.

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