Apokalypse in Ominösien

Türkische Literatur hat es hierzulande schwer. „Glut“, der neue Roman von Murat Uyurkulak, eine Parabel auf die Verhältnisse in der Türkei, sprudelt geradezu über vor kuriosen Ideen. Es wäre ein Jammer, wenn er im deutschsprachigen Raum nicht seine Leserinnen und Leser finden sollte.

Hand aufs Herz, was wissen wir hierzulande über die türkische Gegenwartsliteratur? Frappierend wenig. Zwar wurde Orhan Pamuk nach der Verleihung des Literaturnobelpreises verstärkt rezipiert, andere Autorinnen und Autoren führen aber weiterhin ein Schattendasein. Den türkischen Klassikern des 20. Jahrhunderts wie Nazim Hikmet geht es kaum besser. Nach der Türkischen Bibliothek im Unionsverlag macht sich nun der Binooki Verlag in Berlin für Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus der Türkei stark, immerhin 14 Titel sind dort seit der Gründung vor zwei Jahren erschienen. Dafür bekam Binooki viel Schulterklopfen und den Förderpreis der Kurt Wolff Stiftung, das deutsche Feuilleton ignoriert diese Bücher aber nach wie vor weitgehend.

Bei Binooki ist nun der zweite Roman des 1972 geborenen Murat Uyurkulak erschienen. Bereits mit seinem Erstling „Zorn“ (hier rezensiert von meiner Radio Z-Kollegin Heike Demmel, hier ihr Interview mit dem Autor) zeigte er sich als neue, rebellische Stimme und beschrieb die linke Opposition gegen die türkische Staatspolitik ab den 1970er Jahren. Auch „Glut“, bereits 2006 in der Türkei erschienen und nun auf deutsch erhältlich, widmet sich den sozialen und politischen Konflikten in der Türkei sowie den Randfiguren der Gesellschaft. Wo Uyurkulak in dieser Konstellation steht, daraus macht er keinen Hehl: bei den Protesten gegen die Erdogan-Regierung, die im Frühjahr und Sommer 2013 nach der Besetzung des Gezi-Parks Zehntausende auf die Straße brachten, war der Schriftsteller von Anfang an mit dabei. Er schreibt regelmässig für die linke Tageszeitung BirGün. Lange Zeit wohnte er zudem in der ostanatolischen Millionenstadt Diyarbakir, um sich mit kurdischer Kultur und der politischen Dimension des Kurden-Konflikts zu beschäftigen.

Diyarbakir ist auch einer der Schauplätze in „Glut“. Mauerstadt wird es wegen seiner mächtigen antiken Befestigungsanlagen genannt. Hier, im Süd-Osten des Staates Ominösien kämpfen die Khirbos gegen die staatliche Armee. Auch der junge Taugenichts Muster wird zum Militärdienst eingezogen. Er ist faul, unansehnlich und rebellisch, deshalb geben sich alle lieber mit seinem wohlgeratenen, heldenhaften Bruder ab. Wie wir in einem zweiten Erzählstrang erfahren, wird jener Bruder vom Großen A als Prophet auserwählt, dessen Engel und Helfershelfer sollen ihn auf seine Rolle vorbereiten. Zu dumm nur, dass der Bruder im Krieg gegen die Khirbos stirbt. Besagte göttliche Helfershelfer fälschen den einen oder anderen Report aus Ominösien und beschließen, Muster zum neuen Auserwählten zu machen. Dieser aber wird zusammen mit seinem Kumpel Dreizehn von Rebellen entführt. Nach monatelanger Gefangenschaft kommt Muster frei, doch Dreizehn wird von den Entführern ermordet. Der langwierigen Querelen überdrüssig, schlüpfen die göttlichen Helfershelfer in die Haut eines anderen Dreizehn um den künftigen Propheten besser unter ihre Kontrolle zu bekommen.

Soweit Teil 1. Für die zweite Hälfte des Romans spielt der erfolglose Filmemacher Fünfunddreissig eine gewichtige Rolle (sein Spitzname leitet sich von seinen 135 kg Körpergewicht ab). Überraschend bekommt dieser aus dem Erbe seines Vaters ein altes Kino in Blindstadt zugesprochen. Wie sich herausstellt, wurde das Haus zuletzt als Druckerei genutzt und ist auch den göttlichen Helfershelfern ein Begriff. Sie überreden in der Gestalt von Dreizehn den auserwählten Muster, zusammen mit Fünfunddreissig die Druckerei wieder in Betrieb zu nehmen. Arbeitskräfte für ihre verlegerischen Absichten gewinnen sie in den verarmten Quartieren rund um das Kino. Dort wohnen die Marginalisierten der ominösischen Gesellschaft, die sich Die Schrägen nennen. Nach anfänglichen Misserfolgen steigt die Schicksalsgemeinschaft ins Fälschergewerbe ein. Plötzlich ist Geld im Überfluss da. Der nächste Coup ist ein Buch mit den gesammelten Lebensgeschichten der Schrägen, es wird zum sensationellen Erfolg und wegen des Verdachts auf Umstürzlerei umgehend von der Regierung verboten. Doch Muster brennt darauf, seiner Bestimmung als Prophet gerecht zu werden und endlich sein „Buch der Wahrheit“ zu schreiben. Als es schließlich erscheint, erkennen die Menschen seine Bedeutung nicht. Wie konnte das passieren? Wer hatte seine Finger mit im Spiel?

glut-front

„Glut“ ist verspielt und humorvoll, bietet gleichzeitig eine hochkomplexe Allegorie auf die Verhältnisse in der Türkei. Murat Uyurkulak lässt sich schnell als Anhänger postmodernen Schreibens überführen, er bedient sich bei Satire und Fantasy, nutzt Elemente des Bildungs- und Schelmenromans. Charakteristisch und zumindest für deutsche LeserInnen ungewöhnlich wird sein Stil durch den Rückgriff auf orientalische Erzähltraditionen, wie sie beispielsweise in den Lebensgeschichten der Schrägen auftauchen (und teilweise persifliert werden). Als die zwei großen Themen des Buches lassen sich Religion und Gesellschaft herausstellen. Mit den göttlichen Helfershelfern, die versuchen, es den Engeln recht zu machen, aber von dem undurchschaubaren Tefail schlecht beraten werden, provoziert Uyurkulak Glaubenseiferer bis aufs Blut. Darüber hinaus zeigen diese Passagen, wie nahe sich Islam und Christentum in ihrer Mystik und Symbolik sind und wie sich der religiöse Wahn in allen Religionen ähnelt. Im Untertitel als „Roman der Apokalypse“ klassifiziert, lässt der Autor selbst die Kapitelnummern als Countdown auf das Endgültige zulaufen – nur um ganz am Ende nochmal den Konflikt zwischen Khirbos (Kurden) und Ominösiern (Türken) aufzugreifen. Bezüge zu den sozialen Spannungen in der Türkei sind ebenfalls vielfach vorhanden. Ganz beiläufig wird das Aufkommen der Mediengesellschaft kommentiert, neureicher Protz wird großer Armut gegenübergestellt, die Doppelmoral im Umgang mit Sexualität und Frauen kommt zum Vorschein.

Selbst wenn sich beim Lesen nicht alle Metaphern und Zitate verstehen lassen (vielleicht geht es türkischen LeserInnen anders?), ist dieser Roman eine schallende Ohrfeige für den Saubermann Erdogan, der sein Land autoritär führt, mit dem Islamismus liebäugelt und der EU eine heile Türkei vorgaukelt. Spaß macht dieses Buch durch den großen Ideenreichtum Uyurkulaks und durch die treffgenauen Dialoge. In einem gut sortierten Bücherregal sollte „Glut“ ganz in der Nähe von David Foster Wallace, Philip K. Dick und Dietmar Dath geparkt werden.

Murat Uyurkulak „Glut – Roman einer Apokalypse“. Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe. Englische Broschur, 285 Seiten. Binooki Verlag 2013. 18,90 Euro

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