„Hinter Euch, das Meer…“

Eine Bar in einem korsischen Dorf als Nabel der Welt: mit dem frühen Roman „Balco Atlantico“ liegt Jérôme Ferraris Korsika-Trilogie nun vollständig auf deutsch vor.

Die französische Literatur hat uns in den letzten Jahren einige erstaunliche Talente geschenkt. Wir durften den sensiblen Epiker Alexis Jenni kennenlernen, dem historisch versierten Kosmopoliten Mathias Énard in die „Zone“ folgen, mit Marie NDiaye die weiblichen Verbindungslinien zwischen Frankreich und Afrika verfolgen sowie mit Hédi Kaddours sträflich unterschätztem Romanpanorama „Waltenburg“ das europäische 20. Jahrhundert durchwandern. Ihnen zur Seite stehen unbekanntere Namen wie Maylis de Kerangal oder Laurent Binet, die in Deutschland mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Das vielleicht stärkste Talent dieser Generation hat sich der kleine Secession Verlag aus Zürich für den deutschsprachigen Raum gesichert. Auch er ist Kosmopolit, auch bei ihm spielt der Mittelmeerraum eine wichtige Rolle: Jérôme Ferrari, ein 1968 geborener Philosophielehrer, der momentan in Abu Dhabi unterrichtet und mit seinem letzten Roman „Predigt auf den Untergang Roms“ den Prix Goncourt 2012 verliehen bekam. Dieses Buch, mit dem Ferrari auch in Deutschland Aufsehen erregte, stellt den Abschluss einer Trilogie dar. Teil zwei, „Und meine Seele ließ ich zurück“, war schon 2011 auf deutsch erschienen. Nun wurde der erste dieser drei lose miteinander verbundenen Korsika-Romane nachgereicht: „Balco Atlantico“, bereits 2006 im Original erschienen und von Christian Ruzicska und Paul Sourzac ins Deutsche übertragen.

Die Insel Korsika tritt uns hier nicht als Urlaubsidyll entgegen, sondern als vom Autor sorgfältig ausstaffierte Weltbühne, auf der archaische Lebensauffassungen mit der Moderne kollidieren. Die Mittelmeerinsel ist ein Teil Europas, der kaum über Industrie verfügt, mit Abwanderung zu kämpfen hat und dessen Bewohnerinnen und Bewohner sowohl den allsommerlich einfallenden Touristenscharen, als auch den Flüchtlingen aus der südlichen Welt skeptisch gegenüberstehen. Die zwischen dem Gestern und dem Heute zerrissene Lebenswelt spiegelt sich deutlich in den Romanfiguren Ferraris wieder, die in „Balco Atlantico“ in der gleichen Bar aufeinandertreffen, die wir bereits aus „Predigt auf den Untergang Roms“ kennen. Da ist Stéphane, ein begabter Student, der mit Abfassungen über die korsische Geschichte brilliert. Doch sein Herz gehört einer nationalistischen Untergrundorganisation, für deren Ziele er auch vor Gewalt nicht zurückschreckt. Stéphane verliebt sich in Virginie, eine sinnliche Kindfrau, von der er selbst nach seiner Heirat nicht loskommt. Virginies Mutter ist die Barbesitzerin Marie-Angèle, eine vom Leben gezeichnete, gütige Matriarchin. Ihr nahe steht Théodore, Ethnologie-Dozent und Hochstapler, der nach zahllosen Bettgeschichten seine Stellung an der Universität von Corte aufgeben musste und in dem kleinen Dorf Zuflucht sucht. Auf andere Weise gestrandet ist die Marokkanerin Hayet, die mit ihrem Bruder Khaled über das Mittelmeer geflüchtet ist und als Kellnerin bei Marie-Angèle ihr Auskommen findet. Als Hayets Beschützer schließlich versteht sich der Haudegen Vincent Leandri, ebenfalls im nationalistischen Untergrund tätig, insgeheim aber einem Aufenthalt im Indischen Ozean nachhängend.

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Es sind die scheinbar niedrigsten, und doch nachvollziehbaren Motivationen, aus denen diese Personen handeln und ein Schicksalskarusell in Gang setzen, das tragische Ausmaße annehmen wird. Es geht um Liebe und Sex, um Respekt und Macht, um Ehre, Loyalität und Rache. Die divergierenden Erzählperspektiven, mit denen uns Ferrari an die Geschehnisse heranführt, betonen jeweils andere Ausschnitte des Gesamtbildes. Die kurzen Episoden etwa, in denen Hayet von der Beziehung zu ihrem Bruder spricht, zeigen geschwisterliche Freundschaft und die Suche nach dem einfachen Glück. Als starker Kontrast dazu stehen die Schilderungen des Egomanen Théodore, der unter „Gedächtniswucher“ leidet und versucht, einen ihm wiederholt erscheinenden Geist zu entkommen. Jérôme Ferrari durchmisst Geschichte und Gegenwart, er öffnet dafür virtuos und mit sparsamen erzählerischen Mitteln einen kulturellen Raum, der weit über Korsika hinausgeht und Frankreich, ja sogar den gesamten Mittelmeerraum umfasst. Entwurzelte und Geflüchtete treffen auf sich krampfhaft an Traditionen klammernde Menschen. Schwarz-weiß-Schemata greifen in seinen Darstellungen selten, doch meist sind es die vermeintlich Bodenständigen, die auf die Veränderungen von außen mit Regress, Gewalt und Obsession reagieren. Ein Urteil fällt Jérôme Ferrari über sein Romanpersonal nicht, dazu ist er zu stark der Philosophie und der griechischen Tragödie verpflichtet. An manchen Stellen schimmert dunkler Humor durch, andernorts gehört seine Sympathie eindeutig denen, die wir „eines reinen Herzens“ bezichtigen können, die mit dem Rücken zur Wand stehen (Ferrari zitiert einen arabischen Text aus dem 8. Jahrhundert mit den Worten „Hinter Euch, das Meer…“) .

Die enorme stilistische Fingerfertigkeit, die „Predigt auf den Untergang Roms“ zu solch einem sinnlich-wuchtigen Prosaerlebnis (und zum rechtmäßigen Goncourt-Preisträger) machte, ist in diesem frühen Roman schon zu erahnen. Im Grunde ist „Balco Atlantico“ aber das konventionellere, zugänglichere Buch und damit der ideale Einstieg in Ferraris Werk. Wir begegnen hier einem begnadeten Schriftsteller, der banales Lokalkolorit links liegen lässt, sich selbst mit politischen Details wenig aufhält. Jérôme Ferrari führt uns dahin, wo die Aufklärung an ihre Grenzen kommt, direkt zum dunklen Glutkern menschlichen Handelns und Strebens.

Jérôme Ferrari „Balco Atlantico“, aus dem Französischen von Christian Ruzicska und Paul Sourzac. Gebunden, 174 Seiten. Secession Verlag 2013. 19,95 Euro.

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3 Gedanken zu „„Hinter Euch, das Meer…“

    1. Ich glaube, er wird bei uns noch viel bekannter werden. Es würde mich wundern, wenn nicht. Wenn Du philosophische Romane und einen virtuosen, aber eigenwilligen Schreibstil magst, kann ich Dir Ferrari sehr ans Herz legen.
      Herzliche Grüße und schöne Feiertage!

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