Kurzer Rückblick auf das Libroskop-Lesejahr 2013

Das zu Ende gehende 2013 war ein gutes Lesejahr, dank reichlich freier Zeit konnte ich mich wie nie zuvor auf die sich noch aus dem Vorjahr stapelnden oder neu gekauften Bücher stürzen und ein großes Lesepensum absolvieren. Zum Jahresende wage ich einen kurzen Rückblick auf die Lektüren, die für mich besonders beeindruckend, berührend und prägend waren.

2013 begann mit den „Parallelgeschichten“ von Péter Nádas und tatsächlich hat dieser Roman mein Jahr geprägt, immer wieder musste ich intensiv an einzelne Szenen, an die Atmosphäre und die Erzählstruktur peter-nadas_parallelgeschichtenzurückdenken. Ich hatte mir das Buch absichtlich für die lichtarmen Januarwochen aufgehoben, danach herrschte eine mehrwöchige Lesekrise: was soll an dieses fantastische Werk heranreichen? Was haben andere Autorinnen und Autoren dieser bewundernswerten Fähigkeit, durch Literatur die Zeit zu dehnen und den Figuren aufs instimste nahe zu kommen, entgegenzusetzen? Ich verschlang die 1700 Seiten regelrecht, führte zudem Lektüreprotokoll, um die feinen Nuancen des Textes nicht zu übersehen. Dabei ist der Roman nicht ohne Makel, die Tendenz, Figuren in unterschiedlichen Zeitkontexten auftauchen zu lassen, wirkt stellenweise konstruiert. Der Gesamteindruck war dennoch überwältigend und ich habe den Eindruck, eines der wirklich originären Wortkunstwerke des 21. Jahrhunderts gelesen zu haben.

Geschätzte 15 Jahre stand die zerfledderte, aus einer Remittendenkiste geangelte Taschenbuchausgabe von „Die Enden der Parabel“ in meinem Regal. Nach wenig beglückenden Erfahrungen mit den Werken Thomas Pynchons („Vineland“ und „Gegen den Tag“ hatte ich jeweils nach der Hälfte zur Seite gelegt) sollte ich gerade dieses hochkomplexe Opus magnum des großen Rätselhaften endlich in Angriff nehmen? Ja, und anscheinend war es der richtige Zeitpunkt, denn ich genoss die Lektüre durch und durch. Schnell machte ich mich von der Vorstellung frei, jedes Zitat und jede Anspielung in diesem Roman zu verstehen (was im Extremfall zur Lebensaufgabe werden kann, siehe hier). Stattdessen erfreute ich mich an Pynchons Sprachwitz, seinen virtuosen Stiladaptionen, an der Mischung aus historischen Bezügen, philosophischen Exkursen, Kalauern, Popzitaten und Paranoia. Allen, die es ebenfalls wagen wollen, rate ich, „Die Enden der Parabel“ mit der größtmöglichen Offenheit anzugehen, unverständliches zu ignorieren und auf jeden Fall bis zur mitreissenden zweiten Hälfte durchzuhalten.

Ein weiteres größeres Lektüreprojekt galt dem italienischen Schriftsteller Giorgio Bassani. Schon in den Jahren zuvor hatte ich einige seiner Werke gelesen, besonders eindrücklich war für mich sein Roman „Der Reiher“ (1968). Anlässlich einer Reise in Bassanis Heimatstadt Ferrara las ich nicht nur „Der Reiher“ noch einmal, sondern auch alle anderen, mir noch fehlenden und auf deutsch greifbaren Bücher: „Ferrareser Geschichten“, „Die Brille mit dem Goldrand“, „Der Geruch von Heu“ sowie den Memoiren- und Essayband „Erinnerungen des Herzens“. All diese Bücher durchweht eine leise Melancholie, mit der Bassani vom Schicksal der italienischen Juden während und nach dem Faschismus erzählt. Die intensive Beschäftigung liess mich erkennen, dass Bassani einen geradezu dialektischen Erzählstil wählte, um gesellschaftliche Verwerfungen festzuhalten und persönliche Lebensgeschichten zu erzählen. Wie gingen Jüdinnen und Juden, die den italienischen Faschismus anfangs teilweise unterstützt hatten, mit dem Inkrafttreten der Rassengesetze 1938 um? Wie wurden die Geschehnisse in der Nachkriegszeit verdrängt und verharmlost? Bassani erzählt hiervon dezent und poetisch, ohne die furchtbaren humanen Abgründe aus den Augen zu lassen.

Die U-Bahnfahrt zu meiner Arbeitsstelle dauert exakt zehn Minuten, ein Weg, den ich bei passendem palomaWetter lieber mit dem Fahrrad zurücklege. Die alltäglichen Pendelfahrten in den stickigen Waggons, die in der sowieso schon dunklen Jahreszeit einer gewissen Tristesse nicht entbehren, wurden für einige Wochen durch den Prosaband „Paloma“ von Friederike Mayröcker zu einem kleinen Glück. Diese Briefe „an einen Freund“ mit ihren flüchtigen Momenten der Verzauberung und des Scheiterns, mit ihrer orthografischen und poetischen Extravaganz hatten genau die richtige Länge für die U-Bahn und wurden zu meinem Lebenselixier. Ein Text am morgen, ein Text nach Feierabend und mein Arbeitstag war literarisch auf das wunderbarste und berührendste eingerahmt.

Eine gänzlich eigene Mischung aus Science Fiction, Fantasy und klassischer Literatur bot sich mir durch die Eis-Trilogie des russischen Autors Vladimir Sorokin dar. Die Romane „Ljod“, „Bro“ und „23000“ erzählen von den Mitgliedern einer geheimen Sekte, die als einzige über ein „sprechendes Herz“ verfügen. Zum Leben erweckt kann dieses Herz nur durch das Ljod-Eis eines Meteoriten werden. Ziel ist es, alle 23000 Herzen zu erwecken und das irdische Jammertal der „sprechenden Herzen“ zwischen den gewöhnlichen Menschen mit ihren niederen Existenzen hinter sich zu lassen. Ich habe diese verstörenden Bücher als eine große Allegorie auf die heutige Welt gelesen, auf das Elitedenken und die Entsolidarisierung, auf die Heilsgedanken der modernen Esoterik. Sorokin provoziert uns, indem er diese Parabel in einem nüchternen, vollkommen neutralen Ton erzählt. Wir als Lesende sind aufs äußerste gefordert. Unsere Sehnsüchte nach Gerechtigkeit, nach einem besseren Leben, nach „Erlösung“ werden auf die Probe gestellt.

Wie immer spielte auch Literatur aus Japan eine Rolle in meinem Lesejahr. Nachdem die deutschen katoÜbersetzungen aktueller japanischer Autorinnen und Autoren immer seltener werden, griff ich zu älteren Werken. Besonders gut gefallen haben mit die „Schafsgesänge“ von Shuichi Kato, ein autobiografischer Band in dem der Autor von seinen Reisen im Nachkriegseuropa berichtet und seinen Werdegang als junger Intellektueller reflektiert. Von dem Alltag einer jungen alleinerziehenden Frau erzählt Yuko Tsushima mit einem grandiosen Gespür für Feinheiten in ihrem Roman „Lichtkreise“. Außerdem las ich weiter im Werk von Mori Ogai, dem Klassiker der modernen japanischen Literatur. Die Erzählung „Die Tänzerin“ über seine Zeit in Berlin in den 1880er Jahren und seine autobiografische „Vita sexualis“ haben mich tief beeindruckt.

Über einige aktuelle Neuerscheinungen habe ich in diesem Blog bereits geschrieben bzw. die Autorinnen und Autoren interviewt. Besonders hervorheben möchte ich die Novelle „Der Frühling der Barbaren“ von Jonas Lüscher und Mirko Bonnés Roman „Nie mehr Nacht“ als Höhepunkte des Jahrgangs in der deutschen Gegenwartsliteratur. Als große Sprachstilisten habe ich zwei französische Autoren genossen: Jérôme Ferrari mit seinen in 2013 auf deutsch erschienenen Romanen „Predigt auf den Untergang Roms“ und „Balco atlantico“ sowie Sylvain Tesson mit seinem Reiseessay „Kurzer Bericht von der Unermesslichkeit der Welt“. Die Tagebücher von Imre Kertész waren sicher die erschütterndste Lektüre meines Herbstes. Mit Maike Albaths Büchern „Der Geist von Turin“ (anlässlich eines Piemont-Aufenthaltes wiedergelesen) und „Rom, Träume“ tauchte ich tiefer in die italienische Literatur der Moderne ein. Wunderbare Neuveröffentlichungen älterer Werke lagen zudem mit „Astragalus“ von Albertine Sarrazin, „Roman mit Kokain“ von M. Agejew sowie „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow vor.

Deutlich zurückgegangen ist meine Beschäftigung mit Comics oder Graphic Novels. Aus diesem Jahr erscheinen mir drei Leseerfahrungen als erwähnenswert. Am schönsten fand ich „Portugal“ von Cyril Pedrosa, eine wunderbar lebendige Selbstfindungsgeschichte. Neues Terrain für den Comic beschreitet meiner Meinung nach Manuele Fior mit „Die Übertragung“, einer in monochromen Schwarz-weiß-Bildern erzählten Mischung aus Science Fiction, Psychoanalyse und Gesellschaftskritik (leider ist der Schluss etwas esoterisch). Außerdem konnte ich meiner Leidenschaft für Jiro Taniguchi frönen mit „Der geheime Garten von Nakano Broadway“.

Natürlich kann dieser Überblick nicht vollständig sein oder alle berückenden Lektüreerlebnisse abbilden. Gäbe es nicht noch etwas zu Natalia Ginzburgs „Die Stadt und das Haus“ zu sagen, zu ihrer schlichten Sprache, mit der sie dennoch so tief zu schürfen vermag? War nicht „Das Seil“ von Claude Simon, diese mit großem Vorwärtsdrang das autobiografische und das philosophische verschränkende Prosa, ein Ereignis? Schließenluiselli möchte ich aber mit dem Debüt der mexikanischen Autorin Valeria Luiselli. Ihr Roman „Die Schwerelosen“ spielt mit Erzählperspektiven, mit Wahrheit und Fiktion, mit Vergangenheit und Gegenwart. Beim Lesen stellte sich tatsächlich ein Schweben ein, eine taumelnde Verunsicherung, die ich geniessen konnte und die mir auf wundervoll beiläufige Art die Kraft der Literatur zeigte. Während ich also beim Kinofilm „Gravity“ die dank aufwendigster Trickverfahren erzeugte Schwerelosigkeit der Filmfiguren nur sehen konnte, übertrug sie sich bei Valeria Luiselli direkt auf mich. Ein freies Umherschweben im Reich der Literatur, mit dem dieses kleine Buch das große Medienereignis „Gravity“ klar auszustechen vermochte.

Zu guter Letzt möchte ich mich bei allen Leserinnen und Lesern sowie bei allen bloggenden Kolleginnen und Kollegen bedanken. Die Resonanz auf meine ersten Monate mit LIBROSKOP war sehr ermutigend, vielen herzlichen Dank für das Feedback und die Begleitung! Ich freue mich schon auf den Austausch und die Lektüren in 2014.

Alles Gute wünscht
Tobias Lindemann

4 Gedanken zu „Kurzer Rückblick auf das Libroskop-Lesejahr 2013

  1. Deine Eindrücke zum Roman von Peter Nadas machen mir Mut, mich doch noch einmal an das Buch heran zu wagen. Ich habe es bereits seit Längerem im Regal, bisher aber noch ungelesen – 1700 Seiten sind doch ein bisschen abschreckend, auch wenn ich mich noch gerne an den januar dieses Jahres zurückerinnere, in dem ich „Wer wir sind“ las – auch ein umfangreiches Werk.

    1. Liebe Mara,
      danke für Dein Feedback. Das Tolle an den „Parallelgeschichten“ ist, dass sie nicht kompliziert zu lesen sind. Evtl. macht es Sinn, zu den vielen Figuren ein paar Notizen anzulegen, damit einem die Feinheiten nicht entgehen. Aber auch ohne das ist es ein lohnendes Buch, weil die Sprache wunderbar vielfältig und feinfühlig ist. Ich kann Dich also nur ermutigen!
      Viele Grüße und ein gelungenes 2014!
      Tobias

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