Lese-Vorfreude – eine kleine Auswahl aufregender Neuerscheinungen im Frühjahr 2014

Was im neuen Jahr an Veröffentlichungen ansteht, das lassen die Verlage bereits im November in ihren Vorschauen durchschimmern. Gut informierte Bücherfreundinnen und -freunde haben sich also schon einen Überblick verschaffen können. Ich habe mir ganz subjektiv und nach meinen eigenen Interessen die wichtigsten Neuheiten herausgepickt – interessante Bücher, die in der Veröffentlichungsflut nicht untergehen sollten.

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Januar

Das Jahr hat kaum begonnen und schon gibt es zahlreiche Gründe, sein Geld in die Buchhandlung des Vertrauens zu tragen. So erscheint am 9. Januar (fast eineinhalb Jahre nach dem englischen Original) der aktuelle Roman von Zadie Smith in der deutschen Übersetzung. „London NW“ (Kiepenheuer & Witsch) ist Smiths Hommage an den Londoner Nordwesten, wo sie seit Jahren lebt. Einwanderer-Communities treffen hier auf das Londoner Bürgertum, eine kulturelle Kollision, die die Schriftstellerin bereits in der Vergangenheit inspirierte. Die britische Presse zeigte sich begeistert, mal sehen, wie die Reaktionen hierzulande ausfallen werden. Ebenfalls zwischen den Kulturen bewegt sich die junge mexikanische Autorin Valeria Luiselli, deren wunderbarer, 2013 auf deutsch erschienener Roman „Die Schwerelosen“ eines der originellsten Debütwerke der letzten Jahre war. Der Verlag Antje Kunstmann reicht nach der guten Resonanz nun Luisellis Essayband „Falsche Papiere“ nach. Texte, die poetisch zwischen Reportage, Alltagsbeobachtung, Fiktion und philosophischen Betrachtungen hin und her schwingen. Mit großer Spannung erwartet wird eine Januar-Novität aus dem Hause Suhrkamp: die letztjährige Bachmann-Preisträgerin Katja Petrowskaja veröffentlicht ihren Debütroman „Vielleicht Esther“. Schon der in Klagenfurt gelesene Text wußte durch seine eigenwillige Poetik zu begeistern, mit der sich die Autorin der unabgeschlossenen Geschichte ihrer Familie annähert. Nun wird sich zeigen, ob Petrowskaja das Niveau auf Romanlänge halten kann. Ebenfalls bei Suhrkamp erscheinen Auszüge „Aus dem Berliner Journal“ von Max Frisch, die nicht nur tiefe Einblicke in den Schaffensprozess des Schriftstellers, sondern auch in den Literaturbetrieb der 1970er Jahre bieten. Die Andere Bibliothek schließlich trägt Sorge, dass eines der einflussreichsten und schönsten Reisebücher überhaupt wieder aufgelegt wird: „Der Weg nach Oxiana“ von Robert Byron. Dieser Nachfahre des berühmten Lords reiste 1933 über Venedig nach Palästina, Persien und Afghanistan. Erlebnisse von unterwegs und seine kenntnisreichen Betrachtungen zu Kultur und Politik collagierte er zu einem Text, den ReiseschriftstellerInnen bis heute bewundern. In der Reihe „Extradrucke“ wird dieses Buch als schön ausgestattete Luxusbroschur mit einem Vorwort von Bruce Chatwin erscheinen.

Februar

Die Veröffentlichungswelle erreicht noch vor dem Frühlingsbeginn ihren Peak, zumindest gefühlt. Hier fällt die Beschränkung auf wenige Titel schwer, aber man kann ja nicht alles lesen, deshalb nur das Gute und Beste. Beispielsweise ein weiterer Roman des russischen Schriftstellers Gaito Gasdanow, dessen Wiederentdeckung im letzten Jahr für Furore sorgte. „Ein Abend bei Claire“ (Hanser) spielt im vorrevolutionären Russland von 1917 und wird vom Verlag als Erinnerung an die Jugend, aber auch als Abgesang auf die große Liebe angekündigt. Der neue Roman des US-Autors Jonathan Lethem führt uns nach New York City, genauer in die Stadtteile Brooklyn und Queens. „Der Garten der Dissidenten“ (Tropen bei Klett Cotta) erzählt generationsübergreifend von politischem Aktivismus und familiären Verwerfungen. Briefe des Beat Poets und Cut Up-Experimentalisten William S. Burroughs aus den Jahren 1959 bis 1974 erscheinen unter dem Titel „Radiert die Worte aus“ erstmals auf deutsch (Verlag Nagel & Kimche). Nahe an der Realität bewegt sich der französische Schriftsteller und Filmemacher Emmanuel Carrère. Mit seinem Buch „Alles ist wahr“ (Matthes & Seitz Berlin) versucht er, Erlebtes mittels Literatur zu bändigen und den großen Katastrophen des Lebens ohne Kitsch Paroli zu bieten. Einer ungeklärten Katastrophe, nämlich dem Tod der Tochter, war der deutsche Schriftsteller Franz Jung auf der Spur. Sein Roman „Das Jahr ohne Gnade“ erschien erstmals 1947, mit ihm setzt die Edition Nautilus ihre Jung-Werkreihe fort. Ebenfalls bei Nautilus (wo übrigens 40. Geburtstag gefeiert wird) erscheint ein neuer Roman des Musikers Hans Platzgumer (früher u. a. bei H. P. Zinker und den Goldenen Zitronen). „Korridorwelt“ erzählt die Geschichte des nach Kalifornien ausgewanderten Straßenmusikers Julian und sein Überleben nach einem Erdbeben. Ein früher Roman des Münchner Schriftstellers Benjamin Stein wird im Verbrecher Verlag neu aufgelegt. „Das Alphabet des Rabbi Löw“ wurde dazu vom Autor intensiv überarbeitet, ein „Director’s Cut“ sozusagen. Eine weitere Neuauflage bietet Diaphanes, der Verlag aus Zürich macht das autobiografische Fragment „Rue Ordener, Rue Labat“ der französischen Philosophin Sarah Kofman wieder zugänglich.

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März

Monatelang beobachtete der Schriftsteller J. A. Baker ein Wanderfalkenpaar in der Nähe seines Wohnortes in Essex, England. Aus der obsessiven Beschäftigung entstand ein Klassiker der Naturbeschreibung: „The Peregrine“, zu deutsch „Der Wanderfalke“. Dieses außergewöhnliche Buch eines wissenschaftlichen Laien erscheint nun endlich in der Übersetzung als Teil der Reihe Naturkunden bei Matthes & Seitz Berlin. „Wider die Natur“ heißt eine weitere wichtige Veröffentlichung aus diesem Verlag, dem norwegischen Autor Tomas Espedal geht es aber nicht um Flora und Fauna, sondern um die menschliche Natur und ihre Unzulänglichkeiten, vor allem in Liebesdingen. Welch großartiger Schriftsteller Espedal ist, bewies er bereits mit „Gehen. Oder die Kunst ein wildes und poetisches Leben zu führen“. Wild und poetisch war auch das Debütwerk der jungen Schweizerin Dorothee Elmiger. „Einladung an die Waghalsigen“ hieß es, nun folgt ihr zweites Buch, ein Roman, der sie einmal mehr als neuartige (politische?) Schriftstellerin zeigt. „Schlafgänger“ (Dumont) widmet sich Grenzgängerinnen und Randexistenzen und lässt diese zu Wort kommen. Wie wenig widerständige Politik in der hippen Jugend Berlins steckt, darüber schreibt Francesco Masci in seinem Essay „Die Ordnung herrscht in Berlin“ (Matthes & Seitz) polemisch und aufklärerisch. Und weil wir schonmal bei politischer Literatur sind: auch von Dietmar Dath steht neues an. „Feldeváye“ (Suhrkamp) ist ein Science Fiction-Roman über Kunst und was sie für die Menschen – ihre Entwicklung bzw. den menschlichen Fortschritt – bedeutet. Eine spannende Entdeckung schließlich in der Reihe „Kometen“ der Anderen Bibliothek: mit „Philisterburg“ erscheint eine Erzählung des Franzosen Jacques Decour, der 1930 als Austauschlehrer in Magdeburg lebte. Er ahnte voraus, was nur wenig später in Deutschland passieren sollte, auch wenn es seine Zeitgenossen zu Hause nicht wahrhaben wollten.

April / Mai

Gegen April lässt die Frequenz der Neuerscheinungen deutlich nach, was auch der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft geschuldet sein dürfte. Schließlich machen sich solche Großereignisse heute selbst im Feuilleton breit, die Aufmerksamkeit für neue Bücher geht deutlich zurück. Über zu wenig Resonanz dürfte sich allerdings die US-Autorin Chimamanda Ngozi Adichie nicht beklagen. Sie wird regelmässig als eine der wichtigsten jungen Autorinnen genannt, ihr feministischer Vortrag bei TEDx sorgte auf Youtube für Furore und wurde jüngst von der R&B-Sängerin Beyoncé gesampelt. Nun erscheint mit „Americanah“ ihr erster Roman auf deutsch (bei S. Fischer), die Geschichte von zwei Menschen, die das Leben nach Nigeria, Großbritannien und in die USA verschlägt, die aber nicht voneinander loskommen. Unter dem Titel „Strange Fruit“ erscheint Anfang Mai eine Auswahl von Reportagen der argentinischen Autorin Leila Guerriero (Ullstein Verlag). Sie gilt als eine der angesehensten Journalistinnen Lateinamerikas und schreibt u. a. für El País, ihre hochliterarischen Texte brachten ihr bereits Vergleiche mit Joan Didion ein. Aus Brasilien hingegen stammt der Schriftsteller Luiz Ruffato, seine Romane waren eine der Entdeckungen des Buchmesseschwerpunktes 2013. Der Verlag Assoziation A veröffentlicht mit „Feindliche Welt“ den zweiten Band des Romanzyklus „Vorläufige Hölle“ über das Leben der unteren Bevölkerungsschichten in dem aufstrebenden Schwellenland. Über die Wirren einer sardischen Familie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs schreibt hingegen der Italiener Marcello Fois. „Zwischen den Zeiten“ erscheint in der Anderen Bibliothek und der Verlag verspricht ein sprachmächtiges, atmosphärisches Werk.

Zu guter Letzt noch vier Bücher, die in den Sommermonaten erscheinen werden. Im Juni wird mit „Die Ewigen“ der zweite Roman des Argentiniers Martín Caparrós auf deutsch vorliegen, die Geschichte von Nito, der wie kein zweiter über das Sterben der Menschen schreiben kann. Die Ankündigung verspricht eine mit bissigem Humor geschriebene kulturkritische Reflexion. Im Rowohlt Verlag wird eine weitere Neuübersetzung aus dem Werk William Faulkners erscheinen, sein Roman „Schall und Wahn“ über den Niedergang der Südstaaten-Familie Compson. Der Diaphanes Verlag schließlich wagt sich an den französischen Autor Pierre Guyotat, der seit den 1960er Jahren in Frankreich immer wieder mit den großen Avantgardisten wie Artaud, Bataille oder Genet in Verbindung gebracht wird. Seine provokanten, herausfordernden Texte lösten regelmässig Kontroversen aus, brachten ihm aber auch viel Bewunderung von Kollegen wie Michel Leiris, Claude Simon oder Pier Paolo Pasolini ein. Bei Diaphanes erscheint im August Guyotats Roman „Grabmal für fünfhunderttausend Soldaten“ erstmals auf deutsch, begleitet von einem kleinen Band mit Essays und Notizen unter dem Titel „Myself“.

Soweit meine völlig subjektive Vorschau auf das erste Halbjahr 2014 und seine spannendsten Neuerscheinungen. Übrigens scheinen einige Verlage die Anzahl der neuen Bücher etwas zu reduzieren, was ich mit Zahlen nicht beweisen kann, aber die Kataloge wirken mancherorts angenehm abgespeckt. Manchen Leserinnen und Lesern wird auffallen, dass nur wenig deutsche Gegenwartsliteratur dabei ist. Nun, die Verlage lancieren jährlich etliche neue Autorinnen und Autoren, leider ist es anhand der Vorschauen schlecht möglich, sich über diese ein umfassendes Bild zu machen. Hier wird es sicher noch einiges zu entdecken geben und auch darauf können wir uns schon freuen!

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8 Gedanken zu „Lese-Vorfreude – eine kleine Auswahl aufregender Neuerscheinungen im Frühjahr 2014

  1. Lieber Tobias,

    du machst mich unglücklich. Weil ich weiß, dass ich nicht mal bei Weitem all diese schönen von dir zusammengetragenen Bücher werde lesen (und im Regal stehen haben!) können. Zumindest den neuen Carrère setze ich gleich oben auf meine Wunschliste. Seine Limonow-Biographie fand ich fantastisch.

    Ich glaube, dir könnte ich (m)einen Büchereinkauf vertrauensvoll überlassen …

    Herzliche Grüße
    Holger

    1. Lieber Holger,
      herzlichen Dank für Dein Vertrauen! Schön, dass ich Deinen Geschmack getroffen habe, sozusagen. Du hast recht, es ist schon sehr viel, was da auf uns einprasselt. Wenn ich genauso viele Bücher wie 2013 schaffe, ist mein halbes Jahrespensum mit den Frühjahrsnovitäten schon gedeckt. Eigentlich prima, doch leider liegen hier noch ein paar andere Bücher herum, die gelesen werden wollen…. wahrscheinlich geht es Dir ähnlich…
      Herzliche Grüße
      Tobias

  2. Auch für mich ist hier eine genze Menge dabei! Manch ein Buch ist mir auch schon beim Wälzen aufgefallen, zweifellos der Carrère, weil auch ich ,Limonow‘ großartig fand, aber so einige Bücher, die du vorstellst,sind mir auch durch die Lappen gegangen. Ein toller Ausblick, vielen Dank dafür! Liebe Grüße, Sophie

  3. Das sind einfach zu viele gute Bücher, die Du zusammengestellt hast, lieber Tobias. Ich bleibe etwas hilflos mit arg ausgeweiteter Lektüreliste zurück… 🙂 Viele Grüße und danke für die Lesetipps, Andrea

    1. Wie sagte mein esoterischer Arbeitskollege im Krankenhaus immer: alles kann, nichts muss. 😉
      Danke für’s lesen und wenn das eine oder andere Buch aus meiner Auswahl in Deinem Regal landet, dann freut es mich sehr.
      Herzliche Grüße
      Tobias

  4. Wunderbar, dass Luisellis Essays jetzt bald auch auf Deutsch vorliegen werden. Dann muss ich mich nicht länger (mehr oder weniger erfolglos) durch das spanische Original kämpfen. vielen Dank für diese überaus wertvollen Informationen.

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