Von Menschensaugern, Doppelgängern und kalten Herzen

Der Einfluss der schwarzen Romantik auf die Populärkultur der Jetztzeit ist enorm. Mit ihrem Buch „Nachtmeerfahrten – Die dunkle Seite der Romantik“ begibt sich Simone Stölzel auf eine erhellende und unterhaltsame Reise zu den literarischen Quellen.

Zweifelsohne, die düstere Seite der Romantik ist seit einigen Jahren enorm en vogue. Vampire und Wiedergänger stürmen erfolgreich die Kinoleinwände, Klassiker der Epoche werden neu übersetzt und in Pastichen schier endlos recycelt. Popkulturelle Strömungen wie Gothic oder Steampunk bedienen sich sorglos im ästhetischen Repertoire der „schwarzen Romantik“ und die gleichnamige Ausstellung im Frankfurter Museum Städel vor einem Jahr wurde zum Publikumsmagneten. Es scheint also angebracht, sich aus postmoderner, populärkultureller Sicht der Epoche anzunähern und genau das hat die Kulturwissenschaftlerin Simone Stözel getan. Mit „Nachtmeerfahrten“ stellt sie eine Auswahl von Texten der schwarzen Romantik vor und setzt sie in Kontext zueinander und zu späteren Werken der Literatur, zeigt Auswirkungen auf Science Fiction, expressionistischen Film und Kriminalroman.

Zunächst überrascht beim Lesen die Anzahl an gängigen Geschichten und Romanen, die Stölzel ins Auge fasst. Die Autorin ist dabei nicht zimperlich und räumt „Nachläufern“ der Romantik (die per Definition um 1850 endete) gehörig Raum ein. Entsprechend finden sich neben E.T.A. Hoffmann, Ludwig Tieck, Mary Shelley oder Edgar Allen Poe auch Bram Stoker („Dracula“ erschien 1897), Robert Louis Stevenson und Oscar Wilde (beide ab den 1870ern als Autoren tätig) mit ausführlicher Würdigung ihrer Schlüsselwerke wieder. „Frankenstein“, „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ oder „Der Untergang des Hauses Usher“ gehören heute zum Allgemeingut. Stölzel macht immer wieder darauf aufmerksam, wie diese Stoffe durch Filmadaptionen und Nacherzählungen trivialisiert und ihres literarischen Wertes beraubt wurden. Ihre Analyse dieser Texte zielt auf die psychologischen und weltanschaulichen Motivationen. In der Schilderung der Kehrseite des menschlichen Geistes – Jahrzehnte vor der Erfindung der Psychoanalyse – sieht Stölzel auch das emanzipatorische Potenzial. Diese „dunkle Seite“ wurde von den Denkern der Klassik gerne negiert, ihr Streben nach Ganzheit und Reinheit mochte die menschlichen Abgründe nicht dulden.

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Neben den populären Stoffen widmet sich Simone Stölzel auch einigen weniger geläufigen Autorinnen und Autoren. Namen wie August Klingemann, Joseph Sheridan Le Fanu oder Gérard de Nerval tauchen auf, literarische Kategorien wie das Kunstmärchen werden behandelt. Auch auf wichtige Motive der schwarzen Romantik wie den Doppelgänger, den bösen Meister oder die Endzeitvision geht die Autorin ein. Unter den unbekannteren Texten gibt es echte Entdeckungen zu verzeichnen, wie die wahnhafte Erzählung „Der Horla“ von Guy de Maupassant über einen Mann, der denkt, von einem brasilianischen Gott befallen zu sein. Nicht einmal ins deutsche übersetzt wurde der Roman „The Last Man“ von Mary Shelley, der mit seiner Geschichte vom Aussterben der Menschheit am Ende des 21. Jahrhunderts als früher Vorläufer einer Science Fiction-Dystopie gelten darf. Stölzel spannt von hier aus einen Bogen über Alfred Kubins „Die andere Seite“ bis zu Stanislaw Lems „Solaris“ und damit zu den Trugbildern und Traumwelten des 20. Jahrhunderts.

Mit „Nachtmeerfahrten – Die dunkle Seite der Romantik“ hat Simone Stölzel eine elegant geschriebene Einführung in die Thematik vorgelegt, die zu einer weiteren Beschäftigung mit der Materie einlädt. Eine kritische Haltung zu Ihrem Forschungsgegenstand lässt die Autorin allerdings über weite Strecken vermissen. Dabei müsste man nicht so weit wie Peter Hacks in seiner Polemik „Zur Romantik“ gehen, um fragwürdige Haltungen bei den Romantikern zu finden und vor allem bei denen, die sich in späterer Zeit auf sie beriefen. Denn nicht nur die Surrealisten und (in der bildenden Kunst) die Expressionistinnen bezogen sich auf diese Epoche, sondern auch völkische und revisionistische Denker und Literaten. Der Gebrauch romantischer Motive im Dritten Reich brachte die Romantik zu recht in Verruf, die Neubewertung in jüngster Zeit muss daher unter aufklärerischen Vorzeichen geschehen und die Fehler der Geschichte reflektieren. Immerhin erkennt Stölzel in vielen schwarzromantischen Texten den Hang zur Nabelschau und kommt zu dem schönen Schluss, was das „entgrenzte Ich“ der schwarzen Romantik die Menschen heute lehren könnte: „Nicht im Spiegel seiner selbst, sondern im Auge eines Gegenübers kann er sich auf neue Weise selbst entdecken und dem ständigen Kreisen um die eigenen Abgründe entgehen.“

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Simone Stölzel „Nachtmeerfahrten – Die düstere Seite der Romantik“. Leinen im Pappschuber, 380 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Die andere Bibliothek 2012, 36,- Euro.

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4 Gedanken zu „Von Menschensaugern, Doppelgängern und kalten Herzen

    1. Liebe Petra,
      ja, sogar an mehreren Stellen wird Mario Praz erwähnt, Stölzel kritisiert ihn allerdings in einigen Punkten. Leider finde ich die entsprechenden Stellen auf die Schnelle nicht, da ein Namensregister fehlt…
      Herzliche Grüße
      Tobias

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