„Falsche Papiere“ – ein Band mit Essays von Valeria Luiselli

Ihr Roman „Die Schwerelosen“ machte sie zum Kritikerliebling, in ihren essayistischen Texten zeigt sich die junge mexikanische Autorin Valeria Luiselli nun als großartige Chronistin unseres Zeitalters der Unbehaustheit.

Mit ihrem Roman „Die Schwerelosen“ erschien 2013 ein erstes Buch von Valeria Luiselli auf deutsch. Die 1983 in Mexiko City geborene Autorin wurde als großartiges neues Talent gefeiert, und tatsächlich ist der virtuos komponierte Roman eine Art literarische Zentrifuge, wie man sie beim Lesen nur selten erlebt. Mit einer Mischung aus lakonischem Humor und Großstadtmelancholie fliegen einem Fiktion und Realität, Zeitebenen und Erzählstränge so lange um die Ohren, bis sich tatsächlich ein Zustand des Schwebens einstellt. Anscheinend fanden „Die Schwerelosen“ durchaus ihr Publikum im deutschen Sprachraum, schiebt der Verlag doch nun Luisellis Essayband „Falsche Papiere“ nach, ihr Debüt, das im Original bereits 2010 erschien.

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Was sich zu gedanklichen Abstraktionen aufschwingt, beginnt hier ganz profan: Eines morgens heben Bauarbeiter eine Grube vor dem Haus Valeria Luisellis aus, direkt vor der Haustür. Der Autorin geht auf, dass sie am Nachmittag nicht mehr problemlos auf den Gehsteig hinaustreten können wird. Was ist zu tun? Wie lässt sich die Lücke schließen? Von diesem alltäglichen Ereignis springen die Gedanken Luisellis zu den Leerstellen in der Sprache, zur Fremdheit von Übersetzungen, zu den Stottergedichten des Exilschriftstellers Gherasim Luca. Schließlich landet sie bei Proust, Cioran, Wittgenstein und kommt zu der Erkenntnis:

„Fühlt der Schreiber sich nicht in der eigenen Sprache zu Hause, verwandelt er die Schuppen zu Treppen. Er steigt hoch zum Gipfel seiner Sprache, durchbohrt sie von innen, geht wie ein Seiltänzer auf dem Dachfirst entlang.“

Valeria Luisellis Essays beginnen mit Verortungen und gelangen auf höchst poetische und leichtfüßige Weise zur Literatur und zur Philosophie. Die Ausgangspunkte können vielfältig sein: Ein animiertes Flugzeug, dass auf einem LCD-Bildschirm über schier endloses Blau fliegt. Eine Fahrt mit dem Rad durch die Stadt. Oder eben ein Loch im Boden, dass einen plötzlich vom Rest der Welt trennt. Straßennamen, Flüsse, Verkehrsschilder, sie tauchen als Zwischenüberschriften auf und machen Bewegungen deutlich. Luiselli ist Flaneurin, doch im Kern scheint es ihr um ein Gefühl zu gehen, das für unsere Zeit typisch sein mag: Unbehaustheit.

Ein Zweifel, der bei einer nächtlichen Odyssee durch Venedig aufkommt oder beim Einräumen des Bücherregals nach einem Umzug. Ein Aufplatzen von Nähten, ein Sich-fremd-Fühlen, das zum Schwindel führen kann. Das vielleicht sogar krank macht – oder ist es nur Hypochondrie? Welches Mittel mag helfen? Klar, die Literatur. Die Zahl der Schutzheiligen, die Valeria Luiselli zur Hilfe ruft, ist groß: Walter Benjamin, Pessoa, Barthes, Rousseau, Duras, Sebald, Beckett. Eine besondere Rolle spielt Joseph Brodsky, die beiden Texte über das Aufsuchen seines Grabes rahmen diesen Essayband vorne und hinten ein. Es sind vorwiegend europäische Autorinnen und Autoren, die es der jungen Mexikanerin angetan haben, auffällig viele davon lebten (zeitweise) im Exil. Die Zitate und Bezüge vermeiden das Streberhafte und zeigen vielmehr, wie tief sich Valeria Luiselli trotz der Kürze ihrer Texte und trotz des leichten Grundtons gedanklich in ihre Materie hinein begibt. Zur romantischen Verklärung taugt ihr die Literatur allerdings nicht. So schreibt sie:

„Nichts liegt der Wahrheit ferner, zumindest in meinem Leben, als die Metapher der Literatur als bewohnbarer Raum oder dauerhafter Wohnort. Im besten Fall ähneln Bücher, die wir lesen, oder Texte, die wir schreiben, gewissen Hotelzimmern, die wir erschöpft um Mitternacht betreten und aus denen wir mittags wieder hinausgeworfen werden …“

Doch sind es nicht Hotelzimmer, in denen es sich häufig am besten nachdenken lässt? Luiselli geht diesen Gedankengang auch in die entgegengesetzte Richtung: die Räume, von denen sie schreibt, werden zu Literatur, beispielsweise der leere Raum im Herzen der Stadt, relingo genannt, der bei ihr zu „allem, was wir nicht gelesen haben“ wird.

„Falsche Papiere“ – im Titel klingen bereits die großen Themen dieses schmalen Buches an: Illegalität, Flucht, Exil, Melancholie, Literatur. Wenn sie von der „Krankheit der Staatsbürgerschaft“ schreibt, scheint sogar etwas Rebellisches in Valeria Luisellis Texten auf. Faszinierend, geradezu zauberhaft ist aber die Eleganz dieser Essays, die noch dazu eine Einheit ergeben, sich fast wie ein Roman lesen lassen, auf jeden Fall aber sehr berührend und gleichzeitig sehr anregend sind. Dass es sich bei diesem klugen Buch um das Debüt der Autorin handelt, diese Tatsache lässt einen immer wieder ungläubig die Augen reiben.

Valeria Luiselli „Falsche Papiere“. Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz und Nora Haller. Gebunden, 128 Seiten. Verlag Antje Kunstmann, 16,95 Euro.

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3 Gedanken zu „„Falsche Papiere“ – ein Band mit Essays von Valeria Luiselli

  1. Danke für diese anregende Besprechung! Das Buch liegt hier bereits und ich freue mich schon sehr auf die Lektüre, nach deinen Eindrücken noch ein bisschen mehr. „Die Schwerelosen“ habe ich mit großer Begeisterung gelesen, auch wenn ich nicht behaupten kann, alles verstanden zu haben.

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