Ganz unten in Spanien

Rafael Chirbes geht in seinem neuen Roman „Am Ufer“ der Frage nach, wie die Eurokrise Spanien verändert hat. Er erzählt von zerstörten Biografien und der alltäglichen Gier nach mehr, von der sich kaum jemand befreien kann.

Das Sumpfgebiet, das die Natur in der Nähe des kleinen Küstenortes Olba zwischen Meer und Dünen entstehen liess, birgt einige Geheimnisse. Hier gibt es versteckte Quellen, aus denen überraschend klares Wasser fließt. In einigen Tümpeln lässt sich prima angeln, ein Wissen, dass Väter und Onkel an ihre Nachkommen weitergeben. Am Rande der morastigen Landschaft, an der Landstraße, stehen Prostituierte und bieten ihre Dienste an, viele von ihnen illegal hier lebende Ukrainerinnen und Russinnen, die mit den gestandenen Familienvätern aus Olba auf einem vor allzu neugierigen Blicken abgeschirmten Feldweg verschwinden. Und hierhin zieht es auch immer wieder diejenigen, die ihrem Leben selbst ein Ende bereiten möchten.

Mit solch einer Verzweiflungstat und dem Fund von zwei Leichen beginnt auch der Roman „Am Ufer“ von Rafael Chirbes. Der spanische Autor hat sich schon vielfach mit den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in seinem Heimatland auseinandergesetzt. Er hat die Franco-Diktatur beschrieben und das Mitläufertum zu dieser Zeit sowie die Schwierigkeiten, nach fast 40 Jahren autoritärem Regime zur Demokratie zu wechseln. Chirbes erzählt aus der Perspektive der „kleinen Leute“, lässt sie allerdings nicht ungeschoren davonkommen. Seine Werke sind von einem kritischen und düsteren Blick auf die Ereignisse geprägt, der kaum einen verschont. Auch „Am Ufer“ bildet hier keine Ausnahme, es ist ein Buch der Bitterkeit und der schonungslosen (Selbst-) Analyse.

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Die Stimme, die uns durch den Roman trägt, gehört Esteban. Der gelernte Schreiner geht auf die siebzig zu, er hat vor einigen Jahren den väterlichen Betrieb übernommen und durch riskante Geschäfte alles verloren. Sein Vater – längst über neunzig und als Pflegefall auf Estebans Hilfe angewiesen – war Kommunist, wurde von den Falangisten im Bürgerkrieg eingekerkert und trat nach seiner Freilassung in die innere Emigration. „Wir beuten niemanden aus“ wurde zu seinem Leitspruch, zu einer Art Minima Moralia unter der faschistischen Diktatur. Im bescheidenen Handwerksbetrieb arbeiteten Vater und Sohn mit einem Gesellen, große Geschäfte waren ebenso verpönt wie die Ambitionen Estebans, Kunstbildhauer zu werden. Von diesem Vater, der nach dem Tod des ältesten Sohnes zunehmend verhärtet, wenden sich Estebans Geschwister früh ab und ziehen weg. Auch die fürsorgliche, sanfte Mutter kann daran nichts ändern. Der kommunistische Geist, den der Vater retten und weitergeben wollte, hat die Franco-Zeit nicht überstanden: Estebans Schwester sucht ihr Glück als brave Mutter bei einem gut verdienenden Ehemann, sein Bruder wird zum lebensunfähigen Hallodri, ständig auf der Suche nach billigen Kicks und schnellem Geld. Mit seinem ehemaligen Schulkameraden Francisco, aus einer Falangisten-Familie stammend, entdeckt Esteban eine Zuflucht in der alternativen Gegenkultur, hört Lou Reed und nimmt das erste Mal Drogen. Doch auch Francisco ist auf der Flucht, tauscht das provinzielle Olba gegen das schillernde Madrid ein. Er spannt Esteban seine erste (und einzige) Liebe aus, wird schließlich zum Snob und macht Karriere als Restaurantkritiker. In die Jahre gekommen, bleiben Esteban seine sich mit mediokren Aufträgen dahinschleppende Schreinerei, die allabendlichen Kartenspiele in der Dorfkneipe und die Schwärmerei für seine kolumbianische Haushaltshilfe Liliana. Von seinem Leben frustriert, denkt er, mit der Beteiligung an den Geschäften des Bauunternehmers Tomás Pedrós endlich das große Los gezogen zu haben – bis die platzende Immobilienblase diesen Traum zunichte macht.

Es ist eine bittere Abrechnung mit der eigenen Unzulänglichkeit, aber auch mit den niederen Motiven seiner Mitmenschen, die Esteban nachvollzieht. Von höheren Zielen oder gesellschaftlichen Utopien ist nichts übrig geblieben. Denn egal, wie reich, wie arm, wie gebildet, wie naiv – die Gier, das nie endende Denken, das es noch mehr sein muss, treibt die Menschen an. Selbst diejenigen, die ganz am Ende des Spektrums stehen, die Illegalen, Arbeitslosen und Tagelöhner, sind überzeugte Apostel des Kapitalismus, weil sie seinen Versprechen weiter glauben wollen, so sehr sie auch selbst unter kapitalistischer Ausbeutung und Ausgrenzung leiden. Mit dem Finger auf „die da oben“ zu zeigen, hilft wenig (Chirbes unterlässt es fast völlig), standen doch die „kleinen Leute“ in ihrem Gewinnstreben den Bankiers, Großunternehmern und PolitikerInnen wenig nach. Den Grund für dieses kannibalistische Denken findet Chirbes im Franquismus, der Spanien den maßlosen Egoismus beibrachte und den Menschen die Empathie mit ihren Mitmenschen austrieb. Die Geister, die durch die Neubauruinen im ganzen Land wandeln, entstammen dieser düsteren Vergangenheit.

Von Estebans gescheiterten Leben, das den Blick frei gibt auf das große Bild eines ganzen Landes, ja vielleicht auf den ganzen europäischen Kontinent, erzählt Chirbes in einem höchst literarischen, sich wie Lava dahin wälzenden Strom aus Erinnerungen (von Dagmar Ploetz in ein wunderbar klares Deutsch übertragen). Mittendrin tauchen andere Stimmen auf, die aus ihrem Leben berichten, Streiflichter von randständigen Existenzen aus Olba, die mit Esteban in Verbindung stehen. Ganz nahe kommen wir diesen Figuren, erfahren ihre intimsten Wünsche und Fehler. Dieser Chor der Stimmen erinnert an die Romane des Portugiesen António Lobo Antunes, doch Chirbes deklariert sie deutlicher und lässt sie geordneter auftreten. „Am Ufer“ wird so zu einem höchst sinnlichen Text, der uns ungeschönt erfahren lässt, was das Leben in diesen Zeiten bedeutet und dass eine Krise wie die Eurokrise zwar nicht von Menschen gewollt, aber dennoch von Menschen gemacht ist. Ein wahrhaftiger und beunruhigender Roman aus Spanien – der auch die Frage aufwirft, wann wir ein solches Buch in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur finden werden.

Rafael Chirbes “Am Ufer”. Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. Gebunden, 432 Seiten. Verlag Antje Kunstmann, 24,95 Euro.

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4 Gedanken zu „Ganz unten in Spanien

  1. Lieber Tobias,
    Du erinnerst mich mit Deiner Rezension an meinen Buchstapel, auf dem auch Chirbes liegt – und immer kommt etwas dazwischen ;(. Ich habe mich schon bei der Lektüre des Verlagskatalogs ganz besonders auf ihn gefreut, aus genau dem Grund, den Du auch ansprichst: Endlich ein Roman zur Krise, endlich ein Roman, der die Auswirkungen der Finanzspielereien auf die ganz normalen Menschen beschreibt. Der fehlt ja tatsächlich, auch wenn es den ein oder anderen zaghaften Versuch gibt („Gibraltar“ zum Beispiel).
    Viele Grüße, Claudia

    1. Liebe Claudia,
      danke für Dein Feedback und auch dafür, dass Du mich an „Gibraltar“ erinnert hast. Natürlich war das ein deutsches Buch „zur Krise“, und es gibt auch den Jonas Lüscher und den Rainald Goetz, aber mir kam Chirbes‘ Ansatz viel elementarer und durchdringender vor. So ein Buch, wo würde das bei uns spielen? Am östlichen Rand Brandenburgs? In einem abgehängte Stadtteil in Dortmund? Ich weiß es nicht, bin aber gespannt, ob jemand das Thema in dieser Form aufgreifen wird. Ich jedenfalls würde das Ergebnis gerne lesen.
      Herzliche Grüße
      Tobias

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