Zwei Straßen, dazwischen ein Riss

In ihrer Kindheit wurde Sarah Kofman – später international anerkannte Philosophin – von ihrer Mutter vor den Nazis versteckt. Die Monate bei ihrer Beschützerin entfremdeten sie von ihrer Familie und ihrer jüdischen Identität. Über diesen doppelten Bruch, der ihr Leben prägen sollte, schrieb Kofman in „Rue Ordener, Rue Labat“. Jetzt ist das Buch wieder erhältlich.

Als eines Morgens im April 1942 die Gestapo vor der Tür steht, ist der Rabbiner Bereck Hofman wenig überrascht. Seit Tagen kursieren unter den jüdischen EinwohnerInnen von Paris Gerüchte über Massenverhaftungen. Viele andere hatte Bereck Hofman gewarnt, er selbst lässt sich ohne Widerstand festnehmen – in dem Irrglauben, so seine Angehörigen schützen zu können. Die Familie wird ihn nie wieder sehen. Sarah Kofman, damals acht Jahre alt, wird daraufhin von ihrer Mutter versteckt. Sie wird aufs Land geschickt, dann zu Bekannten. Schließlich hat Mutter Kofman fünf weitere Kinder, die sie vor dem Zugriff der Nazis schützen will. Doch Sarah hält es kaum ohne die Mutter aus, sie bekommt Heulkrämpfe, wird krank. Zuflucht findet sie schließlich zusammen mit ihrer Mutter wenige Straßen von der elterlichen Wohnung entfernt bei einer freundlichen Dame, die die beiden bis zur Befreiung der Stadt bei sich aufnimmt.

Die Wohnung der Dame, die sie bald nur noch „Omi“ nennt, wird zu Sarahs neuer Heimat. Doch obwohl die neue Bleibe in der Rue Labat nur wenige hundert Meter vom elterlichen Haus in der Rue Ordener entfernt liegt, betritt Sarah eine andere Welt. Die jüdische Lebensweise gilt hier nicht, schon aus Gründen der Tarnung darf nicht jiddisch gesprochen werden, die festlichen Rituale in der Synagoge sind reine Erinnerung. „Omi“ spart nicht mit antisemitischen Ressentiments, dennoch fasst Sarah zunehmend Zutrauen zu ihr. Ihre eigene Mutter, eine strenge, mutige Frau, die pausenlos kämpft, um ihre Familie vor der Deportation zu retten, wird ihr immer fremder. Gerne lässt sie sich „Omis“ Zuwendung gefallen, sie verbringt immer mehr Zeit mit ihr und genießt die Aufmerksamkeit, die sie bekommt. „Omi“ nutzt die Situation, bindet Sarah immer mehr an sich. Die Mutter bemerkt erst spät, wie ihr das eigene Kind entgleitet. Nach der Befreiung von Paris durch die Alliierten kommt es zum offenen Kampf um Sarah. Doch das Mädchen ist längst auf „Omis“ Seite – und schreckt auch vor Verrat nicht zurück.

Sarah Kofman (1934 - 1994)
Sarah Kofman (1934 – 1994)

Nur gut 90 Seiten ist dieses letzte Buch der Philosophin Sarah Kofman dick. Es ist ihr einziger Prosa-Text, ein kurz vor ihrem Freitod geschriebenes autobiografisches Fragment. Kofman, die bei Gilles Deleuze studierte, als Assistentin von Jacques Derrida arbeitete und über Freud und Nietzsche schrieb, erinnert sich in „Rue Ordener, Rue Labat“ an eine Zeit, die eine lebenslang klaffende Wunde in ihr Dasein schlug. Es gelang ihr nur mühsam, die emotionale Verbindung zu ihrer jüdischen Herkunft wieder herzustellen. Zur Mutter, die mit aller Härte versuchte, Sarah „zurück zu bekommen“, liess sich die Kluft nicht mehr schließen. Welchen Einfluss diese kindliche Prägung auf ihre Philosophie und ihr Verhältnis zu sich selbst hatte, auch das macht Kofman deutlich. Sprachlich ist dieser Text denkbar schlicht, schon fast streng gehalten. Ein schnörkelloser Bericht aus dem eigenen Leben, der aber eine emotionale Wucht entfaltet, die einen beim Lesen erschauern lässt. Ein Buch, das uns lehrt, wie mannigfaltig die Versehrungen sind, die die Shoah auch den Überlebenden zufügte.

Sarah Kofman “Rue Ordener, Rue Labat”. Aus dem Französischen von Ursula Beitz. Broschiert, 96 Seiten. Diaphanes Verlag, 10,95 Euro

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