Aus den Sunnyside Gardens in die Welt

Jonathan Lethem erzählt in seinem Mehrgenerationenroman „Der Garten der Dissidenten“ von linken Utopien, starrköpfigen Großmüttern und der Bedeutung der Vergangenheit für die Gegenwart. Das Buch schöpft aus dem prallen Leben, Klischees leider inklusive.

Jonathan Lethem ist vom Außenseiter zu einem der Stars des US-amerikanischen Literaturbetriebs mutiert. Er hat sich mit Romanen einen Namen gemacht, die sich aus disparaten Quellen wie Science Fiction, Unterhaltungsliteratur, Comics, Philosophie und europäischer Moderne nähren. Je persönlicher seine Bücher sind, um so konventioneller fallen sie aus. Das galt für die Coming-Of-Age-Geschichte „Die Festung der Einsamkeit“, das gilt auch für „Der Garten der Dissidenten“. Doch selbst wenn Lethem eingängiger schreibt, frönen seine Sätze immer noch einem postmodernen Barock. Dass die US-Kritik den 1964 geborenen Autor inzwischen zum Kandidaten für die nächste „Great American Novel“ im Sinne eines Philip Roth oder Jonathan Franzen auserkoren hat, verblüfft daher. Zumindest für die deutsche Übersetzung bedarf es eines Meisters dieses Faches wie Ulrich Blumenbach, um diesen Satzungetümen gewachsen zu sein – und selbst dann geht es manchmal schief. Kompliziert ist Lethems Sprache freilich selten, doch die kapriziösen Verzwickungen, mit denen manche Sätze ans Ziel kommen, können ordentlich nerven.

Wie fast alle Lethem-Romane der letzten zehn Jahre ist „Der Garten der Dissidenten“ ein New York-Roman. Hauptschauplätze sind die von der europäischen Gartenstadtarchitektur inspirierte Siedlung Sunnyside Gardens in Queens und ein zur Kommune umfunktioniertes Haus in Manhattan. Die 20 Minuten U-Bahnfahrt dazwischen stellen auch die Distanz zwischen Rose und ihrer Tocher Miriam dar. Rose war als junge Frau in den 1930er Jahren in kommunistischen Gruppen aktiv. Sie heiratete einen deutschen Juden, den sie bei Komiteesitzungen kennenlernte – Albert, der sie nach dem Krieg verliess, weil er im Auftrag der Partei nach Ostdeutschland geschickt wurde. Rose ist linientreu, konsequent, bodenständig, energisch, starrköpfig. Ihre Tochter Miriam versucht der Enge, die sich im Elternhaus ohne Vater, aber mit etlichen Liebhabern der Mutter breitmacht, zu entfliehen. Sie ist kreativ, kontaktfreudig, klug, aber auch eingebildet. Miriam findet ihr eigenes Leben im Greenwich Village der frühen 1960er, wo die Beatniks und Folksänger in den Clubs eine neue Gegenkultur prägen. Hier lernt sie Tom Hogan kennen, einen reichlich verzagten Songwriter, der noch seinen Platz in der aufblühenden Szene sucht. Die beiden werden ein Paar und mutieren langsam zu Hippies, der gemeinsame Sohn Sergius wächst im Kommunenhaus auf, durch das der Wind von Woodstock und Bürgerrechtsbewegung weht. Später, nach dem frühen Tod der Eltern, besucht er ein Internat, fernab vom Leben seiner Großmutter Rose. Diese drei Generationen der Familie Zimmer bilden sowohl das Rückgrat des Roman, als auch den Link in Jonathan Lethems Familiengeschichte. Auch seine Großmutter und seine Mutter waren in linken Gruppen und Bürgerrechtsbewegungen aktiv, Lethem ist mit dem Besuch von Demos und Solidaritätsaktionen für den sandinistischen Widerstand in Nicaragua groß geworden.

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Um die drei HauptprotagonistInnen des Textes kreist ein Mikrokosmos weiterer Figuren, wie etwa Roses Liebhaber Douglas Lookins, ein schwarzer Polizist, wegen dem sie aus der kommunistischen Partei fliegt, und dessen Sohn Cicero, den Sergius als Erwachsener aufsuchen wird, um mehr über seine Familie zu erfahren. Oder Lenny, ein Vetter zweiten Grades, der marxistische Theorien spinnt, sich durch den Handel mit Münzen über Wasser hält und eine masochistische Liebe zu seiner Cousine Miriam pflegt. Diesen Charakteren begegnen wir in unterschiedlichen Situationen und auf verschiedenen Zeitebenen. Jonathan Lethem springt hier virtuos hin und her, es dauert aber, bis sich die Figuren entwickeln, sie wirken anfangs seltsam starr. Bekommen sie endlich den ihnen zustehenden Freiraum, so scheinen die Zeilen vor Leben und Welthaltigkeit geradezu zu platzen. Dem Autor gelingt es dann, Geschichte in diese Geschichten zu packen, ohne sein Romanpersonal zu Anschauungsmaterial für eine Lektion in USA-Historie zu degradieren. Das Aufkommen der Massenmedien ab den 1960ern, die Unterwanderung der pazifistischen Quäker durch die Hippies, die aufflammende Solidarität mit Lateinamerika in linken Bewegungen nach dem Ende des Vietnamkriegs – dieses Buch ist reich an Details und kulturellem Zeitkolorit.

Partiell mutet es aber seltsam verzerrt an, wie Lethem seine Schwerpunkte setzt. Der Hitler-Stalin-Pakt und die Aufdeckung von Stalins Terrormaßnahmen nach seinem Tod 1953 haben sicherlich (und zurecht) das Selbstverständnis US-amerikanischer KommunistInnen tief erschüttert. Warum aber wird die antikommunistische Hetze durch McCarthy und Hoover in den 1950ern, die viele Linke in den USA zu gesellschaftlichen AußenseiterInnen machte, nur nebenbei erwähnt? Warum verehrt Rose als Aktivistin Abraham Lincoln? Wir erfahren nicht, ob sie auch Karl Marx, Emma Goldman oder Rosa Luxemburg liest. Kommunistische Parteiausschüsse sind autoritätshörig und Gewerkschaftsfunktionäre lassen sich von Politikern oder Unternehmern kaufen – natürlich gibt’s und gab’s das, aber sind es nicht wohlfeile antikommunistische Klischees, die Jonathan Lethem hier aufbereitet? Je schablonenhafter der Autor die Genossinnen und Genossen von Rose (und auch sie selbst) darstellt, desto mehr droht das Buch ins Sarkastische zu kippen. (Auch an anderer Stelle spart Lethem nicht mit Plattitüden, die Szenen über Tom Hogans Ankunft in der Greenwich Village-Szene etwa erinnern frappierend an den Coen Brothers-Film „Inside Llewyn Davis“). Laut Eigenaussage ist „Der Garten der Dissidenten“ ein Denkmal, das Jonathan Lethem den linken Aktivistinnen und Aktivisten und damit letzten Endes seiner Familie errichten wollte. Ein Denkmal, dass aber zu Teilen auf tönernem Boden steht, kontaminiert durch Ressentiments und Ungenauigkeiten. Warum Lethem der Versuchung zur Vereinfachung verfällt, mag verblüffen, gelingt es ihm doch andernorts, mit großer Sympathie für seine Figuren über die Verletzungen, die sich die Menschen gegenseitig zufügen, zu schreiben. Verletzungen auch aus politischen und ideologischen Gründen, was sich zusammengefasst in einer Doris Lessing-Textstelle findet, die ein Student im Seminar des inzwischen zum Uni-Dozenten gewordenen Cicero Lookins zitiert:

„Das Problem mit allen utopischen Ideologien ist, dass sie den Kampf gegen die Tyrannei der bürgerlichen Familie aufnehmen, der von vornherein aussichtslos ist. (…) Das Schicksal eines jeden Menschen ist es, mit Mutter und Vater als Ganzem der Realität anzufangen und dann auf der Reise in die große weite Welt hinaus aufbrechen zu müssen oder wenigstens zu erkennen, was jenseits der Eltern überhaupt existiert.“

Ob von den Fesseln der Ideologie oder den Fesseln der Familie, Miriam und Sergius können sich weder von dem einen noch dem anderen freimachen, zu mächtig thront Rose über ihnen. Doch die Vergangenheit wirkt in die Gegenwart, positiv wie negativ und manchmal auf verschlungenen Pfaden. Das verdeutlicht Lethem gegen Ende, wo er Sergius den Bogen über die (weitgehend gescheiterte) Occupy-Bewegung zum ganz persönlichen Widerstand gegen autoritäre Willkür schlagen lässt. Ein Schluss, der mit einigem Unausgegorenen in diesem prall mit Leben und Geschichte gefülltem Roman zu versöhnen vermag.

Jonathen Lethem “Der Garten der Dissidenten”. Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach. Gebunden, 480 Seiten. Tropen Verlag, 24,95 Euro

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