Leben und lieben in Berlin (the afropolitan way)

„Die Dinge, die ich denke, während ich höflich lächle…“ heißt die Debüt-Novelle von Sharon Dodua Otoo. Vom deutschsprachigen Feuilleton geflissentlich ignoriert, bietet dieses mitreissende Buch die Gelegenheit, die gerade abebbende Literaturdebatte nochmals zu reflektieren und eine frische Erzählerin zu entdecken.

Inzwischen ist sie abgeklungen, die Debatte über die deutsche Gegenwartsliteratur, angestossen durch den Artikel „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn“ von Florian Kessler in der ZEIT. Über die Herkunft von Autorinnen und Autoren wurde diskutiert, über die Zähmung der Texte durch die Literaturinstitute, die die Vorlieben des Feuilletons und der Buchpreisjurys in einem vorauseilenden Gehorsam zu befriedigen scheinen. Aufgrund der großen Anzahl an Beiträgen fällt es schwer, eine Bilanz zu ziehen. Bei vielen Artikeln hatte ich den Eindruck, dass die Schreibenden mit dem Status quo zufrieden sind und doch bitte die Störenfriede, die sich über die Selbstzufriedenheit des Literaturbetriebs aufregen, einfach die Klappe halten sollen. Besonders echauffiert wurde sich über die Beiträge von Maxim Biller (in der ZEIT) und Dietmar Dath (FAZ). Beiden wurde ideologisches Denken vorgeworfen und ein „Argumentationskeulen-Stil“, der die lieben Damen und Herren im Feuilleton beim genießerischen Dahinschwelgen jäh gestört haben muss, so scharf fielen die Reaktionen aus. Spätestens mit der Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse an Saša Stanišić wurden Billers Ausführungen zur Anpassung migrantischer Literatur als erledigt angesehen (dabei gab der Preis für Stanišićs neues Buch Biller eigentlich recht). Maxim Biller und Dietmar Dath mögen steile Thesen vorgelegt haben, was sie aber in dieser Debatte leisteten war die Nennung konkreter Namen, wie zeitgenössische Literatur auch „anders“ klingen könnte (auch Sophie vom Blog „Literaturen“ hat eine solche Liste zusammengetragen). Durch Dietmar Daths Artikel schließlich bin ich auf das Buch von Sharon Dodua Otoo gestossen.

Erschienen ist die Novelle „Die Dinge, die ich denke, während ich höflich lächle…“ in der kleinen, feinen Edition Assemblage. Und hier muss ich mir gleich an die eigene Nase fassen: der Verlag ist mir durchaus bekannt für seine hellwachen Beiträge zu politischen und gesellschaftlichen Debatten, ein Buch von solchem literarischen Kaliber hätte ich dort aber nicht erwartet. Dabei hatte ich Sharon Dodua Otoos Buch im Verlagsprospekt vor einiger Zeit gesehen – und weitergeblättert. Ist meine eigene kleine Bücherwelt nicht genauso eng abgesteckt, vorurteilsbeladen, von blinden Flecken übersät? Im Feuilleton wäre ich ohne Dietmar Dath jedenfalls nie über dieses Buch gestolpert, eine Internetrecherche kommt schnell zu dem Ergebnis, dass die Anzahl der Rezensionen zu „Die Dinge…“ bisher gegen Null tendiert.

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Sharon Dodua Otoo wurde in Großbritannien geboren und wuchs dort auf, seit einiger Zeit lebt sie in Berlin. Der Umstand, dass Englisch (neben Ga) Otoos Muttersprache ist, führte dazu, dass „Die Dinge, die ich denke, während ich höflich lächle…“ zuerst bei ihrem deutschen Verlag auf Englisch erschien. Ein Schritt, den Autorin und Verlag damit begründeten, auch die afrodeutsche Community mit Literatur versorgen zu wollen. Erst gut ein Jahr später ist die Novelle in der Übersetzung von Mirjam Nuenning auf Deutsch erschienen. Was zuerst überrascht: „Die Dinge…“ ist ein Buch, das einen sehr persönlichen Ton anschlägt. Im Mittelpunkt steht die langsame Auflösung einer Liebesbeziehung, unter der die Ich-Erzählerin selbst, ihr Umfeld, ihr Partner und auch die zwei gemeinsamen Kinder leiden. Otoo erzählt von dieser Trennung in ineinander verschachtelten Zeitebenen, die für eine ungewöhnliche Spannung sorgen, und wählt eine Sprache, die zwischen bitterem Ernst, Ironie, selbstkritischer Reflexion und leichtfüssigem Humor unzählige Nuancen kennt. Was so unsteif daherkommt lässt erst nach und nach die geschickte Konstruktion des Textes erkennen, der sich zwar an die Regeln der Novelle hält, alles Angestaubte aber weit hinter sich lässt. Für diese Frische sorgen auch die losen Enden der einzelnen Textteile, die jeweils mit Halbsätzen beginnen. Dazwischen stehen kurze Gedanken, „Granatsplitter“ genannt, die wie Slogans den Textfluss unterbrechen. Diese Textgestaltung würde knapp am Manierismus vorbeischrammen, wäre das Ganze nicht so innovativ und hinreißend lebensnah erzählt. Die Geschichte gibt natürlich Anlass zu Spekulationen, wie viel davon mit der Biografie der Autorin deckungsgleich ist. Wichtiger ist aber der selbstverständliche Umgang mit Herkunft, Lebensstil, kultureller Prägung, sexuellen Vorlieben und Altersunterschieden, den die Autorin praktiziert. Anhaltspunkte zu einzelnen Themen werden immer wieder eingestreut, aber dieses Buch scheint zu sagen: egal, wo wir herkommen, wohin es uns verschlagen hat, welche Sprache wir sprechen – wir sind alle auf der Suche nach den gleichen Dingen. In diesem Punkt hat mich „Die Dinge…“ an Olga Grjasnowas Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ erinnert, wobei Otoo zwar Grjasnowas düsteren Blick auf Teile der deutschen Gesellschaft teilt, insgesamt aber wesentlich optimistischer und freundlicher mit ihrem Romanpersonal umgeht. Ein Buch von großer Lockerheit also, das seine geschickte Gestaltung erst auf den zweiten Blick preisgibt und es vermag, gänzlich alltägliche Dinge auf neue Weise zu erzählen.

Vor einem Jahr sorgte Taiye Selasi mit ihrem ersten Roman „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ für ein Blätterrauschen im Feuilleton, der von ihr geprägte Begriff der „Afropolitin“ machte die Runde, einer „afrikanischen Kosmopolitin“: in Ghana geboren, in den USA ausgebildet und in Europa lebend. Diese Zuschreibungen könnten auch auf Sharon Dodua Otoo zutreffen, um wie vieles mutiger ist aber ihr Buch – stilistisch und inhaltlich – im Vergleich zu Selasis eher konventionellem Roman! Warum zierte Sharon Dodua Otoo keine Titelseiten, wurde nicht auf Literaturfestivals eingeladen? Liegt es nur an der Macht größerer Verlage? Oder liegt es daran, dass Selasis Buch die Vorstellungen von einem „virtuosen“, handwerklich gut gemachten Roman westlicher Prägung befriedigt? Es wird beiden Autorinnen nicht gerecht, sie miteinander zu vergleichen oder gegeneinander auszuspielen – am liebsten wäre mir, wenn beide maximale Aufmerksamkeit bekämen! Aber der Literaturbetrieb muss sich Debatten wie die gerade beendete gefallen lassen, solange er Autorinnen wie Sharon Dodua Otoo einfach links liegen lässt (Otoo selbst hat übrigens die Ausgrenzung, die sie im Kulturbetrieb erlebt, im ersten Band der von ihr herausgegebenen Buchreihe „Witnessed“ thematisiert). Für alle, die neue, aufregende und großartig geschriebene Texte lieben, ist dieses Buch jedenfalls ein Eye-Opener.

Sharon Dodua Otoo „Die Dinge, die ich denke, während ich höflich lächle…“. Aus dem Englischen von Mirjam Nuenning. Broschiert, 128 Seiten. Edition Assemblage, 12,80 Euro.

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6 Gedanken zu „Leben und lieben in Berlin (the afropolitan way)

  1. Danke Tobias, werde schnell Taiye Selasi fertiglesen, um mich dann Sharon Dodua Otoo zu widmen! Afropolitan klingt spannend, besonders von weiblichen Autorinnen;) gruss martina

  2. Danke für deinen spannenden Text und auch den Link zu Maxim Billers Gänsehaut erregenden ZEIT-Artikel, der ganz an mir vorbeigegangen war. Jetzt ist mir, als hätte ich in meiner Wohnung plötzlich die Tür zu einem weiteren Zimmer entdeckt, von dem ich vorher nicht wusste. Aufregend.

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