Rätsel der Buchgestaltung: Liebe zum Detail?

„Never judge a book by its cover“ sagt das Sprichwort – aber Bücherfreundinnen und -freunde freuen sich, wenn Hülle und Inhalt harmonieren. In der Buchgestaltung sind es häufig die Details, die den Gesamteindruck ausmachen. Doch genau diese werfen manchmal Fragen auf. Ein kleines Sammelsurium der Kuriositäten und ästhetischen Lieblosigkeiten.

In letzter Zeit war viel zu lesen von der Rückkehr des schön gestalteten Buches. Verlage rufen es als Heilmittel gegen die „Bedrohung E-Book“ aus, die Feuilletons widmen ihm ganze Seiten und Reihen wie Naturkunden oder Die andere Bibliothek mit ihren wertvoll ausgestatteten Bänden erfreuen sich großer Beliebtheit. Beim Blick in die Buchhandlungen fällt aber auf, dass längst nicht alle Bücher so sorgfältig gestaltet sind. Und ich spreche nicht von den großen Tischen mit der schnelllebigen Unterhaltungsliteratur und den Krimis, auf die ein literarisches Publikum gerne verächtlich herabblickt. Es wäre zu leicht, diese Schmöker und Genrebücher durch den Kakao zu ziehen, die mit ihrem kitschigen oder aufgedonnerten Äußeren häufig eine herzzereißende Ehrlichkeit verströmen: sieh her, ich bin billig und schnell, lass uns für ein paar Stunden ein bißchen Spaß zusammen haben! Nein, gerade bei den renommierten Literaturverlagen kommt es immer wieder zu Fauxpas und Lieblosigkeiten. Häufig sind es nur Details, aber die machen ja den Gesamteindruck aus. Hier ein paar Beispiele für Gestaltungsideen, die Fragen aufwerfen.

erfolgsausgabe

Eine Erfolgsausgabe kaufen! Wie kann man nur! Der Dörlemann Verlag, der sich vermutlich nur auf Druck einer Leserschaft, die zu Tausenden die Bände von Patrick Leigh Fermor erwerben will, zur Veröffentlichung dieser Sonderausgabe hinreissen liess, bestraft die Käuferinnen und Käufer mit einem schicken Aufdruck links unten auf dem Fronttitel. Zum Sparpreis von 30 Euro gibt es also ein Quäntchen Aldi-Zeitungsprospekt auf dem Buchdeckel. Oder war der Designer sauer, weil er diesmal keine leinengebundene Ausgabe mit aufgeklebtem Bildchen gestalten durfte? Auf der Abbildung des Buches auf der Verlags-Homepage fehlt das optische Brandmal natürlich – damit die Kundinnen und Kunden bei der Abholung ihrer Bestellung in der Buchhandlung eine schöne kleine Überraschung erleben.

otoo

Die kurzen Gedankenfetzen, die zwischen den Kapiteln in Sharon Dodua Otoos toller Novelle „Die Dinge, die ich denke, während ich höflich lächle…“ eingeschoben werden, sind von großem literarischen Reiz. Auf andere Weise reizend ist allerdings die Schriftgestaltung dieser „Granatsplitter“. Irgendwo zwischen Grunge und 90er Jahre Technoflyer sollen sie vielleicht die Wut transportieren, die die Ich-Erzählerin empfindet. Nun, Wut wäre zuviel gesagt, beim Lesen stellt sich eher ein leichtes Gruseln ein…

suhrkamp

Wer in Berufen wie Marketing oder Design arbeitet, weiß: eine Trademark zu finden, die über Jahrzehnte funktioniert, ist gar nicht so leicht. Ein solcher Glücksfall, weil unverkennbar und in ihrer schlichten Gestaltung absolut zeitlos, sind – bzw. waren – die Bände der Bibliothek Suhrkamp. Im Klein-Oktavformat, dazu der von Willy Fleckhaus nach dem Prinzip des Goldenen Schnittes gestaltete Schutzumschlag mit seiner farbigen Bauchbinde – seit 1951 sehen die BS-Bände so aus und sind in jedem Buchregal sofort erkennbar. Doch beim Suhrkamp Verlag dachte man anscheinend vor kurzem: so kleine Bücher, die müssen doch Minderwertigkeitskomplexe haben! Also flugs ein größeres Format gewählt und noch dazu das klassische Design mit seltsamen „Hintergrundbildern“ verschlimmbessert. Sehr unentschieden sieht das aus und ist in Größe und Haptik ein ganzes Stück weniger unverwechselbar als vorher. Aber designästhetische Entscheidungen bei Suhrkamp sind immer wieder schwer nachzuvollziehen, siehe auch die „Modernisierung“ der zum Verlag gehörenden Insel Taschenbücher-Reihe.

klett cotta

Eine geliebte Trademark schaffen und wie sowas nicht klappt, das zeigt der Verlag Klett-Cotta mit den nach einem einheitlichen Schema gestalteten Buchrücken seiner Bände. Es soll ja Menschen geben, die sich Bücher nur zum Angeben oder damit es im Wohnzimmer nicht so stark hallt ins Regal stellen. Solcherlei versucht das Stuttgarter Traditonshaus durch eine seltsame Halb-Halb-Aufteilung sowie durch die …nennen wir es mal: exzentrische Trennung von Buchtitel und Autorenname vorzubeugen. Und siehe da: es klappt! Hier sagt jeder Quadratzentimeter: ich stehe hier nicht zur Zierde, auf meinen Inhalt kommt es an! Oder hält man es bei Klett-Cotta mit dem Typografen Jan Tschichold? Der sagte bereits vor 70 Jahren: „Schutzumschläge gehören in den Papierkorb, wie Zigarettenschachteln.“ Bei diesen Rücken, die wenig entzücken, fällt die Entsorgung leichter als sonst…

e-book

Es muss deprimierte Bücher da draußen geben, die sich von ihren Erzeugerinnen und Erzeugern ungeliebt fühlen. Sie erleben eine Art Persönlichkeitsspaltung, haben den Eindruck, dass Menschen, die sie ansehen, auch immer an jemand anderen denken. Nun, gewiss, an nahe Verwandte, aber dennoch bleibt dieses Gefühl, dass es nie genügt, wie sehr man sich als Buch auch anstrengt! Tiefes Mitgefühl überkommt mich daher, wann immer ich einen der inzwischen üblichen „auch als E-Book erhältlich“-Aufdrucke auf einem Buchumschlag entdecke. Hat denn niemand Mitleid mit den Büchern? Wie würden wir uns als Menschen fühlen, stünde auf unserem Rücken „Jeder ist ersetzbar“? Würden wir ein Auto kaufen, auf dem hinten der Text zu lesen ist „auch als Elektrofahrzeug und Cabrio erhältlich“? Viel naheliegender ist allerdings die Frage: wer kauft eine gebundene Ausgabe und denkt sich dann „Mensch, auch als E-Book, das bestell‘ ich gleich noch nach“? Oder sollen damit die Besucherinnen und Besucher von Buchhandlungen ins Internet gelockt werden? Zumindest als Therapie für die Bücher empfehle ich Aufkleber zum drüberpappen: „I’m a paper book and I’m proud of it!“

To be continued…

 

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9 Gedanken zu „Rätsel der Buchgestaltung: Liebe zum Detail?

  1. Was ich nicht verstehe: Wenn die bei Dörlemann denken, dass das keiner merkt oder es niemanden stört – warum bemühen sie sich dann „normalerweise“ um eine vernünftige Gestaltung?! Kleiner Trost: der tolle Artikel! Besten Dank!

    1. Liebe Jutta!
      Das ist mir tatsächlich auch ein Rätsel. Bei Dörlemann bin ich anderes gewohnt. Die Enttäuschung über die nachlässige Gestaltung des Leigh Fermor-Bandes war dann auch ausschlaggebend für den Artikel. Danke für Dein Feedback!
      Herzlich
      Tobias

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