Eine Insel als Obsession

Diagnose: Sehnsuchtsort. Wassili Golowanow begibt sich auf die Insel Kolgujew in der russischen Barentssee und formuliert eine „Rechtfertigung des sinnlosen Reisens“. Das Schreiben über ein kleines Eiland zeitigt große Literatur.

Neulich besuchte ich mal wieder Linz, Heimat der Stahlstadtkinder, in Oberösterreich. Ein samstäglicher Ausstellungsmarathon führte mich auch in das Lentos Kunstmuseum und dort in eine Schau, die zuvor auf dem Atomeisbrecher Lenin im russischen Murmansk gezeigt wurde. Unter dem Titel LENIN: EISBRECHER haben sich russische und österreichische Künstlerinnen und Künstler mit dem Schiff und seiner Bedeutung auseinandergesetzt. Die Lenin war einst ein Symbol für Ingenieurskunst und technische Überlegenheit und wurde von der Sowjetführung gezielt zu Propagandazwecken genutzt. Heute symbolisiert sie die naive Technologiebegeisterung der 1950er und 1960er Jahre.

Eisbrecher-Lenin_Historische-Fotografie

Von den im Lentos gezeigten Arbeiten hatte es mir besonders ein Video von Sonia Leimer angetan. Unter dem Titel „Nowaja Semlja“ zeigt ihr Film Ausschnitte aus historischen Aufnahmen, in denen der Eisbrecher heroisch in Szene gesetzt wurde. Der Film, projiziert übrigens auf ein überdimensioniertes Briefkuvert mit einer Eisbrecher-Briefmarke aus Kuba (soweit reichte der Ruhm der Lenin), zeigte bei mir besondere Wirkung, weil ich mich schon seit einigen Tagen auf literarischer Reise in eben jenem russischen Nordmeer befand, das der Atomeisbrecher ab 1959 dauerhaft ganzjährig befahrbar machte. Nicht weit von Nowaja Semlja (oder auch Nova Zemlya) entfernt liegt die Insel Kolgujew, die der russische Journalist und Schriftsteller Wassili Golowanow in seinem Buch „Die Insel oder Rechtfertigung des sinnlosen Reisens“ eingehend beschreibt. Ein schöner Zufall, Kunsterlebnis und Leseerfahrung liessen sich auf fabelhafte Weise kurzschliessen.

Kolgujew diente lange als mehr oder weniger wichtiger Stützpunkt bei der Erforschung der Nordostpassage, also der kürzesten Seeverbindung zwischen Nordeuropa und Asien. Bereits der niederländische Seefahrer Willem Barents, zu dessen Ehren dieser Teil des Nordmeeres Barentssee benannt wurde, betrat 1595 die Insel (kurz bevor er Nowaja Semlja entdeckte). 1609 lief hier der dänische Seefahrer Jens Munk bei einer Expedition mit seinem Schiff auf Grund. Im 19. Jahrhundert schließlich, als sich die Bemühungen um die Erforschung der nördlichen Gebiete intensivierten, nahm die Zahl der Expeditionen zu. So kam auch Aubyn Trevor-Battye, ein britischer Ethnograf, 1894 nach Kolgujew und erforschte Natur und Menschen.

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Für Wassili Golowanow wurde nicht nur die Insel Kolgujew, sondern auch Trevor-Battyes Mission auf der größtenteils von tundrenähnlicher Vegetation bestimmten Insel zur Obsession. Entsprechend ist „Die Insel“ kein wissenschaftliches Buch, sondern eine literarisch-kunstvolle Mischung aus Naturbeobachtung, Reisebericht, Essay und Autobiografie. Golowanow ist schon seit Jahren von dieser Insel, die auf den ersten Blick wenig Einladendes zu bieten hat, fasziniert, lange, bevor er erstmals einen Fuß auf Kolgujew setzen konnte. 1992 reist er erstmals an seinen Sehnsuchtsort und holt Erkundungen ein. Kurz darauf kehrt er mit einem Freund zurück und begibt sich, von zwei einheimischen, zur Indigene der Nenzen gehörenden Männern begleitet, auf den Spuren von Trevor-Battye in die menschenleeren Gebiete der Insel. Eine strapaziöse Reise, doch was will Golowanow dort? Die Frage nach der „Rechtfertigung des sinnlosen Reisens“ ist im Buchtitel bereits präsent und wird vom Autor überzeugend beantwortet. Aus seinen Erlebnissen auf dieser Wanderung und seinen Recherchen über das kleine Eiland destilliert Golowanow eine an Mythen und Reflexionen reiche Erzählung, die Geschichte und Gegenwart verbindet. Er berichtet von altgläubigen Sekten, die sich auf die Insel flüchteten, oder von den Riten der Rentierhaltung, aber spart auch nicht mit präzisen Schilderungen des Elends, in dem die nenzische Bevölkerung lebt. Nach einer Periode der Erschließung und Erforschung – in erster Linie aus militärstrategischen Überlegungen und auf der Suche nach Erdölvorkommen – verfällt die Infrastruktur inzwischen und wird das soziale Gefüge durch Arbeitslosigkeit und Alkoholismus zersetzt. Wassili Golowanow kann sich angesichts der harten Lebensbedingungen auf Kolgujew so manchen Seitenhieb auf das bequeme Leben der Großstädter, denen die Welt dort draußen herzlich egal ist, nicht verkneifen.

„Die Insel oder Rechtfertigung des sinnlosen Reisens“ kann bei über 500 Seiten gelegentliche Längen nicht verbergen, über den Großteil der Strecke weiß Golowanow jedoch durch seinen nuancierten Schreibstil zu fesseln. Seine Naturbeschreibungen sind von einer monochromatischen Sinnlichkeit und geradezu meditativ. Auf den Punkt genau beobachtet er menschliche Verhaltensweisen und geht mit viel Selbstironie mit sich selbst ins Gericht, in drastischer Sprache berichtet er hingegen von den Strapazen der Reise, von archaischen Inselritualen, Einsamkeit und Verfall. Dieser Stil, der altmeisterliches Pathos mühelos mit dem lockeren Erzählton des 21. Jahrhunderts verbindet ist es, der dieses Buch schließlich zum Ereignis macht und es in die Nähe der großen Reisebücher und Reportagen eines Chatwin, eines Leigh Fermor oder eines Kapuściński rückt.

Um den Sound dieses Buches nach der Lektüre noch weiterklingen zu lassen, bietet sich die Musik von Thomas Köner an. Seine düsteren Ambientkompositionen heißen „Permafrost“, „Unerforschtes Gebiet“ oder „Nunatak“ und setzen sich immer wieder mit der Nordpolarregion unseres Planeten auseinander. So auch auf seinem letzten Album, das bezeichnenderweise „Novaya Zemlya“ heißt. Hier ein Ausschnitt:

Wassili Golowanow „Die Insel oder Rechtfertigung des sinnlosen Reisens“. Aus dem Russischen von Eveline Passet. Gebunden, 528 Seiten. Verlag Matthes & Seitz Berlin. 29,90 Euro

Die Ausstellung LENIN: EISBRECHER ist noch bis zum 25.5.2014 im Lentos Kunstmuseum Linz zu sehen.

P. S. Vielen Dank an Judith und Andi für die fachkundige Führung durch Lentos und OK sowie das wunderbare Wochenende.

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