Ewige Leidenschaft, die sich schnell verflüchtigt

Der russische Schriftsteller Gaito Gasdanow, der im Exil in Paris und München lebte, wurde bei uns erst vor kurzem entdeckt. Mit „Ein Abend bei Claire“ liegt nun sein Debütroman auf deutsch vor, die Geschichte einer unerfüllten Liebe vor dem Hintergrund des vorrevolutionären Russland.

Als im Jahre 2012 der Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ erstmals auf deutsch erschien, war die Literaturkritik begeistert. Man sprach von einer großen Entdeckung, von einem unerwarteten Fund in der Schatzkammer der russischen Exilliteratur. Ebenso groß war das Unverständnis, weshalb der Autor dieses Werkes, der noch dazu lange in München lebte, wo er 1971 starb, erst so spät in Deutschland entdeckt wurde. Tatsächlich ist es auch nach literarischen Maßstäben mysteriös, warum Gaito Gasdanow so lange darauf warten musste, hierzulande verlegt zu werden. „Das Phantom des Alexander Wolf“ ist ein packender Roman, vom Geist des Existenzialismus beseelt und noch dazu elegant geschrieben, gerne wurde Nabokov als Vergleich bemüht.

Dem Erfolg von „Das Phantom des Alexander Wolf“ dürfte es zu verdanken sein, dass nun ein weiterer Roman aus dem Werk Gaito Gasdanows ins Deutsche übersetzt wurde. „Ein Abend bei Claire“ ist der Erstling des Autors, der insgesamt neun Romane und über 30 Erzählungen verfasste. Die Handlung setzt unvermittelt ein im Paris der späten 1920er Jahre (wo der Roman 1930 auch erstmals erschien). Der russische Exilant Kolja scheint in einer melancholischen Verbindung zu der drei Jahre älteren Claire zu stehen, einer weltgewandten, schlagfertigen Frau, die ihn auf Distanz hält. In anspielungsreichen Dialogen umkreisen sich die beiden. Woher kennen sie sich, was verbindet sie? Der Roman wird im folgenden diese Geschichte erzählen. Koljas Erinnerungen führen uns zurück ins vorrevolutionäre Russland. Wir erfahren Einzelheiten über Koljas Kindheit und Jugend, über sein Elternhaus und über sein erstes Zusammentreffen mit Claire. Er war damals 17, sie 20 Jahre alt. Als eher schüchterner Schüler ist Kolja der intelligenten Claire weit unterlegen, sie wird für ihn zum unerreichbaren Ziel zahlloser Tagträume. Claire heiratet einen anderen, die beiden verlieren sich schließlich aus den Augen, als der Krieg zwischen der zarentreuen Weißen Garde und der Roten Armee beginnt. Kolja, der eher aus Zufall bei „den Weißen“ mitkämpft, gerät in die Wirrnisse des Krieges, bis die Niederlage nicht mehr von der Hand zu weisen ist. Als Kolja sich entscheidet, Russland zu verlassen und Claire in Frankreich aufzusuchen, schließt sich der Kreis zum Anfang des Romans.

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Wer nun dieses Buch mit der Erwartung aufschlägt, die Geschichte einer existenzerschütternden Liebe zu lesen, dürfte durchaus enttäuscht werden. Tatsächlich erzählt Gasdanow nämlich über weite Strecken eine Coming-Of-Age-Geschichte, die starke autobiografische Züge tragen dürfte. Nicht alles ist aus seinem frühen Leben bekannt, aber auch Gasdanows Eltern wechselten – analog zum Romangeschehen – mehrmals den Wohnsitz und landeten schließlich in St. Petersburg, der Autor selbst kämpfte wie sein Held Kolja auf Seiten der Weißen Garde und ging später nach Paris. Über diese Lebensabschnitte schreibt Gasdanow ruhelos, reiht Erinnerung an Erinnerung, springt zwischen zwei Sätzen von einer Szene zur nächsten, ohne erkennbare Abgrenzung. Eine literarische Technik, die vielleicht an den Stream of Consciousness eines James Joyce anknüpfen möchte, bei Gasdanow aber schnell ermüdet, da sie eintönig und steif wirkt. Elegante Formulierungen gelingen ihm, aber etliche Beobachtungen wirken banal, die Kriegserlebnisse lesen sich zu oft wie eine Aneinanderreihung von Anekdoten, die es nicht vermögen, einen zu erschüttern oder zu berühren. Ganz anders die Passagen, in denen der Text das Innenleben des verliebten Kolja schildert, ihn über die unausweichlichen Veränderungen in der Jugendzeit sinnieren lässt und die emotionalen Erdbeben beschreibt, die Claire bei ihm auslöst. Hier scheint Gasdanow in seinem Element zu sein, jeder Satz sitzt, wie der folgende etwa:

In diesem Augenblick – und wie jedesmal, wenn ich wahrhaft glücklich war – verschwand ich aus dem Bewußtsein; so geschah es im Wald, im Feld, am Fluss, an der Meeresküste, so geschah es, wenn ich ein Buch las, das mich packte.

Es ist das große Rätsel dieses Romans, warum es Gaito Gasdanow nicht gelingen wollte, diese Intensität über den ganzen Text aufrecht zu erhalten. Die „große Liebe“ Claire verliert er schließlich über viele Seiten aus den Augen. Am Ende wirkt es beinahe unglaubwürdig, wenn sich Kolja nach Monaten des Krieges wieder auf Claire besinnt, spielte doch die Erinnerung an sie im letzten Drittel der Erzählung kaum eine Rolle. Seltsam flüchtig erscheint sie plötzlich, die große Leidenschaft.

Es besitzt einen gewissen Reiz, den Debütroman eines Autors im Verhältnis zu seinem Gesamtwerk zu betrachten. Auch in „Ein Abend bei Claire“ lassen sich Talent und die Fähigkeit zu Größerem erkennen. Klar ist aber auch, dass dieses Buch nicht an den wesentlich ausgereifteren und aufwühlenderen Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ heranreicht, selbst wenn die Lektüre einige Momente bietet, die in Erinnerung bleiben. Das Gesamtbild fehlt uns jedoch, solange die anderen Romane Gaito Gasdanows noch auf eine Übersetzung warten müssen.

Gaito Gasdanow „Ein Abend bei Claire“. Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze. Gebunden, 192 Seiten. Hanser Verlag. 18,95 Euro

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4 Gedanken zu „Ewige Leidenschaft, die sich schnell verflüchtigt

  1. In Russland gilt „Ein Abend bei Claire“ als das zentrale Werk von Gasdanow. Ich finde es nicht schlechter als das Phantom, nur ganz anders und wie erwähnt mit weniger Handlung…

    1. Ja, ich hatte auch davon gelesen, dass die Russen Claire am liebsten moegen, koennte aber auch am deutlichen Bezug zur russischen Geschichte liegen. Danke auf jeden Fall fuer Deine Einschaetzung!

  2. Musste ein ähnliches Fazit ziehen wie du. „Das Phantom des Alexander Wolf“ hat mir mehr gegeben. Schon alleine aus einem Grund: Der Plot war deutlich runder. Da hatte man das Gefühl, wohin Gasdanow wollte, anders als bei Claire. Insofern decken sich unsere Meinungen. 🙂

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