Beobachtungen im Leseland Japan

Der Schrift(zeichen) nicht mächtig, ist man in Japan schnell in der Rolle des Zaungastes. Doch auch diese Perspektive gewährt interessante Einblicke in die japanische Bücherwelt.

Wenn ich zu Beginn schreibe, dass Japan ein Land ist, das es dem Reisenden einfach macht, dann dürfte das nicht auf die Zustimmung aller stoßen, die schon einmal dort waren. Japan gilt als kompliziert. Zu viele Leute auf engem Raum. Unübersichtliche Städte. Rätselhafte Rituale im Umgang miteinander. Spinnerte Hobbies. Durchgeknallte Popkultur. Das sind Klischees über das Land, die in Europa gerne und sorgsam gepflegt werden. Erlebnisberichte in Buchform à la „Mein Jahr in Tokyo“, die meistens austauschbar sind und mehr oder weniger das gleiche erzählen, tragen ihren Teil dazu bei. Ich habe Japan als ein Land kennengelernt, in dem die Menschen sehr sorgsam und höflich miteinander umgehen, in dem Fremden mit Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft begegnet wird, dessen U-Bahnen und Züge stets pünktlich ankommen und in dem die Kriminalitätsrate so niedrig ist, dass man sich nie Gedanken um sein Gepäck machen muss. So lässt es sich entspannt reisen.

Einen wirklichen Knackpunkt gibt es aber: selbst wenn man sich einige Vokabeln japanisch beizubringen vermochte, die japanischen Schriftzeichen sind für uns aus Europa ein schwer zu entzifferndes Rätsel. Zwar sind einzelne Begriffe und viele Eigennamen in lateinischen Buchstaben (japanisch: Romaji) gehalten, doch das ist die Ausnahme. Besonders für Büchermenschen ist es schmerzlich, in diesem Land mit seiner langen literarischen Tradition und seiner hochentwickelten und facettenreichen Gegenwartsliteratur zu reisen, ohne wirklich an der Buchkultur teilhaben zu können. Doch selbst für die Menschen in Japan ist der Start ins Leben als LeserIn nicht leicht: durchschnittlich neun Jahre lernen sie in der Schule tausende von Schriftzeichen, erst dann sind sie in der Lage, einen komplexeren Zeitungsartikel oder einen anspruchsvollen Roman zu lesen. Entsprechend haben Lesen und Gelehrtheit einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft – die Alphabetisierungsrate liegt trotz des mühsamen Erlernens der Schrift bei 99 Prozent! Weil die Bevölkerung so bereitwillig die drei Schriftzeichensysteme Kanji, Hiragana und Katakana lernt, sind die vor einigen Jahrzehnten gehegten Pläne, die lateinische Schrift flächendeckend einzuführen, inzwischen vom Tisch.

Wer so lange lernen muss, um eine Fähigkeit gut zu beherrschen, der weiß sie auch zu schätzen. Entsprechend lesen die Menschen in Japan viel und gerne, Bücher sind im Alltag sehr präsent. Zwar lieben die JapanerInnen auch ihre Handys, dennoch wird man selten einen U-Bahnwaggon finden, in dem nicht mindestens eine Person ein Buch in Händen hält. Und das bedeutet tatsächlich Literatur, nicht nur Manga, wie es hierzulande meist propagiert wird. Zwar sind die Manga-Bände ständig anzutreffen und die populärsten Serien (deren einzelne Ausgaben nicht selten Telefonbuchdicke erreichen) liegen in den Zeitschriftenkiosken stapelweise aus, doch genauso häufig sind die kleinen Taschenbuchformate zu sehen, die von ihren BesitzerInnen übrigens gerne in geschmackvolle Schutzumschläge aus Stoff oder fester Pappe gehüllt werden. Doch selbst wenn die JapanerInnen viel lesen, die Verkaufszahlen im Buchsektor gehen – ähnlich wie in Europa – etwas zurück. Die Branche verzeichnete 2008 erstmals einen Gesamtjahresumsatz unter 2 Billionen Yen (ca. 15 Millionen Euro), was als große Zäsur gewertet wurde. Dafür erfreut sich digitale Literatur einer immer größeren Beliebtheit, allerdings spielen E-Reader eine untergeordnete Rolle. Wichtiger sind „Handyromane“ (japanisch: keitai shosetsu), die es seit gut zehn Jahren gibt und die nicht nur mobil gelesen, sondern auch oft auf dem Handy geschrieben werden. Handyroman-Bestseller erreichen bis zu 20 Millionen Downloads (bei einer Gesamtbevölkerung von 126 Mio.!), meist handelt es sich freilich um Unterhaltungsliteratur mit geringer Haltbarkeitsdauer. Flüchtige Medien haben in Japan übrigens Tradition, gab es doch bis in das 20. Jahrhundert hinein (und für Mangas sogar in ähnlicher Form noch heute) den weitverbreiteten Beruf des Buchverleihers, bei dem gegen Geld die gewünschte Lektüre gemietet werden konnte.

Japan - Beitragsbild

Der Besuch eines Buchladens in Japan macht großen Spaß, selbst wenn man des Lesen der Schrift nicht mächtig ist. Buchläden gibt es in allen Schattierungen, Größen und Ausrichtungen. Auffällig ist die große Anzahl an Antiquariaten. Viele dieser Läden bieten sowohl gebrauchte Romane und Sachbücher, als auch Mangas und Zeitschriften an. In Tokyo gibt es im Stadtteil Jimbocho ganze Straßen, in denen sich ein Antiquariat neben dem nächsten befindet, andernorts sind sie gerne in der Nähe der Universitäten, aber auch unverhofft in einer schäbigen Einkaufspassage zu finden. Neben einem Blick auf das Publikum, das Buchläden frequentiert, ist vor allem die Buchgestaltung spannend. Gebundene Ausgaben werden häufig sehr aufwändig gefertigt, Paperbacks sind in einem für unsere Verhältnisse relativ kleinen Format von ca. 10 x 15 cm gehalten. Was bei beiden nicht fehlen darf ist der Obi, eine Papiermanschette, die über den Schutzumschlag gestülpt wird und zusätzliche Informationen bietet, die die Aufmerksamkeit des Kunden auf das Buch lenken sollen. Für unsere Verhältnisse überraschend ist der günstige Preis für druckfrische Taschenbücher, die häufig schon für 300 Yen (ca. 2,20 Euro) zu haben sind. Im Antiquariat kostet das gleiche Buch meist nur noch 100 Yen – wer da noch vom elitären Zeitvertreib Lesen spricht, kann jedenfalls nicht die monitäre Seite meinen…

Die ganze Vielfalt der japanischen Bücherwelt unter einem Dach lässt sich in einem der großen Buchkaufhäuser erleben, wie etwa bei Kinokuniya in der Nähe des Bahnhofes Shinjuku in Tokyo. Auf acht Stockwerken findet sich hier nicht nur eine riesige Auswahl japanischer Literatur, sondern auch eine ganze Etage, die komplett fremdsprachigen Büchern gewidmet ist. Hier gibt es englische, französische, spanische und deutsche Titel, teils von japanischen AutorInnen in der jeweiligen Übersetzung, teils aus der jeweiligen Landessprache. An den Buchreihen lässt sich prima ablesen, was die JapanerInnen an fremdländischer Literatur schätzen: Klassiker, Philosophie, aber auch Krimis und Science Fiction. Natürlich zielt das Angebot auch auf Reisende und Zugewanderte ab, deshalb gibt es eine große Auswahl an Reiseführern und Titeln zu japanischer Geschichte und Kultur. Ein ähnlich reichhaltiges Angebot an fremdländischer Literatur dürfte in Deutschland vermutlich schwer zu finden sein, aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.

Zur Illustration untenstehend noch einige Fotos von meinen Streifzügen vor Ort.

P. S. Als Zeichen der Wertschätzung für die Literatur dürfte auch der aufwändige Neubau eines Museums zu Ehren des Autors Mori Ogai (1862 – 1922) zu lesen sein, den ich durch Zufall im Stadtteil Yanaka entdeckt habe. Doch dazu bald mehr an dieser Stelle…

 

Kleines Antiquariat in Kyoto - Name und Schild in englischer Sprache täuschen, hier gibt es fast nur japanische Bücher.
Kleines Antiquariat in Kyoto – Name und Schild in englischer Sprache täuschen, hier gibt es fast nur japanische Bücher.
"London Books" von innen - alles sehr klar strukturiert...
„London Books“ von innen – alles sehr klar strukturiert…
... und dank des netten Inhabers konnte ich hier drei "Buch-Souvenirs" erstehen: links eine gebundene Ausgabe von Kenzaburo Oes "Der Stolz der Toten", rechts zwei Taschenbücher von Mori Ogai mit "Die Wildgans", "Die Tänzerin" und "Der Untergang des Hauses Abe"
… und dank des netten Inhabers konnte ich hier drei „Buch-Souvenirs“ erstehen: links eine gebundene Ausgabe von Kenzaburo Oes „Der Stolz der Toten“, rechts zwei Taschenbücher von Mori Ogai mit „Die Wildgans“, „Die Tänzerin“ und „Der Untergang des Hauses Abe“
Viele Mangas in der Auslage dieses Antiquariats, dass überraschend zwischen Kneipen und Fischhändlern in einer Marktpassage in Osaka auftauchte
Viele Mangas in der Auslage dieses Antiquariats, das überraschend zwischen Kneipen und Fischhändlern in einer Marktpassage in Osaka auftauchte
Moderne Klassiker der japanischen Literatur im Buchkaufhaus Kinokuniya in Tokyo-Shinjuku
Zeitgenössiches und moderne Klassiker der japanischen Literatur im Buchkaufhaus Kinokuniya in Tokyo-Shinjuku.
In der deutschsprachigen Ateilung bei Kinokuniya stehen Suhrkamp Wissenschaft und Reclam gleich neben deutschen Manga-Übersetzungen. Leider verabschiedete sich kurz darauf der Kamera-Akku...
In der deutschsprachigen Ateilung bei Kinokuniya stehen Suhrkamp Wissenschaft und Reclam gleich neben deutschen Manga-Übersetzungen. Leider verabschiedete sich kurz darauf der Kamera-Akku…

 

 

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6 Gedanken zu „Beobachtungen im Leseland Japan

  1. Wunderbar, dieser Bericht – und sehr interessant! Dass es so lange dauert, die Schriftzeichen zu lernen, und dennoch so eine hohe Alphabetisierungsrate – davon wusste ich ebenso wenig wie von der Lesefreude und den Lesegewohnheiten in Japan. Ich möchte auch gern eines Tages dorthin, ist sicher sehr faszinierend. Liebe Grüße
    Petra

    1. Liebe Petra,
      eine Reise nach Japan kann ich Dir wirklich ans Herz legen. Wirklich ein faszinierendes Land. Ich hätte auch gerne die Leserinnen und Leser fotografisch festgehalten, aber wildfremde Menschen knipsen, das wäre sehr unhöflich gewesen.
      Herzliche Grüße
      Tobias

  2. Schliesse mich Petra gerne an: Interessante Einführung in ein ganz anderes Leseland…und das Bild von den Suhrkamp Wissenschafts TB`s ist besonders klasse – da sieht man, was ein stringentes Design ausmacht 🙂

    1. Liebe Birgit,
      Du hast recht, mir sind die stw-Ausgaben sofort ins Auge gefallen – ich musste gar nicht auf die Beschriftung „German Books“ oben am Regal gucken, um zu wissen, dass ich in der deutschen Abteilung bin.
      Liebe Grüße
      Tobias

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