Die Verwirrungen des Großstadtmenschen Shozo Sakai

Keizo Hino thematisierte bereits 1985 den Konflikt zwischen der zunehmenden Urbanisierung Japans und einem langsam entstehenden Umweltbewusstsein. Sein Roman „Trauminsel“ spielt mit phantastischen Elementen, vermeidet aber den erhobenen Zeigefinger.

Seitdem Shozo Sonntag um Sonntag die künstlich aufgeschüttete Insel in der Tokyobucht aufsucht, passieren seltsame Dinge mit ihm. Shozo Sakai, Angestellter einer Baufirma, alleinstehend und jenseits der fünfzig, war bisher ein Liebhaber der Großstadt. Mit poetischen Worten beschrieb er die Hochhäuser Tokyos, lobte die zahllosen Lichter der nächtlichen City. Seine Stadt, seine Firma – viel anderes gab es nicht in Shozos Leben. Doch die Nachmittage, die er auf dem „Neuland“ verbringt, das erst vor wenigen Jahren von den Stadtplanern angelegt wurde, eröffnen ihm eine andere Welt. Mit Jugendlichen hat er sonst keinerlei Kontakt, doch hier besucht er eine Manga-Messe. Das erste Mal in seinem Leben setzt er einen Fuß auf eine Müllhalde und entdeckt, dass ein Großteil der Insel aus Abfall besteht. Auch sein Gefühlsleben wird über den Haufen geworfen: die erste sexuelle Regung seit Jahren überkommt ihn ausgerechnet auf einem Parkplatz, einer wahren Asphaltwüste, aus deren Boden der Stoffrest eines Kimonos herausragt und Shozo erotisiert. Und dann ist da noch die junge Motorradfahrerin Yoko, die auf den abgelegenen Straßen des „Neulands“ ihr Unwesen treibt und ihn zu waghalsigen Spritztouren verführt.

Als Keizo Hino (1929 – 2002) seinen Roman Mitte der 1980er Jahre veröffentliche war das „Neuland“, die durch Erdaufschüttungen angelegte Insel Odaiba in der Bucht von Tokyo, noch eine riesige Brache mit einigen wenigen Gebäuden und Hafenanlagen. Erst zehn Jahre später entstanden hier ein neuer Stadtteil und ein riesiges Vergnügungsviertel, das bei den TokyoterInnen heuter sehr beliebt ist. Es ist nachvollziehbar, dass dieses riesige, leere Eiland den Schriftsteller damals inspirierte, zumal in unmittelbarer Nähe auch die Seefestungen liegen, die zur Abwehr der amerikanischen Schiffe 1853 errichtet wurden. Mit diesen Kanonenstellungen, Daiba genannt, versuchte Japan, die von den USA erzwungene Öffnung des Landes militärisch zu verhindern – vergebens. Inzwischen sind die Daibas entweder Odaiba einverleibt worden oder werden als Park genutzt.

Eine der sechs Daibas allerdings ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich, sie ist nur illegal auf dem Wasserweg erreichbar. Hier wuchert hinter alten Steinmauern die Natur, vom Menschen unberührt. In einer nächtlichen Aktion begibt sich Shozo zusammen mit Yoko und deren „Bruder“, einem wortkargen Teenager, per Schlauchboot auf diese kleine Insel. Die dschungelartige Vegetation weckt ungeahnte Gefühle in Shozo – nicht nur für sein eigenes Dasein, sondern auch für Tiere und Pflanzen, die in seinem Großstadtleben nur als abstrakte Begriffe vorkamen. Am Morgen entdeckt er einige durch Angelschnüre zu Tode gekommene Reiher. Zurück in seinem Alltag, lassen ihm die von Ästen herabhängenden Tierleichen keine Ruhe. Er meldet sich krank, sein Leben gerät zunehmend aus den Fugen. Shozo beschließt, auf die Daiba zurückzukehren und die toten Reiher zu begraben – ein Entschluss mit fatalen Folgen.

Keizo Hino - Trauminsel

Keizo Hino wird in der japanischen Literatur gerne in die Schublade „Umweltschriftsteller“ einsortiert. Das dürfte damit zu tun haben, dass sich vor ihm nur wenige andere japanische Autorinnen und Autoren mit dem Thema der Ökologie beschäftigten. Von einer den Zeigefinger schwingenden Betroffenheitsliteratur ist der Roman „Trauminsel“ allerdings meilenweit entfernt. Hino schildert die inneren Konflikte des braven Bürgers Shozo Sakai als eine schillernde Verwirrung der Gefühle. Die Konfrontation mit Natur und Freiheit führt langsam zu Selbstzweifeln und einer Neubewertung des städtischen Alltags mit seinen höflichen Umgangsformen.

Der Kellner, der ihn vom Sehen kannte, bediente ihn freundlich. Höfliches Benehmen, mildes Lächeln, unaufdringliches Gespräch. Was der junge Mann wirklich denkt, wußte er jedoch nicht. (…) Selbst wenn Shozo ihn danach gefragt hätte, wäre bestimmt nur ein unverbindliches Lächeln als Antwort gekommen.

Auf einfache Lösungen verzichtet Keizo Hino. Nicht nur dem Autor, sondern auch seinem Helden Shozo ist die Komplexität des modernen Daseins bewusst. Eine Umkehr in das „bessere“, „einfache“ Leben ist nicht möglich. Nicht nur mit dem vieldeutigen Schluss des Romans wird dies angerissen, sondern auch in Passagen, in denen Shozo über die Lebensverhältnisse in Tokyo reflektiert:

Soll man also keine Betonkästen bauen, lieber aufs Land gehen und Felder bestellen? Bambussprossen ausgraben? Nein, sagte eine Stimme in ihm. Uns bleibt schon nichts anderes mehr übrig, als mit dem Eisen und dem Beton, mit Plastik und Kunststoff weiterzuleben.

Auch literarisch vermeidet „Trauminsel“ simple Muster. Hino schreibt sachlich und präzise, lässt die Erzählung aber plötzlich ungeahnt ins Traumartige und Phantastische kippen. Rätselhaft bleibt etwa die Identität der jungen Frau Yoko – die scheinbar eine „Schwester“ hat, die ihr zum Verwechseln ähnlich sieht und mit Schaufensterpuppen surreale Installationen gestaltet. Welche Rolle spielen die beiden geheimnisvollen Frauen? In seiner Kombination aus erzählerischer Ökonomie einerseits, den fiebrigen, rauschartigen Passagen und sexuellen Metaphern andererseits erinnert „Trauminsel“ an manche Texte des großen Science Fiction-Autors J. G. Ballard. Dessen Hang zu drastischen Bildern teilt Hino, wenn er die Menschen beispielsweise „entropische Ausscheidungen von Groß-Tokyo“ nennt.

Durch die komplexe und mehrdeutige Weise, in der Keizo Hino dem Konflikt zwischen der zunehmenden Urbanisierung Japans und dem in den 1980er Jahren langsam entstehenden Umweltbewusstsein begegnet, ist „Trauminsel“ auch heute noch ein sehr lesenswerter Roman. Leider leidet die deutsche Übersetzung unter sprachlichen Ungenauigkeiten. Da mehren sich Füllwörter wie „so“ oder „auch“ und manche Metaphern („… dunkle Impulse, die in ihr sprudelten …“) klingen einfach lächerlich. Das ist ärgerlich, schmälert die Bedeutung dieses Buches aber keineswegs. Für Fans japanischer Literatur, die sich für engagierte, eigenwillig erzählte Romane interessieren, ist „Trauminsel“ schlicht Pflichtlektüre.

Keizo Hino „Trauminsel“. Aus dem Japanischen von Jaqueline Berndt und Hiroshi Yamane. Gebunden, 180 Seiten. Edition q im be.bra Verlag. 16,40 Euro.

Advertisements

2 Gedanken zu „Die Verwirrungen des Großstadtmenschen Shozo Sakai

  1. Ja, diese Besprechung rührt etwas, tief unten und ein wenig irritierend. Ich vermute, auch für alle, die sich nicht explizit als Fan der japanischen Literatur sehen, ein sehr lohnenswerter Roman. Fußnote: In den letzten Wochen habe ich öfters an Ballard gedacht, obwohl es Jahre her ist, dass ich das letzte Mal einen seiner Romane gelesen habe.

    1. Danke für Dein Feedback! Ballard ist tatsächlich einer der Autoren, dessen Geschichten und Szenen mir im Alltag immer wieder einfallen, teils, weil er gerade im urbanen Raum viele Dinge mit einer anderen Bedeutung aufgeladen hat (Verkehrsinseln, Hochhäuser, Autobahnen…), teils, weil er unsere sich verändernde Welt so treffend vorausgeahnt hat. Definitiv einer meiner Lieblingsautoren!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s