Sprachlos im Love Hotel

Schweigen, Stillstand, Eskapismus – der Schriftsteller und Theaterautor Toshiki Okada gibt dem jugendlichen Prekariat Japans eine Stimme. Sein Erzählband „Die Zeit die uns bleibt“ nähert sich dem tristen Alltag mit Mitteln der literarischen Avantgarde und stellt die Frage, warum sich junge Menschen nicht gegen Entmündigung und Zukunftslosigkeit zur Wehr setzen.

Die kapitalistische Logik ist vom Wachstum bestimmt, dennoch fabriziert der Kapitalismus mit großer Häufigkeit Krisen, die das „Schneller, höher, weiter“ ins Straucheln bringen. Was nach dem Ende des unabdingbaren Wachsens passieren kann, lässt sich seit einigen Jahren in Japan beobachten. Dort entwickelt sich die Wirtschaft seit der Jahrtausendwende kaum mehr weiter, ist auf einem hohen Niveau eingefroren. Von einer „reifen Marktwirtschaft“ spricht die Ökonomie. Diese Stagnation zeigt allmählich Auswirkungen auf die japanische Gesellschaft und hinterlässt Spuren in den Biografien junger Japanerinnen und Japaner. Große Konzerne stellen kaum noch neue Leute ein, entsprechend schwierig ist es für Hochschulabsolvierende, Karriere zu machen. Noch die Eltern verbrachten in der Regel vom Eintritt in die Firma bis zur Rente das gesamte Erwerbsleben bei einem Arbeitgeber. Viele in der heutigen jungen Generation schlagen sich hingegen als sogenannte freeter (free arbeiter) mit Teilzeitjobs durch, ein Großteil von ihnen bleibt lange bei der Familie wohnen. (Die Wochenzeitung DIE ZEIT malte die Situation vor kurzem in einem großen Artikel in den düstersten Farben aus, Japanklischees natürlich inklusive.) Aber es gibt auch alternative Lebensentwürfe, junge kreative Japanerinnen und Japaner die froh sind, nicht mehr wie ihre Eltern alle Zeit dem Beruf opfern zu müssen. Freundschaften, Kultur, Kreativität und Individualität rücken in den Mittelpunkt. Hart wird es für diejenigen mit niedrigen Bildungsabschlüssen oder ohne reiches Elternhaus. Sie finden meist im Dienstleistungssektor Anstellung – Call Center, Gastronomie, Supermärkte und Convenience Stores. Schlechte Arbeitsbedingungen und kurzfristige Beschäftigungsverhältnisse sind die Regel, der Lohn reicht kaum, um sich etwa im dicht besiedelten Ballungsraum Tokyo eine Wohnung leisten zu können. Sie sind die erste Generation, die es nicht besser haben wird als ihre Eltern, eher schlechter. Die Stagnation wird für sie zum Rückschritt.

Der 1973 geborene Theaterautor und Schriftsteller Toshiki Okada ist zum Chronisten und Kommentator dieses jugendlichen Prekariats geworden. Mit der von ihm gegründeten Theatergruppe chelfitsch (Wortspiel mit dem englischen Wort selfish, zu dt.: selbstbezogen) gibt er den freeters eine Stimme. Gleichzeitig will er Reaktionen provozieren – in der japanischen Gesellschaft, die Probleme gerne totschweigt oder ignoriert, eine wahre Herausforderung. Ihm gelingt die kulturelle Einmischung durch ein Theater, das in seiner Verquickung von tänzerischer Darstellung und wortgewaltigen Monologen sowohl bei japanischen Theatertraditionen, als auch bei Beckett oder Brecht andockt. Inzwischen hört die japanische Öffentlichkeit Toshiki Okada zu, und auch das Ausland ist auf ihn aufmerksam geworden. Ende Mai 2014 gastierte chelfitsch mit zwei Produktionen in Frankfurt am Main sowie beim Themenwochenende „Japan Syndrome“ in Berlin. Hier stand die Katastrophe von Fukushima und ihre Folgen im Mittelpunkt, ein aufschlussreiches Interview mit Toshiki Okada zu diesem Themenkomplex gibt es hier zu lesen.

Neben seiner Theatertätigkeit hat Toshiki Okada auch Prosatexte veröffentlicht. Sein Debüt, der aus zwei Erzählungen bestehende Band „Die Zeit die uns bleibt“ erschien 2007 in Japan und gewann prompt den renommierten Kenzaburo-Oe-Preis. Kein Wunder, ist Okada doch ein Geistesverwandter Oes in seiner politischen Unbeugsamkeit und seinem Bemühen um Aufklärung und Wahrhaftigkeit. Von den zwei Erzählungen in „Die Zeit die uns bleibt“ basiert eine auf einem chelfitsch-Theaterstück von 2005, der zweite Text entstand ohne Bühnenadaption. Junge Menschen, grob einem Alter unter 30 Jahre zuzuordnen, stehen in diesen Erzählungen im Mittelpunkt. Sie treffen sich in Musikclubs, arbeiten tagsüber in Callcentern und Restaurantküchen. Sie führen Blogs, leben in Wohnungen, die von Schimmelgeruch erfüllt sind und reden nach Kinofilmen stundenlang miteinander, ohne sich wirklich etwas mitzuteilen. Sie begeben sich für fünf Tage in ein Love Hotel um pausenlos Sex zu haben, während Tausende Kilometer entfernt der zweite Irakkrieg ausbricht. Sie haben jede Menge Probleme, aber nichts zu sagen, keinen Mut und keine Lust, ihre Stimme zu erheben. Toshiki Okada versinnbildlicht diese Sprachlosigkeit durch eine Performance, die in der ersten Erzählung eine zentrale Rolle einnimmt: ein Mikrofon wird mitten im Zuschauerraum eines Musikclubs aufgestellt mit der Aufforderung an das Publikum, sich zu äußern – doch niemand hat etwas Substantielles zu sagen. Eine verstummte Generation, die versucht, sich mit Popkultur und Unterhaltungselektronik zu betäuben.

054017_Okada_Zeit_RME_fin.inddToshiki Okada will einerseits die Lebensumstände und Gedankenwelten dieser desorientierten, prekarisierten Jugend darstellen, andererseits fordert er sie heraus. Warum wehrt ihr euch nicht? Warum gebt ihr die Verantwortung für euer Leben ab? Diese Fragen stehen im Raum, wenn Okada schreibt oder besser gesagt: wenn er seine Protagonistinnen und Protagonisten sprechen lässt. Denn es sind Stimmen in der ersten Person, manchmal verwirrend viele, die er erklingen lässt. Diese Stimmen beschreiben minutiös und detailversessen Begebenheiten, Begegnungen, ja selbst Bewegungsabläufe, und dennoch erfahren wir erschreckend wenig über ihre Gefühle. Wer viel redet, sagt noch lange nichts über seine eigene Verfassung aus oder tut seine Meinung kund, scheint uns Okada zu signalisieren, die nichtssagende Mitteilungswut kann aber auch als Allegorie auf die Selbstdarstellungssucht in der Online-Kommunikation gelten.

Mit ihren stellenweise nicht enden wollenden Satzkaskaden, ihren sprunghaften Perspektivwechseln, ihrer kühlen Teilnahmslosigkeit können Toshiki Okadas Texte zur Herausforderung werden. Die Langeweile, die seine Figuren empfinden, macht er für uns durch seinen Schreibstil wie mit Händen greifbar. Eine dumpfe Ziellosigkeit, die aus den Zeilen strömt, verbreitet ganz ohne Drastik – sozusagen subkutan – ihre verstörende Wirkung, wenn seine ProtagonistInnen von ihren Hemmungen, ihren Verfehlungen und Enttäuschungen berichten. Nicht Depression macht sich bei der Lektüre breit, sondern eine Verunsicherung, die lange nachhallt und über die Lebensbedingungen im Spätkapitalismus nachdenken lässt, in Japan oder anderswo.

Toshiki Okada gelingt der Kunstgriff, sich mit den Mitteln der literarischen Avantgarde einem tabubehafteten Thema aus der Mitte der Gesellschaft anzunehmen und ihm auf beeindruckende Weise gerecht zu werden. „Die Zeit die uns bleibt“ wirkt in seiner stillen Kompromisslosigkeit wie ein Solitär in der japanischen Gegenwartsliteratur. Wer wirklich wissen will, wie ein Großteil der jungen Menschen im heutigen Japan tickt, sollte die Banana Yoshimoto-Bücher zur Seite legen und sich auf Toshiki Okada einlassen.

Toshiki Okada „Die Zeit die uns bleibt“. Aus dem Japanischen von Heike Patzschke. Gebunden, 160 Seiten. Verlag S. Fischer. 16,99 Euro.

Als Bonus hier noch einige Trailer bzw. Ausschnitte aus Theaterstücken von Toshiki Okada

5 Days in March – auf diesem Theaterstück basiert eine der Erzählungen des Buches

Hot Pepper, Air Conditioner and the Farewell Speech

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