Wenn Superman seine Brille aufsetzt

Clemens J. Setz‘ erster Gedichtband „Die Vogelstraußtrompete“ ist eine Mogelpackung, die Spaß macht.

Wer den österreichischen Schriftsteller Clemens J. Setz bei einer Lesung erlebt hat, bekam eine Ahnung davon, wie sehr dieser gute Geschichten zu schätzen weiß. Gerne kommt es vor, dass Setz an entscheidender Stelle den Vortrag aus dem eigenen Text abbricht, um lieber eine Anekdote zu erzählen. Literatur und Menschheitsgeschichte, sie scheinen für den Vielleser Setz unendliche Archive der Seltsamkeiten und Kuriositäten, der mystischen und poetischen Momente zu sein. Die schiere Begeisterung für die Geschichten lässt den Autor übersprudeln und auf sympathische Weise den Faden verlieren. Irritationen beim Publikum seiner Lesungen scheint er dafür gerne in Kauf zu nehmen.

Auch der erste Gedichtband des in Graz lebenden Autors dürfte vielerorts für Stirnrunzeln sorgen. In „Die Vogelstraußtrompete“ versammelt Clemens J. Setz Texte, die das klassische Gedicht mit Versmaß und Reim hinter sich lassen, ohne bilderstürmerisch gegen die Konventionen aufzubegehren. Es sind gefundene oder erfundene Kurzerzählungen, auf das wichtigste beschränkt, fast schon minimalistisch. Sie stehen formal der Prosa näher als der Lyrik, entfalten aber eine poetische Kraft, die ihre Form zunächst nicht erwarten lässt. Setz erreicht dies durch eine sprachliche Präzision, die den schlichten Texten auf den ersten Blick nicht innezuwohnen scheint und ihnen ein enormes Assoziationspotenzial verleiht.

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Setz macht Ikarus zum Bewohner einer Reha-Station, und plötzlich tun sich hinter dem Mythos des vom Himmel Gefallenen ungeahnte Hallräume auf. Ein japanischer Mönch liest andernorts wegen seiner Blindheit die heiligen Texte mit der Zunge. Gegensprechanlagen untersucht der Autor auf ihr poetisches Potenzial. Andere Texte klingen wie Zeitungsmeldungen und wie ein kurzer Artikel unter „Vermischtes“ öffnen sie die Tür zur großen Erzählung, die sich hinter den wenigen Zeilen verbirgt. Und Setz beweist einen Humor, der dem Surrealismus verpflichtet ist, manchmal aber auch in pure Albernheit abrutscht. Denn natürlich muss erwähnt werden: nicht jedes Gedicht ist gelungen, aber im Schreiblabor geht eben mal was schief und am Ende entschlüpft ein Kalauer in die Welt. Kalauer, die mag Herr Setz, das ist eine seiner Schwächen. Dabei behauptet der Autor von sich selbst, eine ausgesprochene Spaßbremse zu sein.

LyrikliebhaberInnen, die es gerne traditioneller oder sprachforschender haben, dürften diese Gedichte des Clemens J. Setz als Mogelpackung erscheinen. Doch um den Spaß an der Lektüre dieses Buches sollte man sich nicht bringen lassen. Vielleicht ist es am hilfreichsten, die Genrebezeichnung „Gedichte“ auf dem Umschlag auszublenden – und einfach drauf los zu lesen.

Clemens J. Setz “Die Vogelstraußtrompete”. Gebunden, 88 Seiten. Suhrkamp Verlag. 16,- Euro.

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