„Die Behandlung ist ein Teil der Krankheit“

Der französische Schriftsteller und Philosoph Maurice Blanchot war zeitlebens ein Außenseiter. Sein Roman „Der Allerhöchste“ wurde erst 60 Jahre nach der Veröffentlichung ins Deutsche übersetzt. Ihn zu lesen bedeutet, sich auf unsicheres Terrain zu begeben.

Als Maurice Blanchots dritter und letzter Roman „Der Allerhöchste“ 1948 erschien, war die Debatte über den Existentialismus in vollem Gange. Jean-Paul Sartre und Albert Camus bestimmten mit ihren Veröffentlichungen die Stoßrichtung. Blanchot, der fünf Jahre zuvor mit einem Essay über das Motiv des Orest-Mythos in Sartres „Die Fliegen“ den Freiheitsbegriff der Existentialisten angegriffen hatte, stand auf verlorenem Posten. Als er die Orestie zur Grundlage seines eigenen Romans „Der Allerhöchste“ machte und ihn in einem von einer Epidemie bedrohten totalitären Staat ansiedelte, ahnte er nicht, dass ein dummer Zufall ihn auch nun wieder in die zweite Reihe verbannen sollte: kurz vor „Der Allerhöchste“ veröffentlichte Albert Camus „Die Pest“ und zog alle Aufmerksamkeit auf sich. „Die Pest“ erreichte Bestseller-Verkaufszahlen und wurde kanonisiert, Blanchots Werk hingegen wird erst seit kurzem wiederentdeckt. Die deutsche Übersetzung von „Der Allerhöchste“ liegt erst seit 2011 im Verlag Matthes & Seitz Berlin vor – über 60 Jahre nach der Erstausgabe des Originals.

Maurice Blanchot (1907 – 2003) beendete mit „Der Allerhöchste“ seine produktivste schriftstellerische Phase, ab Anfang der 1950er Jahre publizierte er nur noch sporadisch Essays und philosophische Texte. Zunehmend zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück, bis zu seinem Tod verbat er sogar die Veröffentlichung aktueller Fotografien seines Gesichts. Nur im Jahr 1968 schaltete er sich in die aufkommende Studentenbewegung ein und ging bei den Maidemonstrationen in Paris auf die Straße. Sein jugendliches Engagement in nationalrevolutionären Kreisen wurde da auch von der Linken als „Jugendsünde“ anerkannt, seine Tätigkeit in der Résistance war bereits in den 1940ern das Signal für eine Abkehr Blanchots von rechtem Gedankengut. Eine langjährige Freundschaft verband ihn mit den beiden Autoren und Philosophen Georges Bataille und Emmanuel Levinas, beide selbst Außenseiter im damaligen Geistesleben Frankreichs. Dennoch ist Blanchots Einfluss auf die Nachkriegsphilosophie nicht zu überschätzen, seine Gedanken fanden Widerhall in den Werken von Michel Foucault und Jaques Derrida.

Dieses Vorwissen mag hilfreich sein, dennoch bereitet es einen nur unzureichend auf die Lektüre von „Der Allerhöchste“ vor. Im Mittelpunkt steht Henri Sorge, ein staatstreuer Beamter Anfang zwanzig, der in der Kommunalbehörde einer entfernt an Paris erinnernden Stadt seinen Dienst tut. Als die Romanhandlung einsetzt, berichtet Ich-Erzähler Sorge von einem „Zwischenfall“, der ihn dazu zwang, für einige Tage krank geschrieben und ins Krankenhaus gebracht zu werden. Seinen Krankheitsfall sieht Sorge als desaströsen Fauxpas in dem totalitären System, dem er aufrichtig dienen möchte. Er beschließt daher, eine Art Bericht über die Ereignisse anzufertigen:

Was ist nur dieser Staat, fragte ich mich. Er steckt in mir, und noch in meiner kleinsten Faser, bei allem, was ich tue, spüre ich, wie er in mir lebt. Da überkam mich die Gewissheit, dass ich nur von Stunde zu Stunde einen Kommentar meines Handelns niederzuschreiben brauchte, um darin eine höchste Wahrheit aufblühen zu sehen: jene, die unermüdlich unter uns allen zirkulierte und vom öffentlichen Leben ständig neu entfacht, überwacht, aufgesogen und wieder ausgespieen wurde, in einem fesselnden und wohl durchdachten Spiel.

Der „Bericht“, der folgt, ist schwer in einer Zusammenfassung wiederzugeben. Sorge sieht sich vom Dienst suspendiert, seine Nachbarn scheinen ihn zu bespitzeln. Nachdem eine Epidemie um sich greift und besonders die armen Stadtteile darunter leiden, wird das Mietshaus, in dem er wohnt, in eine Art Sanatorium umgebaut. Sorge versucht aus dem Haus zu fliehen, er bekommt Kontakt zu einer cover blanchotUntergrundorganisation, die mit unklaren Zielen versucht, den Staatsapparat zu unterwandern. Während dessen zersetzt die Epidemie immer stärker die öffentliche Ordnung, Wärter ziehen mordend und vergewaltigend durch die Straßen, von der Seuche betroffene Häuser werden in Brand gesteckt. Henri Sorge gelingt die Flucht, doch längst hat er sich in die Abhängigkeit zu einer Krankenschwester begeben, aus seiner Unfreiheit scheint es kein Entkommen zu geben.

Die Romanhandlung lässt mit ihrer Zuspitzung menschlicher Existenzfragen und einer Aneinanderreihung unerklärlicher Ereignisse Ähnlichkeiten zu den Werken Franz Kafkas und Samuel Becketts erkennen, Blanchot geht aber noch einen Schritt weiter. Sein Ich-Erzähler Henri Sorge ist, wie es im Laufe der ersten Kapitel immer deutlicher wird, von seinem „Zwischenfall“ keineswegs genesen, sondern befindet sich zunehmend in einem wahnhaften Zustand. Er nimmt Raum, Zeit und Umwelt nur noch verzerrt wahr, sein Empfinden ist von obsessiven Gedanken entstellt, sein Denken von Verschwörungstheorien eingetrübt. Der Text ist durchsetzt von Zeitsprüngen, unvollständigen Dialogen, Angstzuständen und den Schilderungen synästhetischer Sinneswahrnehmungen. Häufig ist unklar, wer gerade spricht. Henri Sorge kann nicht mehr unterscheiden, ob es sich bei einer Person um seinen Stiefvater, den Leiter des Sanatoriums oder den Staatspräsidenten handelt, oder ob die Krankenschwester Jeanne und seine leibliche Schwester ein und dieselbe Person sind. Da der Autor diese Schilderungen ohne Kommentar, sondern in der bedingungslosen Ich-Perspektive des langsam dem Wahn anheimfallenden Henri Sorge erzählt, dürften wir es hier mit einem der unzuverlässigsten unter all den unzuverlässigen Ich-Erzählern der Literaturgeschichte zu tun haben.

So schwierig die Lektüre dieses Romans stellenweise sein mag, so viele Gründe gibt es, Maurice Blanchot für dieses Buch zu bewundern. Die Sprache, in der Blanchot seinen „Wahnsinnigen“ Sorge sprechen lässt, ist höchst virtuos und vermag die sprachkritischen Gedanken des Autors auf äußerst sinnliche Weise zu veranschaulichen. Neben dem Konflikt von Individuum und Gesellschaft, der philosophischen Reflexion des „Innen versus Außen“ transportiert der Text gleichzeitig eine Machtkritik und fragt dezidiert nach der Rolle des Staatsapparates in unseren modernen Gesellschaften. Hier spielt auch die Frage der Rebellion eine Rolle, etwa wenn der Satz fällt:

„… der Staat wird sich ihre Widerspenstigkeit zunutze machen, und er wird nicht nur Nutzen daraus ziehen, sondern sie werden bei allem Widerstand sein Gesandter, sein Stellvertreter sein, genau wie Sie es in Ihrem Büro gewesen wären, wenn Sie weiter das Gesetz befolgt hätten. Die einzige Veränderung besteht darin, dass Sie eine Veränderung wollen und es keine Veränderung geben wird.“

Blanchot hat hier Spinozas Freiheitsgedanken weitergesponnen und die Kritik am Staat als staatserhaltendes Element zur Debatte gestellt. Bezeichnend nur, dass dieser Satz in einem diffusen Dialog zwischen Henri Sorge und dem „Rebellionsanführer“ Bouxx fällt – ohne das klar wird, von wem der beiden er stammt.

Ein anderer Begriff, den Maurice Blanchot mit diesem Roman in Frage stellt, ist die Wahrheit. Bereits im dem Text entnommenen Vorwort heißt es:

„Begreifen Sie doch: Alles, was von mir kommt, ist für Sie nichts als Lüge, denn ich bin die Wahrheit.“

Der Roman selbst kann natürlich als ein einziger großer Kommentar auf die Unzuverlässigkeit des Begriffs Wahrheit gelesen werden, hier wird die Nähe zur postmodernen Philosophie überdeutlich. Heutzutage hat die Wahrheit als Faktor in der politischen Theorie wieder an Bedeutung gewonnen, daher mag nicht jeder Gedanke, mit dem Blanchot hier das Thema durchdekliniert, noch zeitgemäß erschienen. Die Lektüre kann aber verdeutlichen, aus welchem Denken die PoststrukturalistInnen nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Theorien entwickelten: aus einer Ablehnung totalitärer Theorien und der Bewusstmachung des Unheils, das diese angerichtet haben.

Im äußerst informativen Nachwort der deutschen Ausgabe ordnet die Übersetzerin Nathalie Mälzer-Semlinger den Roman in das Gesamtwerk von Maurice Blanchot ein und erlaubt Einblicke in den Prozess der Übersetzung sowie in die zu Grunde liegenden philosophischen Überlegungen Blanchots. Damit lässt sich dieser höchst eigenwillige Text in seiner erweiterten Bedeutung erfassen und die verstörende Dystopie, die Maurice Blanchot hier in Worte gefasst hat, als Metaroman dechiffrieren.

Maurice Blanchot „Der Allerhöchste“. Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer-Semlinger. Gebunden, 408 Seiten. Verlag Matthes & Seitz Berlin 2011. 24,90 Euro.

 

 

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Ein Gedanke zu „„Die Behandlung ist ein Teil der Krankheit“

  1. Guten Tag, wie interessant Blanchot in deiner Rezension klingt. Tatsächlich habe ich noch nie etwas von ihm gelesen, wenn man sich vornimmt, einen französischen Philosophen zur Hand zu nehmen, stehen tatsächlich immer Sartre und Camus an erster Stelle. Danach (warum eigentlich immer erst danach?) greift man zu de Beauvoir und mittlerweile auch zu Leduc. Ein Pech für Blanchot, dass er so unterging. Aber eine Übersetzung ins Deutsche kommt da gerade recht, sich mal mit ihm zu befassen. Vor allem, wenn ein gutes Nachwort angefügt ist, denn das finde ich persönlich sehr wichtig bei Figuren, die aus verschiedenen Gründen bisher unentdeckt geblieben sind. Vielen Dank für den Tipp!

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