Schreiben gegen das emotionale Verhungern

In Frankreich verehrt, bei uns fast vergessen: ein Spielfilm erzählt die Biografie der Schriftstellerin Violette Leduc. „Violette“ beleuchtet nicht nur die Entstehung radikaler, neuartiger Literatur, sondern auch das spannungsgeladene Verhältnis zwischen der Autorin und ihrer Freundin Simone de Beauvoir.

Während an Literaturverfilmungen kein Mangel herrscht, sogar einige der erfolgreichsten Filme in jüngster Zeit auf Romanvorlagen basierten, sind Filmbiografien von Schriftstellerinnen und Schriftstellern zu einer Seltenheit geworden. Dass Regisseur Martin Provost gerade der Autorin Violette Leduc ein Biopic widmet, überrascht zunächst, ist diese doch bei uns fast vollständig in Vergessenheit geraten. In Frankreich ist das anders, dort haben über eine halbe Million Menschen „Violette“ gesehen, Leduc gilt dort als eine der wichtigsten weiblichen Stimmen in der Nachkriegsliteratur, die mit ihren Romanen entscheidendes Neuland betrat.

Emanuelle Devos als Violette Leduc
Emanuelle Devos als Violette Leduc

Die Dienste, die Violette Leduc (1907 – 1972) der Literatur erwiesen hat, sind kaum zu ermessen. Sie schrieb in einer neuen, radikalen Offenheit über weibliche Sexualität und die Erniedrigung der Frau. Quelle ihres Werkes war die eigene Lebensgeschichte, ihr Leiden als Frau abseits der Schönheitsideale, die sich in Beziehungsdingen als gescheitert ansieht. Wie der Film darstellt, wurde sie von Simone de Beauvoir in ihrer schriftstellerischen Laufbahn massgeblich gefördert. Die Beauvoir sorgte dafür, dass Leducs erster Roman bei Gallimard erschien und unterstützte sie in den Folgejahren heimlich finanziell. Violette Leduc, die als uneheliches Kind so viel Zurückweisung und Abhängigkeit erlebte, fand in der großen Intellektuellen eine Freundin, obwohl das Verhältnis alles andere als einfach war: Leduc, die sich zu Frauen und Männern auf gleiche Weise hingezogen fühlte, verliebte sich in Beauvoir, erfuhr aber hier ebenfalls Ablehnung. Auch die Öffentlichkeit konnte mit Violette Leducs Literatur zu Beginn nichts anfangen, zu neuartig, zu schonungslos waren Romane wie „Verheerungen“ oder „Die Verhungernde“. Erst mit „Die Bastardin“ feierte Violette Leduc Ende der 1960er Jahre einen literarischen Erfolg. Mit einer neuen weiblichen Emanzipation, die sich in diesem Jahrzehnt Bahn brach, war endlich ihre Zeit als Autorin gekommen. Sie war auf kompromisslose Weise ihrer Zeit weit voraus gewesen. Violettes Leducs jahrelanger Hunger nach Zuneigung und Anerkennung fand seine Befriedigung.

Violette Leduc ca. 1969
Violette Leduc ca. 1969

In seiner Machart ist „Violette“ nicht spektakulär anders, aber sehr stimmungsvoll und sensibel inszeniert. Emmanuelle Devos in der Titelrolle der Violette Leduc ist eine Idealbesetzung. Ihr gelingt der Spagat zwischen Selbstzerfleischung, leidenschaftlichem Lebenswillen und dem Pragmatismus der Nachkriegsjahre bravourös. Wunderbar ist es auch, Sandrine Kiberlain, die so viele französische Arthouse-Filme der 1990er veredelte, mal wieder auf der Leinwand zu sehen. Sie spielt Simone de Beauvoir reduziert und effektiv als unterkühlte Intellektuelle, die weder männliche Allmachtsfantasien, noch weibliches Selbstmitleid erträgt. Schön auch, dass Regisseur Martin Provost sich nicht dazu hinreissen liess, Violettes engen Freund Jean Genet und seine berüchtigten Exzesse breit zu treten. Sartre und Camus tauchen als Figuren erst gar nicht auf, finden nur in den Dialogen Erwähnung. Das Verhältnis Leduc-Beauvoir steht im Mittelpunkt, eine kluge Entscheidung, die der Bedeutung der beiden Frauen Rechnung trägt.

Wünschenswert wäre es, dass Violette Leduc durch diese gelungene Filmbiografie eine Wiederentdeckung erfahren würde, so, wie etwa vor zwanzig Jahren Janet Frame nach Jane Campions „Ein Engel an meiner Tafel“. Doch die Zeichen dafür stehen schlecht. Der Film hat in den deutschen Kinos zwar sein Publikum erreicht, doch die Bücher Leducs sind auf deutsch schon lange vergriffen und selbst antiquarisch kaum erhältlich, Neuauflagen sind bisher nicht in Sicht. Von den atemberaubenden Textausschnitten in „Violette“ angefixt, bleibt uns also nichts anderes übrig, als in Bibliotheken oder bei Freundinnen und Freunden nach Leducs Büchern zu suchen und diese Autorin wenigstens im Kleinen in ihrer Gänze zu entdecken.

Violette (FR 2013, Regie: Martin Provost, 139 Min.) läuft aktuell in den deutschen Kinos.

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5 Gedanken zu „Schreiben gegen das emotionale Verhungern

  1. Nach der Lektüre der „Bastardin“ hatte ich selbst das Gefühl, Leduc erschlägt die Menschen um sich herum mit ihrer Anhänglichkeit, dann mit dem Zurückstoßen ihrer Mitmenschen, mit Selbstmorddrohungen und Bitten und Betteln. Sie schien teils tatsächlich emotional zu verhungern, dann aber wieder so voll von Gefühlen zu sein, dass sie nicht wusste, wohin damit. Den Film würde ich mir gern ansehen.

    1. Leider kenne ich das Buch nicht, aber tatsächlich stellt der Film Violette Leduc ganz ähnlich dar, wie Du es beschreibst. Sie hatte wohl ein Gefühlsleben mit großen Extremen, im Film kommt aber auch ihr Überlebenswille und ihre Sturheit zum Vorschein. Danke jedenfalls für Dein Feedback und ich hoffe, Du bekommst eine Chance, den Film zu sehen!
      Viele Grüße
      Tobias

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