Feuerprobe am Kraterrand

Rache oder Vergebung? Ein Anschlag stellt die tolerante Gemeinschaft in einem Ort mitten in der Wüste vor große Herausforderungen – Chaim Nolls neuer Roman „Die Synagoge“ bietet Einblicke in das heutige Israel jenseits geläufiger Klischees.

Gelblich-beige wie Wüstensand ist der Leineneinband des neuen Romans von Chaim Noll, und mitten in die Wüste hinein zieht uns auch der Beginn der Handlung, wo wir zunächst einem Reisenden per Bus von Jerusalem in einen kleinen Wüstenort im Süden folgen. Hier, am Rande eines großen Kraters, in der Nähe einer Militärbasis, hat sich über Jahrzehnte aus dem Nichts eine Kleinstadt entwickelt, samt Krankenhaus, College, Solar-Forschungsinstitut und kleiner Universität. Herz des Ortes und gleichzeitig Zankapfel ist die neu erbaute Synagoge im Stadtkern, die dem Roman seinen Titel verleiht.

Die Handlung setzt im Jahr 2001 ein, die zweite Intifada ist in vollem Gange und wie ein entsetzlicher, nicht enden wollender Soundtrack grundieren Schreckensmeldungen von Selbstmordattentaten und Anschlägen die Erzählung. Hier, einige hundert Kilometer von Jerusalem und Tel Aviv entfernt, ist der Terror bisher nur in den Medien präsent. In der Nähe wohnen Beduinen, mit denen man sich gut versteht, an der örtlichen Uni werden deren Gesänge und Lyrik erforscht. Palästinenser kennen die meisten als umgängliche Wanderarbeiter auf den Baustellen der Gegend. Viel mehr Sorge bereitet den jüdischen Gläubigen im Ort, dass am Shabat nur selten die nötige Anzahl von zehn Männern erreicht wird, um einen Minjan, also einen ordentlichen jüdischen Gottesdienst in der Synagoge abzuhalten. Im Städtchen sind die meisten nicht religiös, die strenggläubigen Ultraorthodoxen konnten hier kaum Einfluss geltend machen. Gerade die Jüngeren denken wie Holly Crane, Sohn eines Universitätsdozenten, über Glauben, jüdische Identität und die für viele ältere Israelis identitätsstiftende Katastrophe des Holocaust:

Niemand interessiert sich dafür. Der Rummel um die Shoah, den sie in Europa und Amerika treiben, ist jungen Israelis unheimlich. In seinem letzten Jahr am College war die Reise nach Auschwitz wegen Mangel an Interesse ausgefallen.

Wesentlich geschichtsbewußter sind die Zugezogenen, die hier ihren jüdischen Wurzeln nachgehen und aus unterschiedlichen Motivationen nach Israel gekommen sind. Sie flohen vor dem Antisemitismus aus den Ländern Nordafrikas, suchten das Abenteuer wie der Engländer Paul oder gaben einer unerklärlichen Sehnsucht nach wie Livia und Abi. Das Paar aus Berlin wird von manchen im Ort gemieden, schließlich sind sie Deutsche, wenn auch jüdischer Herkunft. Doch Livia und Abi spüren, dass sie in Israel am richtigen Platz angekommen sind. Selbst die Intifada und die Anschläge des 11. Septembers können sie nicht davon abhalten, hier ein Haus zu erwerben:

Mit jedem Bus, der in die Luft flog, jedem Anruf aus Europa wurden sie ein Stück sicherer, dass sie kaufen sollten. Sie waren gekommen um zu bleiben.

Vielschichtig und nuancenreich ist die Gemeinschaft in dieser kleinen Stadt, Toleranz und ein kritischer Diskurs zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern prägen das Bild. In diesen friedlichen israelischen Mikrokosmos bricht aber dennoch das Unheil ein. Holly, einer der Ihren, der seit seiner Kriegsdienstverweigerung von Gleichaltrigen gemieden wird, begeht einen Brandanschlag auf die Synagoge. Die Gemeinschaft wird auf eine Probe gestellt. Wie werden sie mit dieser skandalösen Tat umgehen?

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Chaim Noll wurde 1954 in Berlin geboren, er wuchs als Sohn des Schriftstellers Dieter Noll in der DDR auf. 1984 siedelte er nach West-Berlin über, 1995 zog er gemeinsam mit seiner Frau Sabine Kahane in den israelischen Wüstenort Midreshet Sde Boker in der Nähe von Be’er Sheva. Unschwer ist in der Romanfigur Abi sein Alter Ego zu erkennen, doch eine einseitige Perspektive vermeidet Noll. Er verteilt die Erzählung auf eine ganze Anzahl von Stimmen, deren Bewusstseinsstrom wir beim Lesen folgen. Wir erleben die Romanhandlung aus der Sicht misstrauischer ehemaliger Kibbuz-Mitglieder, pragmatischer Supermarktbesitzerinnen, junger Studentinnen genauso wie aus dem Blickwinkel Abis, Hollys oder des Gemeindevorstehers und Arztes Chanan. Diese Erzähltechnik erlaubt es Noll, eine Fülle winziger Details über das Zusammenleben in dieser Kleinstadt einzuflechten. Lebendig und stellenweise kurios geht es zu, etwa wenn ein Universitätsdozent während des Gottesdienstes in Gedanken das jüdische Achtzehn-Segen-Gebet, die Amidah, im Sinne des Soziologen Émile Durkheim analysiert. Unübersichtlich wird es trotzdem nie, Noll erzählt sachlich und einem trockenen Realismus verpflichtet, gelegentlich gespickt mit einer Prise lakonischem Humor.

Chaim Noll ist ein Schriftsteller mit einer Botschaft und das ist diesem Roman anzumerken, aber es schadet ihm nicht. Es geht Noll um die Darstellung von Vielfalt und Demokratie, um ein Judentum das „nie einseitig gewesen, nie langweilig“ gewesen ist, oder wie es an einer Stelle heißt:

Unser Land ist klein, aber es wird von den interessantesten, verrücktesten Menschen der Welt bewohnt. Wollen wir alles tun, dass es so bleibt.

Gleichzeitig denkt der Roman viele Meinungen und Sichtweisen mit, ohne davon erdrückt zu werden. Wir erfahren von dem Unverständnis, das viele Israelis für die ständigen Ratschläge aus Europa empfinden („Es gibt vieles bei uns, was sie nicht durchschauen, deshalb liegt immer ‚Kritik‘ in der Luft, Verärgerung über eine Realität, die sich ihrer vermeintlichen Gescheitheit entzieht.“), von der Verachtung für die TouristInnen, die den Ort aufsuchen, selbst plumper Rassismus taucht auf. Chaim Noll macht sich nicht zum Parteigänger dieser Ansichten, er sieht seinen Auftrag darin, zu zeigen, wie eine offene Gesellschaft die Möglichkeit bietet, trotz dieser Meinungspole ein Zusammenleben zu ermöglichen.

Wie der Konflikt, der die kleine Gemeinschaft in Nolls „Die Synagoge“ zu spalten droht, schließlich gelöst wird, das ist nicht nur köstlich zu lesen, sondern nach der streckenweise einem Schwarz-weiß-Schema folgenden ersten Hälfte des Romans auch eine große Überraschung. Ob es in der Realität wirklich so ablaufen könnte, bleibt offen. Chaim Noll ist eben ein Idealist, der seine Überzeugungen gegen rechtsgerichteten Fanatismus einerseits, gegen Angriffe durch Feinde des Landes Israel andererseits zu verteidigen gewillt ist. Die Einblicke in das Leben dort, die er auf seiner literarischen Mission bietet, sind verblüffend und im besten Sinne bewusstseinserweiternd. Dieses Buch zu lesen, bedeutet, die Schlagzeilen und Klischees beiseite zu schieben. Im Angesicht der aktuellen Ereignisse in Nahost und ihrer Auswirkungen hier in Europa ist der Wert von Chaim Nolls Roman kaum zu überschätzen.

Chaim Noll „Die Synagoge“. Gebunden, Leineneinband, 448 Seiten. Verbrecher Verlag 2014. 29 Euro.

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