Hermann Kesten – Schriftsteller, Flüchtling, Lebensretter

Stefan Zweig nannte ihn den „Schutzheiligen aller über die Welt Versprengten“, denn mit seinem Engagement verhalf der Schriftsteller Hermann Kesten etlichen Künstlerinnen und Autoren zur Flucht vor der Verfolgung durch das NS-Regime. Kesten selbst und sein literarisches Werk gerieten inzwischen in Vergessenheit. Zeit, an ihn zu erinnern.

In einem Brief an Hans Bender im Jahr 1974 schrieb der Schriftsteller Hermann Kesten:

[…] ich besitze Hunderte Briefe und Telegramme berühmter europäischer Maler, Musiker, Professoren, Philosophen, Bildhauer und Autoren, die in ganz Amerika keinen andern wußten, der ihnen helfen konnte, ihr Leben zu retten, als mich […] Ich besitze mehrere Briefe von Albert Einstein aus Princeton, der in USA nicht ganz unbekannt, nicht ganz ohne Einfluß war, und der mich bat, Bekannten oder Freunden von ihm zu helfen, nach Amerika zu entkommen […]

Das war einige Monate bevor Hermann Kesten – lange nach seiner kreativsten Phase als Autor – den Georg-Büchner-Preis erhalten sollte. Eine späte Anerkennung für einen engagierten Literaten, der in den 1920er Jahren kometenhaft aufstieg, nach seiner Verfolgung durch die Nazis (Kesten war Jude) aber in Vergessenheit geriet. Hermann Kesten (1900 – 1996) schrieb acht Romane und etliche Erzählungen, er floh 1933 nach Frankreich, sieben Jahre später nach New York. Von dort aus verhalf er gemeinsam mit Thomas Mann vielen deutschen Intellektuellen zur Flucht in die USA. Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Franz Werfel oder Alfred Döblin, sie alle verdankten Kesten die Rettung aus Nazi-Deutschland.

Der „Dichter im Café“ – Hermann Kesten im Babington Tearoom, Rom

Heute sagt der Name Hermann Kesten nur noch wenigen Literaturinteressierten etwas. Marcel Reich-Ranicki würdigte ihn ausführlich zum 90. Geburtstag sowie in einem Nachruf nach Kestens Tod, seitdem ist es still geworden. Vor kurzem tauchte er als Figur im Buch eines anderen auf, in Volker Weidermanns Bestseller „Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft“. Kestens eigene Werke hingegen sind größtenteils vergriffen, Neuauflagen sind bisher nicht in Sicht.

Im Rahmen des Literaturpodcasts WIR LASSEN LESEN konnte ich vor kurzem einen ausgewiesenen „Kestenianer“ kennenlernen: Manfred Schreiner ist 1. Vorsitzender der Hermann-Kesten-Gesellschaft, die er 2010 gründete, um an das Wirken und Werk des Nürnberger Schriftstellers zu erinnern. Meine Podcast-Kollegin Madeleine Weishaupt führte ein höchst interessantes Gespräch mit ihm, das den Menschen und Autor Hermann Kesten lebendig werden liess. Da ich die Studioaufnahme technisch betreute, kann ich hier einen Mitschnitt präsentieren:

Das gesamte Gespräch inklusive der Lesung eines kurzen Textes von Hermann Kesten ist in Kürze auf kubiss.de kostenlos anhörbar und downloadbar.

Empfehlenswert für alle, die mehr zu Hermann Kesten erfahren wollen, ist die sehr schön aufbereitete Homepage der Hermann-Kesten-Gesellschaft kesten.de

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2 Gedanken zu „Hermann Kesten – Schriftsteller, Flüchtling, Lebensretter

  1. Danke sehr! Ich wurde erst vor wenigen Wochen an ihn bei der Lektüre des von Dir erwähnten Ostende-Buches über Zweig und Roth erinnert und wollte ihn mal dringend auf meine Leseliste setzen…

  2. Hallo,

    danke für die Erinnerung an Hermann Kesten. Durch die Ullstein Werkausgaben habe ich mich weitgehend durchgelesen. Die Romane von Hermann Kesten sind oftmals sehr bewegend und reizvoll mit ihrer Vielfalt der menschlichen Begegnungen. Für Nürnberger Leser unentbehrlich sind „Die Zwillinge von Nürnberg“. Für die literarische Szene sind die „Dichter im Café“ ein Denkmal. Besonders mag ich die „Revolutionäre mit Geduld“, Essays über Odysseus, Dürer, Heine, Feuerbach und einige andere.
    In diesen Zeiten ist sowohl Kestens Biografie als Flüchtling wie als Flüchtlingshelfer aktuell.

    Recht schöne Grüße
    arnoldnuremberg

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