Das Abenteuer der Niederschrift

„Der Fisch als Kathedrale“ und „Archipel / Nord“ – zwei Bände zeigen unbekannte Seiten des französischen Nobelpreisträgers Claude Simon. In den hier versammelten Vorträgen, Photographien und Kurzprosatexten gibt sich ein Autor zu erkennen, der die präzise Beschreibung und die Bedeutung der Erinnerung für die Literatur in den Mittelpunkt stellte.

Warum wird jemand Schriftsteller? Claude Simon (1913 – 2005) sagte über sich, dass die Schriftstellerei das sei, was ihm „am wenigsten schlecht“ gelinge. In seinem Vortrag „Schreiben“ aus dem Jahr 1989 zitiert er Samuel Beckett, der auf die selbe Frage antwortete: „nur dazu tauglich.“ So kokett diese Worte aus dem Mund eines Literaturnobelpreisträgers klingen mögen, so treffend weisen sie auf Claude Simons Werdegang als Autor hin. Seine Romane entstanden aus der Notwendigkeit, das eigene Leben zu verstehen. Es sind Ansammlungen von Erinnerungen und philosophischen Reflexionen; in einer Art Stream Of Consciousness geschrieben, wirken sie wie ein komponiertes Tagebuch, selbst wenn Simon in die dritte Person wechselt. Fiktion und Autobiografie verschwimmen ununterscheidbar miteinander.

Wegen des Fehlens einer klassischen Erzählstruktur ließen sich Simons Texte schnell dem „Nouveau Roman“ zuordnen. Auch Kolleginnen und Kollegen wie Michel Butor, Nathalie Sarraute oder Alain Robbe-Grillet experimentierten ab Ende der 1950er Jahre mit neuen Erzählformen, entmachteten die stringente Narration, lehnten Subjektivität und eine moralische Deutung ihrer Werke ab. Claude Simon, der sich später von der Bewegung distanzieren sollte, war der Sinnlichste in dieser Autorenriege. Er stellte die detaillierte, bildreiche Beschreibung in den Fokus seiner literarischen Bemühungen.

Claude Simon an seinem Schreibtisch
Claude Simon an seinem Schreibtisch

Dass Simons Kunst nicht auf einer steifen Programmatik, wie sie der Literaturkritiker Émile Henriot für den „Nouveau Roman“ ausrief, sondern auf der Suche nach neuen Lösungen für die Problemstellungen des eigenen Schreibens fußte, lässt sich in „Der Fisch als Kathedrale“ nachvollziehen. Der Band enthält vier Vorträge, die Claude Simon zwischen 1980 und 1993 hielt und die in direkter Verbindung zueinander stehen. Der Autor steckt hier seinen Modus operandi ab und gewährt Einblicke in sein Denken und Arbeiten. Viele der gebotenen Einsichten überraschen. Fortschritt in der Literatur ist für Simon ein Unding, er spricht lieber von Entwicklungen und Unterschieden. Das ketzerische Element, das dem „Nouveau Roman“ immer wieder zugeschrieben wurde, lehnt er ab, er sieht sein Schreiben in einer Traditionslinie mit Faulkner, Dostojewski, Joyce und natürlich Proust. Den großen Umbruch, den viele durch die französische Nachkriegsliteratur gegeben sahen, macht er folgerichtig zu Beginn des 20 Jahrhunderts aus. Claude Simon zieht hier Vergleiche zur Malerei und kommt zu dem Schluss, dass die Literatur – etwa mit „Ulysses“ und „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ – an einem Punkt ankam, an dem auch Picasso anlangte: es muss keine Geschichte mehr erzählt werden, die Beschaffenheit und der Ausdruck des Werkes ist entscheidend. Statt der Kausalität der Romanhandlung schob sich die Qualität der literarischen Formulierung in den Mittelpunkt, statt einer Fabel konnte der Text an sich wahrgenommen werden.

Besonders Marcel Proust hat es Claude Simon angetan. Das Werk dieses Erinnerungsforschers, dessen Credo „die Beschreibung erzeugt die Handlung“ auch für Simons Schreiben gelten kann, zieht sich wie ein roter Faden durch die vier Vorträge. Die Literatur des 19. Jahrhunderts mit ihren, so Simon, „seelenlosen Figuren“ und ihren moralischen Erzählungen erscheint ihm im Vergleich dazu hölzern und ausdruckslos. Bei Proust hingegen sieht Simon nicht die Niederschrift eines Abenteuers, sondern „das Abenteuer der Niederschrift“. Was für eine Befreiung, was für eine verführerische Perspektive für den Schreibenden! Hier ist er zu finden, der Schlüssel zu Reflexion und Selbsterkenntnis durch das Herstellen von Literatur! Aufregend und frisch wirken die Ausführungen Claude Simons. Man wünscht sich, die Literatur des 21. Jahrhunderts mit ihrem Revival des epischen Romans und ihren konformistischen Geschichtchen möge sich von diesem Esprit anstecken lassen.

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Die Gabe zur genauen Beobachtung brachte Claude Simon den Ruf ein, durch seine Literatur „Photographie ohne Apparat“ zu betreiben. Tatsächlich griff der Schriftsteller immer wieder selbst zur Kamera, wie der kleine Band „Archipel / Nord“ beweist. Hier sind Aufnahmen aus den 1930er bis 1970er Jahren versammelt. Die Arbeit als Photograph verfolgte Claude Simon unstetig, zu Lebzeiten erschien ein Bildband mit einer Auswahl von Arbeiten, der Großteil blieb im Privatarchiv. Die in „Archipel / Nord“ zu findenden Photographien zeigen, dass Simon ein großes Talent für Bildgestaltung, für die Dramaturgie von Licht und Schatten sowie ein Gespür für den richtigen Moment besaß. Es sind beiläufige Szenen, die den Romanen Simons entsprungen sein könnten: zum Trocknen aufgehängte Fischernetze, Musikanten bei einer Tanzveranstaltung, Pferdekarren im spanischen Hinterland, drei verzückt tanzende Mädchen auf der Straße. Ihnen zur Seite gestellt sind „kleine Schriften“, Kurzprosatexte, die größtenteils in Literaturzeitschriften erschienen und in einigen Fällen Rohmaterial für das Romanwerk enthielten. In chronologischer Reihenfolge präsentiert, bieten sie auch einen Einblick in die Entwicklungsstadien des Erzählers Simon.

Die zwei Bände sind mit informativen Vor- bzw. Nachworten von Brigitte Burmeister und Andreas Isenschmid versehen. Für Claude Simon-LiebhaberInnen sind beide unentbehrlich, für alle anderen bieten sie die Chance des ersten Eintauchens in einen unvergleichlichen Literaturkosmos.

Claude Simon. Der Fisch als Kathedrale. Vier Vorträge. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Mit einem Nachwort von Andreas Isenschmid. 108 Seiten, gebunden, Halbleinen. Berenberg Verlag 2014. 20,- Euro.

Claude Simon. Archipel / Nord. Kleine Schriften und Photographien. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Mit einem Vorwort von Brigitte Burmeister. 174 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Verlag Matthes & Seitz Berlin 2013. 22,90 Euro.

 

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