Tanzen mit harten Bandagen

Mit ihrem zweiten Roman „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ macht Olga Grjasnowa da weiter, wo sie mit ihrem Debüt aufhörte: sie erzählt unverschämt treffend und direkt von einer Gegenwart, in der die alten Schablonen keine Gültigkeit mehr besitzen.

Die Welt, von der die Schriftstellerin Olga Grjasnowa in ihren Büchern spricht, sieht unserer zum Verwechseln ähnlich. Sie wird von Menschen bewohnt, deren Eltern aus aller Herren Länder hierher gekommen sind, die mehrere Sprachen sprechen und nicht wissen, welche nun ihre „Muttersprache“ ist. Denen es bei der Auswahl ihrer Freundinnen und Freunde schlicht piepegal ist, wie sich diese sexuell „definieren“. Die genervt reagieren, wenn sie von ihrer Umwelt mal wieder in diese oder jene Schublade gesteckt werden, nur weil andere Menschen alles mit einem Etikett versehen müssen. Wenn man die Scheuklappen ablegt, wird man erkennen, dass diese Welt, von der Olga Grjasnowa erzählt, tatsächlich unsere Gegenwart ist. Was die in Aserbaidschan geborene und in Berlin lebende Autorin von anderen unterscheidet, ist, dass sie keine Angst vor dieser Gegenwart hat. Kaum eine andere Schriftstellerin hierzulande geht so selbstverständlich mit einer neuen Realität um, die sich manch andere noch mit Begriffen wie „postmigrantisch“ oder „queer“ wortreich erklären müssen – oder lieber gleich in eine Vergangenheit flüchten, in der alles schön geordnet war (scheinbar zumindest). Olga Grjasnowas kantiger Debütroman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ wurde zum Kritikerliebling und Publikumserfolg gleichermaßen. Die Reaktionen auf das Buch machten klar: es besteht noch Hoffnung für ein zeitgemäßes Erzählen in der jungen deutschen Gegenwartsliteratur, das es auch auf die Bestsellerlisten schaffen kann!

Nun ist Roman No. 2 der jungen Autorin erschienen. „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ lautet der Titel und vieles kommt einem aus dem Debüt bekannt vor. Da sind Leyla und Altay, zwei Twentysomethings in Berlin. Beide sind in Aserbaidschan geboren und aufgewachsen, über den Umweg Moskau sind sie in Deutschland gelandet. Er arbeitet als Arzt in einer psychiatrischen Klinik, sie hat eine Tanzausbildung absolviert und war im Ensemble des legendären Bolschoi Theater. Die Ehe, die die beiden auf dem Papier führen, dient dazu, ihre jeweiligen Familien ruhigzustellen. Denn Leyla fühlt sich zu Frauen hingezogen und Altay ist schwul – seine große Liebe Sergej beging in Moskau Selbstmord, als die Eltern hinter seine Homesexualität kamen. In Berlin erhoffen sie sich ein freies Leben ohne Restriktionen, bis hierher sollen die Schatten der Vergangenheit nicht reichen. Leyla ergattert trotz der langen Pause, zu der sie nach einem Unfall am Bolschoi gezwungen war, einen Platz in einem angesehenen Tanzensemble, Altay findet in der Clubszene Berlins seine neue Heimat.

In den sich langsam einstellenden Alltag platzt Jonoun, vor kurzem aus den USA zugezogen und mit Ende zwanzig bereits geschieden. Die hedonistische, chronisch verunsicherte Jonoun ist das Gegenteil der disziplinierten Ballerina Leyla, dennoch verlieben sich die beiden ineinander, was Altay mit großem Mistrauen beobachtet. Als die Schatten der Vergangenheit Leyla in Gestalt ihrer ersten Liebe einholen, fährt sie kurzentschlossen nach Baku – und landet dort nach einer abenteuerlichen Nacht im Knast. Altay will sie rausholen und endlich Klarheit in die turbulenten Emotionen des Dreiergespanns bringen. Er reist mit Jonoun ebenfalls nach Aserbaidschan, in das verhasste Land seiner Kindheit. Nach Leylas Freilassung begeben sich Leyla und Jonoun auf eine Reise, die sie nach Armenien und Georgien führt, und suchen eine Zukunft für ihre unsichere Liebe – während Altay sich verknallt und nähere Bekanntschaft mit der homophoben Gesellschaftsordnung Aserbaidschans schließt.

Olga Grjasnowa erspart den drei Hauptfiguren in ihrem neuen Roman wenig. Vielleicht ist der Mix aus psychischen Problemen, sexuellen Eskapaden und gelegentlichem Drogenkonsum etwas überzeichnet, dass das Leben Gjrasnowa_978-3-446-24598-3_MR2.inddvon drei Mittzwanzigern, die nicht aus dem Schoß einer gutsituierten Familie in ein geregeltes Leben geplumpst sind, nicht ohne Beschädigungen abläuft, dürfte aber klar sein. Jedenfalls bedient Grjasnowa keinerlei Voyeurismus, auch nicht in den großzügig eingestreuten Sexszenen. Wem der im zweiten Teil des Romans geschilderte Alltag in Aserbaidschan mit seiner Korruption, seiner autoritären sozialen Ordnung und der immensen Schere zwischen arm und reich klischeehaft vorkommt, den hat Olga Grjasnowa erst kürzlich im Interview eines besseren belehrt. Die in Baku geborene Autorin konnte sich letztes Jahr bei einem längeren Aufenthalt davon überzeugen: die Verhältnisse sind wirklich so, believe it or not! Schockierend sind nicht nur die brutalen Auswüchse, sondern wie ein wohlhabender, westlich-liberaler Lebensstil in Aserbaidschan parallel zu extremer Armut und Repression existieren kann. Der Text schildert das zerrissene Land in den düstersten Farben – die Lust, dorthin zu reisen, hält sich nach der Lektüre garantiert in Grenzen. Olga Grjasnowa bringt den liberalen Westen, der zumindest in privaten Dingen ein selbstbestimmtes Leben erlaubt, gegen die schon fast barbarischen Zustände im turbokapitalistischen Kaukasus in Stellung. Berlin wird bei ihr zum Rettungsboot für diejenigen, die von einem besseren Leben träumen. Die unübersehbaren Risse im Selbstbild Westeuropas, das sich gerne durch Toleranz und Menschenrechte definiert, verschweigt sie dennoch nicht.

Als Erzählerin ist Olga Grjasnowa noch souveräner geworden. Die Geschichte schnurrt nur so dahin, die Beschreibungen, die Charaktere, alles sitzt perfekt. Das verströmt stellenweise altmeisterliche Behäbigkeit, wäre da nicht dieser trockene Ton, mit dem Grjasnowa Anflüge von Gefühlsduselei wieder verscheucht. Angenehm auch, dass nicht jeder angerissene Aspekt auserzählt wird, der Roman behält das eine oder andere Geheimnis für sich (unter anderem auch, in welchem Zusammenhang der Romantitel mit der Geschichte stehen soll…). Im Angesicht einer Erzählstrategie, die nicht jeden Faden durchzieht und lose Enden zulässt, überrascht das konventionelle Ende dann doch etwas. Vielleicht soll es aber nur die Freiheit, die Olga Grjasnowa ihren Figuren zugestehen möchte, unterstreichen. Die Freiheit, auch mit etwas unerwartet Spießigem sein Glück zu versuchen. Es bedeutet ja nicht, dass dadurch die Dinge einfacher werden.

Olga Grjasnowa. Die juristische Unschärfe einer Ehe. 272 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Hanser Verlag 2014. 19,90 Euro.

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