Die Spielverderberin

Wenn heute in Frankfurt der Deutsche Buchpreis verliehen wird, dann wird Marlene Streeruwitz wie ein Geist bei der Zeremonie im Frankfurter Römer dabei sein. Wer ihren Roman „Nachkommen.“ kennt – und viele aus dem Literaturbetrieb haben ihn gelesen – wird dieses Event kaum mehr neutral betrachten können.

Kurz zusammengefasst der Inhalt des Romans: die Autorin Nelia Fehn, zwanzig Jahre alt, uneheliche Tochter einer berühmten, bereits verstorbenen österreichischen Schriftstellerin, reist, weil sie mit ihrem Debüt auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht, nach Frankfurt. Am Morgen dieses Tages nahm sie noch an der Beerdigung ihres Großvaters teil, der nach dem Tod der Mutter für sie sorgte. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt. In Frankfurt erwartet sie neben der Preisverleihung der ganz normale Wahnsinn des Literaturbetriebs: Abendessen mit Mäzenen, Fernsehinterviews, Branchenparties. Die Dinge spitzen sich zu, als ihr Vater – aufgrund der Shortlist-Platzierung sich plötzlich seiner Tochter erinnernd – Anstrengungen unternimmt, sie zu treffen. Nelia versucht an diesen Buchmessetagen, zwischen den Avancen ihres Vaters, den Erwartungen von Verleger und Öffentlichkeit sowie der Sorge um ihren schwer verletzten griechischen Freund sich selbst und ihren Anspruch an Literatur nicht zu verlieren.

„Nachkommen.“ ist – und wurde dafür von etlichen gefeiert – ein großartige Analyse des Showbetriebs, der jedes Jahr zur Frankfurter Buchmesse angeworfen wird. Der Deutsche Buchpreis wurde gegründet in der Absicht, den besten deutschsprachigen Roman des Jahres zu küren. Dahinter steht der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, also der Interessenverband der Branche. Eine Jury gibt es trotzdem, die wahre Absicht dahinter legt Marlene Streeruwitz aber einem Preisredner bei der Bekanntgabe in den Mund: man wolle einen „Hauch Hollywood nach Frankfurt“ bringen. Eine Longlist und die darauffolgende Shortlist sollen „knisternde Spannung“ erzeugen. Medien und Buchhandel springen gerne auf diese Eventisierung von Literatur auf. Das Nachsehen haben nicht nur die Autorinnen und Autoren, die es erst gar nicht auf die Longlist geschafft haben (ihre Romane gehen im Rummel fast völlig unter), sondern fast alle, die die Auszeichnung nicht bekommen werden. Auch Nelia Fehn geht leer aus und obwohl der Preis für sie keine hohe ideelle Bedeutung hat, hätte er einen praktischen Nutzen erfüllt: sie hätte vom Preisgeld die teure Operation für ihren griechischen Geliebten Marios bezahlen können. Das Gefühl, auch als Autorin versagt zu haben, ergreift trotzdem von ihr Besitz:

War sie jetzt gerade so eine Kandidatin. Eine aus „Bauer sucht Frau“. Eine, die nicht ausgesucht worden war. Eine, die nun ohne den Bauern fürs Leben nach Hause gehen musste. Ohne den Millionär, der dann ohnehin keiner gewesen war. Eine, die nun kein Model werden durfte. Jedenfalls nach dem Urteil von Heidi. Das war doch der Augenblick, um den es ging. (…) Die Bestrafung, nun wieder normal sein zu müssen. Nach der Prominenz und der Aufmerksamkeit sich wieder einordnen zu müssen. Nicht auserwählt. Sie war nicht auserwählt.

Marlene Streeruwitz gehörte selbst schon zu diesen „nicht Auserwählten“. Sie stand 2011 mit ihrem Roman „Die Schmerzmacherin.“ auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Ihre Erfahrungen darüber hat sie in „Nachkommen.“ verarbeitet und schon am Vergleich des Buchpreisprozederes mit diversen Castingshows ist zu spüren, dass sie als äußerst kritische Beobachterin wieder nach Hause gefahren ist. „Nachkommen.“ ist aber keine überzeichnete Satire oder sarkastische Streitschrift, Dreh- und Angelpunkt ist Nelia Fehn als Person. Wir sind also zunächst einer jungen Frau und ihrer Wahrnehmungswelt ganz nahe, lernen ihre Bedürfnisse, ihre Lebensverhältnisse, ihre Sehnsüchte und ihre Fehler kennen. Gleichzeitig erleben wir, wie Nelia mit ihrer Außenwelt konfrontiert wird, hier besonders mit dem in Frankfurt in voller Mannschaftsstärke auflaufendem Literaturbetrieb. Streeruwitz malt hier keineswegs schwarz-weiß, die Bandbreite reicht von verständnisvollen Kritikerinnen über Lokaljournalisten, die sich ein letztes Fünkchen intellektuelle Weltsicht bewahrt haben, bis zu zynischen Großschriftstellerinnen und aufbrausenden Literatur-Alphamännchen, die einer jungen, unbequemen Autorin am liebsten alle Chancen verbauen würden. In Nelias Verleger zeigen sich die Widersprüche am deutlichsten: einerseits der schönen Literatur verbunden, andererseits dem Markt und zwei großen Geldgebern gerecht werden wollend, ist er eine unstete, zerrissene Persönlichkeit. Geschäft und Kunst, Stückzahl und Anspruch – die Schizophrenie macht die Figuren des Betriebs selbst zu Schizophrenen, der Betrieb wird zum Spektaktel und trotzdem machen alle mit:

Und die Leute an der Bar nach dem Preis. Die wollten nur die Vorführung. Die wollten Kunsttheater und keine Kunst.

Keine Schwarz-weiß-Malerei also, dennoch teilt die Streeruwitz mächtig aus, sie hat es auch außerhalb ihres Romans zur diesjährigen Preisvergabe wieder getan. Bei aller Kontroverse um den Buchpreis, die der Roman transportiert, sollten die anderen Dimensnachkommenionen des Textes aber nicht übersehen werden. Streeruwitz spricht von ungleichen Lebensverhältnissen in Europa, verlinkt über Nelias Erfahrungen in Griechenland und ihre Bekanntschaft und Liebe zu Marios, der dort gegen die europäische Sparpolitik auf die Straße geht. Sie spricht auch darüber, was es bedeutet, in einer Patchworkfamilie aufzuwachsen, deren einzelne Mitglieder auf unterschiedlichen Planeten zu leben scheinen: die kosmopolitische, bereits verstorbene Mutter, die konservative Großmutter, die im Ausland lebenden Halbgeschwister, mit denen Nelia am engsten verbandelt ist. In dieses komplizierte Geflecht dringt der karrieristische Vater ein, getrieben von schlechtem Gewissen, Geltungssucht und der Ratlosigkeit einer ausgedehnten Midlife Crisis. Nelia widersetzt sich seinen Avancen, „alles wieder gut“ werden zu lassen. Ihr eigener Weg muss anders aussehen. Einfach wird er nicht werden, denn kaum mit finanziellen Rücklagen ausgestattet, steht der jungen Schriftstellerin eine unklare Zukunft bevor. Vielleicht studieren, aber von was? Führt der Weg unvermeidlich ins Call Center? Oder kann die Literatur, das Schreiben eine Option sein, selbst wenn man die Spielregeln des Betriebs ablehnt?

„Vielleicht ist es eine Suche nach dem Lebendigen. Literatur. Das ist doch so eine antistatistische Maßnahme. Eine antidatensammlerische Maßnahme. Da verbinden sich Daten zu einer konkreten Geschichte und nicht zu einer Tabelle. Literatur kann der Person gerecht werden.“

Diese Sätze, die Marlene Streeruwitz ihre Heldin Nelia in einem Interview sagen lässt, könnten auch programmatisch am Ende von „Nachkommen.“ stehen. Dieser Roman will all denen gerecht werden, die mit großen Idealen erste Schritte wagen hinein in das Leben einer Schriftstellerin oder eines Schriftstellers. Er versucht, ihnen eine Stimme zu geben, ihre Jugend gegen den abgehärmten Status quo, der seine Pfründe bewahren will, zu verteidigen. Er thematisiert vollkommen auf der Höhe der Zeit den Versuch, einen Lebensunterhalt mit Kunst zu verdienen und lässt dabei die Ungerechtigkeit in einem Europa nach der Krise nicht aus den Augen. Diese Qualitäten dürften es auch gewesen sein, die dazu führten, dass „Nachkommen.“ trotz seiner scharfen Kritik am Deutschen Buchpreis dieses Jahr für die Longlist nominiert wurde. Ein Roman, der sich einfach nicht ignorieren lässt. Oder dachten Jury und Börsenverein, sie könnten die Spielverderberin Streeruwitz mundtot machen, indem sie das Buch vereinnahmen, es in ihr System mit einbeziehen? Marlene Streeruwitz geht mit all diesen Dingen mit einem spielerische Humor um und veröffentlicht im Fischer Verlag das Buch „Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland“. Als Autorin angegeben: Nelia Fehn.

Marlene Streeruwitz. Nachkommen.. 432 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. S. Fischer Verlag 2014. 19,99 Euro

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3 Gedanken zu „Die Spielverderberin

  1. Lieber Tobias,
    und ich bin schon ein wenig enttäuscht, dass „Nachkommen.“ es nicht auch auf die Shortlist geschafft hat, aber vielleicht ist der Jury die Kritik am Literaturbetrieb dann doch zu weit gegangen. Aber Streeruwitz hat, neben vielen Themen, die Du ja auch beschrieben hast, aus meiner Sicht einen tollen, ganz aktuellen (gesellschafts-)politischen Roman geschrieben: Während die einen sich in Frankfurt unter den Türmen der Banken auf manchmal fragwürdige, manchmal verlogene, manchmal viel zu wichtig nehmende Art und Weise selber feiern – und der Bericht über einen Juristenkongress, eine Chirurgentagung oder einen Mediatorenworkshop wäre kein bisschen anders verlaufen – verarmen in einem anderen Teil Europas Unter- und Mittelschicht ohne sich auch nur im Ansatz dagegenstemmen zu können. Solch eine wirtschaftskritische Stimme, die auch Matthias Nawrat mit seinem „Unternehmer“ erhoben hat, fehlt auf der Shortlist völlig. Und es sind auch und vor allen Dingen die Nachkommen, die diese Suppe werden auslöffeln müssen, weil sie nämlich, und dafür stehen Nelia und Marios, um all ihre Chancen gebracht werden. Schade, dass es dieses wichtige Buch nicht weiter gebracht hat – aber lesen können wir es ja trotzdem. Und so steht die „Anarchistin“ schon im Regal.
    Viele Grüße, Claudia

  2. Liebe Claudia,
    vielen lieben Dank, dass Du hier so ausführlich schreibst und noch einmal das Politische dieses Romans betonst. Du hast vollkommen recht, die Chancenlosigkeit für die im Titel erwähnten „Nachkommen“ hätte auch in anderen Branchen beschrieben werden können. Ich sehe das Buch daher auch als äußerst politisch. Habe kurz überlegt, ob ich das in meiner Rezension genügend herausgestellt habe, aber vielleicht finde ich gerade in diesem Zusammenhang die Kritik am Literaturbetrieb so wichtig. Warum gewinnen denn all die Tellkamps, Ruges und Seilers den Buchpreis? Weil sie über die Vergangenheit schreiben. Die Gegenwart mit ihrer Ungerechtigkeit, der immer weiter klaffenden Schere zwischen Arm und Reich, mit einem rechspopulistischem Zeitgeist, die spielt beim dbp keine Rolle. Das Publikum aber will durchaus Literatur, die über die Gegenwart (oder die Zukunft) spricht, deshalb lesen gerade so viele „Der Circle“ von Eggers. Der Buchpreis ist ja auch nur ein Preis und wenn man sich die Gewinnerinnen und Gewinner der Vergangenheit ansieht, dann haben die wenigsten auf Dauer relevante Literatur geschrieben. Also, einfach den dbp nicht so wichtig nehmen. Lieber Bücher wie „Nachkommen.“ oder z. B. auch „Am Ufer“ von Rafael Chirbes weiterempfehlen oder verschenken, das sind für mich die zwei wichtigen Romane bisher in diesem Jahr, ganz nah dran am Hier und Jetzt.
    Liebe Grüße, Tobias

    1. Lieber Tobias,
      da hast Du völlig recht – und so weit habe ich noch gar nicht gedacht -, dass sich der dbp tatsächlich eher der Vergangenheit zuwendet, sozusagen immer auf sicherem Boden bleibt und sich wohl offensichtlich nicht so gerne in politisches Fahrwasser begibt und Stellung bezieht, sich „engagiert“, würde Nelia sagen. Das ist vielleicht symptomatisch für eine Gesellschaft(snische), die nicht so sehr von den eklatanten politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen betroffen ist. Das empfinde ich so auch, wenn ich die Besprechungen in den Zeitungen zu „Nachkommen.“ lese, die immer mehr auf den Literaturbetrieb und weniger auf die Verhältnisse in Griechenland, die zugegeben eher am Rande erwähnt werden, abheben. Deshalb achte ich wohl ganz besonderd auf diese wirtschaftspolitische Lesart. Und ja: Lass uns weiter die Streeruwitz´und Chirbes besprechen und für ihre Lektüre werben!
      Viele Grüße, Claudia

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