Zwei Orte für Mori Ôgai

Wie kaum ein anderer Autor hat Mori Ôgai der modernen japanischen Literatur den Weg geebnet. Zu seinen Ehren gibt es zwei Literaturorte – einen in Berlin, einen in Tokyo.

Wer mit der Berliner S-Bahn zwischen den Haltestellen Friedrichstraße und Hauptbahnhof fährt und nach Norden blickt, kann sie für einen Moment sehen, eine klassizistische Hausfassade mit einer großformatigen Kalligrafie darauf. Wer hier, in der Luisenstraße 39, klingelt, betritt ein sorgsam restauriertes Treppenhaus und wird von einer Banderole mit japanischen Schriftzeichen in den ersten Stock geleitet. Hinter einer unscheinbaren Wohnungstür findet sich die Gedenkstätte für den japanischen Schriftsteller Mori Ôgai (1862 – 1922). Es ist ein Ort, den vor allem japanische TouristInnen aufsuchen. Entsprechend groß ist die Freude, wenn einmal deutsche Besuchende in der Tür stehen: das komme viel zu selten vor, sagt die nette Dame vom Büro der Gedenkstätte. Kein Wunder, ist Mori Rintarō, der sich selbst den Schriftstellernamen Ôgai („Möwenfern“)* gab, hierzulande nur Eingeweihten bekannt. In Japan hingegen gilt er als wichtigster Begründer der japanischen Literatur der Moderne.

Fassadengestaltung und Gedenktafel in der Luisenstraße 39
Fassadengestaltung und Gedenktafel in der Luisenstraße 39

Wie kommt es, dass für diesen Schriftsteller mitten in Berlin ein Erinnerungsort existiert? Das hat mit der besonderen Beziehung Mori Ôgais zu Deutschland zu tun. Er übersetzte nicht nur Goethe, Heine, Schiller, E. T. A. Hoffmann und viele andere erstmals ins Japanische, er lebte selbst zwischen 1884 und 1888 in Deutschland. Japan hatte sich 1854 nach fast 200-jähriger Isolation wieder nach außen geöffnet. In den folgenden Jahrzehnten versuchte das Land, Anschluss an die wissenschaftlichen und kulturellen Entwicklungen im Rest der Welt zu erhalten und sandte Wissenschaftler und Gelehrte nach Europa und in die USA. Der junge Militärarzt Mori Rintarō war einer von ihnen. Er hatte bereits zu Hause deutsch gelernt und trat ein Auslandsstudium in Deutschland an, studierte Hygiene und Heeressanitätswesen in Leipzig, Dresden, München und Berlin, u. a. bei Robert Koch.

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Publikationen von und zu Mori Ôgai sowie aus der „Kleinen Reihe“ des japanologischen Instituts im Eingangsbereich.

Sein Deutschlandaufenthalt machte Mori Ôgai zum Schriftsteller, zurück in Japan veröffentlichte er drei Novellen, darunter mit „Maihime“ (deutsch „Die Tänzerin“ oder „Das Ballettmädchen“) sein vielleicht bekanntestes Werk, das die Liebesbeziehung zwischen einem japanischen Auslandsstudenten und einem Mädchen aus Berlin schildert. Angeblich war sein Kommilitone Tsutomu Takeshima Vorbild für die Hauptfigur. Die Erfahrungen als Student in Deutschland schilderte Mori in seinem „Deutschlandtagebuch“. Mit seinem literarischen Schaffen gilt Mori Ôgai als wichtiger Erneuerer der japanischen Literatur, sein Roman „Die Wildgans“ zeigt den Übergang vom traditionellen japanischen Erzählen mit seinen poetischen Beschreibungen hin zu einem vom europäischen Klassizismus beeinflussten Schreiben. Mit seinem Erinnerungsbuch „Vita sexualis“ schließlich verstieß Mori Ôgai gegen überkommene moralische Vorstellungen und entfachte eine Diskussion über sexuelle Tabus. Kurzum: Mori Ôgai wies der japanischen Literatur den Weg ins 20. Jahrhundert.

Schautafeln und Fotografien....
Schautafeln und Fotografien….
... erzählen den Lebensweg Mori Ôgais.
… erzählen den Lebensweg Mori Ôgais.

Diese herausragende Bedeutung des Schriftstellers sorgt für die große Anzahl japanischer BesucherInnen in der Luisenstraße 39 in Berlin. Mori Ôgai ist in Japan Schullektüre und gilt als großer Gelehrter. Dass es in Berlin eine Gedenkstätte zu seinen Ehren gibt, ist dem Übersetzer und Japanologen Prof. Dr. Jürgen Berndt zu verdanken. Noch in der DDR gelingt es ihm, zum 100. Jahrestag des Besuchs Mori Ôgais in Berlin ein Gedenkzimmer einzurichten. Mori Ôgai selbst hatte kurz in der Wohnung, die seit den 1970er Jahren von der Humboldt-Universität genutzt wurde, gewohnt.

Blick in das rekonstruierte Zimmer des Dichters.
Blick in das rekonstruierte Zimmer des Dichters.
Wetvolle historische Ausgaben und Gegenstände hinter Vitrinentüren.
Wetvolle historische Ausgaben und Gegenstände hinter Vitrinentüren.

Im Lauf der Jahre wurden mehrere Räume zu einer Art kleinem Museum umgestaltet, eine japanologische Bibliothek wurde eingerichtet. Neben dem Publikumsverkehr finden Seminare und Kurse der Humboldt-Universität in den Räumen statt, Ausstellungen und öffentliche Vorträge sollen den deutsch-japanischen Kulturaustausch fördern. Auf Schautafeln und Fotografien lässt sich ein Einblick in die Biografie Mori Ôgais gewinnen, die Rekonstruktion einer Zimmereinrichtung vermittelt einen Eindruck über die Wohnbedingungen des jungen Dichters. Selbst wenn manche Exponate schon etwas angestaubt wirken, ist der Besuch für Fans Mori Ôgais oder der japanischen Literatur eine wunderbare Gelegenheit, in das Leben eines der großen Schriftsteller japanischer Sprache einzutauchen.

Wer einen Besuch plant oder sich weiter informieren möchte, sollte die Homepage der Mori Ôgai Gedenkstätte besuchen.

Ein im japanischen Stil eingerichteter Besucherraum rundet das Bild ab.
Ein im japanischen Stil eingerichteter Besucherraum rundet das Bild ab.

Natürlich gibt es auch in Japan einige Orte, die an den bedeutenden Schriftsteller Mori Ôgai erinnern. Einer dieser Orte ist noch recht neu und findet sich im Bezirk Bunkyo in Tokyo. Bisher ist das 2012 eröffnete „Mori Ôgai Memorial Museum“ in wenigen Reiseführern verzeichnet, wir entdeckten es unverhofft im Stadtteil Sendagi* bei einem Spaziergang in Richtung des Yanaka-Viertels.

Naturstein, Glas und Metall prägen die Fassade des Mori Ôgai Memorial Museum Tokyo.
Naturstein, Glas und Metall prägen die Fassade des Mori Ôgai Memorial Museum Tokyo.

Der Kontrast zur Gedenkstätte in Berlin könnte nicht größer sein: in moderner minimalistischer Architektur präsentiert sich das Gebäude, die Besucherinnen und Besucher empfängt ein großzügiger Empfangsbereich. Die Ausstellungshalle ist ganz und gar dem Leben und Wirken Mori Ôgais gewidmet, doch soweit konnten wir nicht vordringen, da das Gebäude nur noch 10 Minuten geöffnet war. Außerdem ist die Ausstellung komplett in japanisch gehalten, ohne Übersetzungen in andere Sprachen. Die äußerst freundliche Dame an der Eintrittskasse verwickelte uns dennoch in ein kurzes Gespräch und zeigte sich – ähnlich wie in Berlin – entzückt, dass Menschen aus Deutschland Mori Ôgai kennen und schätzen, wobei die Beantwortung der Frage nach den von uns gelesenen Werken im englisch-deutsch-japanischen Sprachwirrwarr unbeantwortet bleiben musste. Traurig über die verpasste Chance, das Museum von innen kennenzulernen, mussten wir uns mit einem kurzen Aufenthalt im Garten und einigen fotografischen Eindrücken von außen begnügen. Hier noch für Interessierte die Homepage des Museums: http://moriogai-kinenkan.jp

Markante Fassadendetails.
Markante Fassadendetails.
Ansicht von der Gartenseite.
Ansicht von der Gartenseite.
Das Eingangstor setzt farbige Akzente.
Das Eingangstor setzt farbige Akzente.

* Ergänzung 14. November 2014

Inzwischen habe ich zwei Korrekturen an diesem Artikel vorgenommen, die auf die Korrespondenz mit der Japanologin Beate Wonde zurückgehen, ihres Zeichens stellvertretende Leiterin und Referentin für Kultur- und Öffentlichkeitsarbeit der Mori Ôgai-Gedenkstätte in Berlin. Ich danke Frau Wonde sehr für den ausführlichen und herzlichen Mailkontakt!

Zum einen wies mich Beate Wonde darauf hin, dass der Schriftstellername Ôgai nicht mit „Wolkenfern“, sondern am ehesten mit „Möwenfern“ übersetzt werden kann. Sie schreibt:

… obwohl ich diese Variante für nicht besonders aussagefähig halte. Ô – ist tatsächlich Möwe und gai – steht für außerhalb von etwas sein, an anderem Ort, jemand anders. Wie es zu diesem meistgebrauchten seiner 100 Pseudonyme kam, darüber gibt es viele Hypothesen. Wenn man sich vorstellt, dass Ôgai sich durch sein Schreiben aus den Zwängen seiner Zeit, der Armee und seiner eigenen Begrenzungen erhoben in freiere Gefilde hat wie eine Möwe, in geistige Höhen entflog, dann kann man mit diesem Bild vielleicht mehr anfangen. Im Sinne von „Fern, außerhalb bei den Möwen“ oder „Weitab wie eine Möwe“.

Außerdem hat mich Frau Wonde auf den korrekten Standort des Mori Ôgai Memorial Museums in Tokyo hingewiesen:

Schade, das Sie die Mori Ôgai-Gedenkstätte des Bezirkes Bunkyo-ku nicht in Ruhe anschauen konnten. Die Kollegen dort machen tolle Sonderausstellungen mit wunderbaren Katalogen. Dazu, wie es zu der Neugründung kam und wie Literaturmuseen dort anders strukturiert sind, könnte ich Ihnen stundenlang erzählen. Die offizielle Bezeichnung ist übrigens Bunkyô-kuritsu Mori Ôgai kinenkan, also MOG des Bezirkes Bunkyo-ku – Stadtteil Yanaka liegt m.E. daneben. Wenn Sie stattdessen Sendagi angeben, findet man es leichter. Das kennt jeder. Dangozaka (Klößchenhügel) ist auch eher ein Begriff.

Auch diesen Hinweis habe ich gerne in den Artikel aufgenommen.

Im Weiteren ging Frau Wonde auf die Ausstattung der Mori Ôgai-Gedenkstätte in Berlin ein, die ich als etwas „angestaubt“ bezeichnet habe. Die Japanologin wünscht sich seit langem eine Renovierung, denn die auf den Fotos zu sehenden Texttafeln wurden von Beate Wonde selbst 1989 – wie sie schreibt – „auf den Computern des DDR-Fernsehens nachts heimlich geschrieben“. Dass es zum Jubiläum des dreißigjährigen Bestehens 2014 noch nicht mit der Renovierung geklappt hat, bedauert sie sehr, eine Forschungsgruppe zur Erneuerung der Ausstellung trifft sich aber bereits seit einiger Zeit.

Die mit vielen weiterführenden Links gespickte Homepage von Beate Wonde sei an dieser Stelle wärmstens empfohlen.

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