Weisheit und Kauzigkeit

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Seit Hunderten von Jahren steht die Eule dem Menschen von allen Vogelarten am nächsten. Der britische Zoologe Desmond Morris geht dieser von Faszination und Widersprüchen begleiteten Beziehung in einem neuen Band der NATURKUNDEN auf den Grund.

Sie ist wieder in Mode, die Eule. Während sie in den 1970er Jahren auf zahlreichen Kissenbezügen und Postern, Autoaufklebern und Federmäppchen zu finden war, wurde es zwischenzeitlich etwas ruhig um sie. Doch mit der Crafts-Kultur der Neo-Hippies und einer Renaissance der Handarbeiten kam auch die Eule zurück in die Zeichenwelt der Jetztzeit. Seitdem blickt sie wieder weise von selbst bedruckten Stoffbeuteln, ziert als Muster handbestickte Mützen und verleiht Rockbands ihren Namen. Der Mensch scheint eine besondere Beziehung zu dieser Vogelart zu haben. Woher das kommt, versucht Desmond Morris in seinem in der Reihe NATURKUNDEN erschienenen Büchlein zu erforschen.

Der englische Zoologe Desmond Morris, Jahrgang 1928, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Eule und ihrem wechselvollen Werdegang in der Kulturgeschichte. Wie er gleich zu Beginn des Buches feststellt, kann jedes Kind eine Eule zeichnen, obwohl kaum ein Mensch sagen kann, dass er diesen Vogel in freier Wildbahn zu Gesicht bekommen hat. Eulen sind nachtaktiv, daher für Laien schwer zu beobachten, ihre Lebensweise ein Rätsel. Zusammen mit der Gestalt der Eule hat dies seit Jahrtausenden die Fantasie der Menschen befeuert. Anders als andere Vogelarten besitzt die Eule zwei nach vorne gerichtete, weit auseinander stehende Augen und einen runden, aufrecht sitzenden Kopf, was ihre Erscheinung menschenähnlich macht – oder zumindest menschenähnlicher als das Äußere anderer Vögel erscheinen lässt. Das brachte ihr Zuschreibungen ein, ihr Wesen wäre von großer Weisheit (wie der Mensch eben gerne sich selbst sieht…), passte aber schlecht mit ihrer Lebensweise im Verborgenen zusammen, um sie rundum in einem positiven Licht zu zeigen. Über die Jahrhunderte wurden der Eule daher Zauberkräfte und übersinnliche Fähigkeiten angedichtet, sie wurde wegen ihres unheimlichen Rufes zum Todesboten und wegen ihres geräuschlosen Fluges zum hinterlistigen Jäger stilisiert. Eulen galten als verzauberte Hexen, den Bestandteilen ihres Körpers wurden Heil- und Zauberwirkungen zugeschrieben, weswegen sie fanatisch gejagt und für Rituale und Arzneimischungen getötet wurden. Die Eule hatte keinen einfachen Stand, oder wie es Desmond Morris ausdrückt:

Glücklich sind die Tiere, möchte man sagen, denen keine Heilkräfte nachgesagt werden.

Die große Symbolkraft der Eule hielt bis in die Moderne an. Sie erscheint in Emblemen und Firmenlogos, spielt in Märchen und Kinderfilmen eine Rolle, taucht bei Winnie, The Pooh oder Harry Potter auf und inspirierte auch die Kunst bis in das 20. Jahrhundert hinein. Von Pablo Picasso etwa ist überliefert, dass er eine verletzte Eule gesundpflegte und sie als Haustier in seiner Küche hielt. Allerdings zeigte das Tier einige seltsame Verhaltensweisen, aß nur in der Abwesenheit des Malers und bedachte diesen bevorzugt mit Grummel- und Ächzlauten. Kauziges Gehabe, sozusagen. In Desmond Morris‘ kulturgeschichtlicher Genealogie der Eulenfamilie sind solche Anekdoten rar gesät, schade ist auch, dass sich nur ein Kapitel des Buches tatsächlich mit dem Wesen der Eule, ihrem Lebensraum und ihrem Verhalten beschäftigt. In den neun Kapiteln davor gibt es nur einen Satz zum wirklichen Eulenleben, der sie nicht gerade im besten Bild erscheinen lässt und zum Glück später revidiert wird:

Der Schlange gleich, schlägt die Eule zu, frisst sich satt und ruht sich aus.

Insgesamt schreibt Morris versiert und wissensreich, er arbeitet sich chronologisch durch die einzelnen Kategorien. In Zeiten einer modernen Essayistik wirkt das sehr gelehrig, aber leider etwas angestaubt, zumal im Vergleich zu Cord Riechelmanns elegant-lebendigem „Krähen“-Portrait in der Reihe NATURKUNDEN. Der Grund könnte darin liegen, dass Morris seinen Text nicht extra für die Buchreihe anfertigte. Anders als Riechelmann wurde er „eingekauft“, das Original erschien bereits 2009 auf englisch, die als Anhang fungierenden, für die Buchreihe typischen Portraits der wichtigsten Eulenarten steuerte Nina Sottrell bei. Der etwas altbackene Stil des Autors und die literarische Schlichtheit stehen in einer gewissen Diskrepanz zur vorzüglichen Gestaltung des Bandes mit vielen wunderbaren Illustrationen sowie den bereits bekannten Details wie Fadenheftung, farbigem Kopfschnitt und Prägung auf dem Buchdeckel. Am Ende der Lektüre ist das Auge beglückt, das Wissen über die Eule größer als zuvor – nur der sich an einem literarischen Stil erfreuende Geist wäre gerne noch mehr auf seine Kosten gekommen.

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Eulen. Ein Portrait von Desmond Morris. Aus dem Englischen von Meike Herrmann und Nina Sottrell. 168 Seiten, gebunden, Fadenheftung, geprägter Einband. Zahlreiche Abbildungen. Naturkunden bei Matthes & Seitz Berlin 2014. 18,- Euro.

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3 Gedanken zu „Weisheit und Kauzigkeit

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