Mit Klangschleifen gegen den Konformismus

In seinem Roman „Die Einzigen“ thematisiert Norbert Niemann den Konflikt zwischen Kunst und Ökonomie in einer Gegenwart, in der alles dem Markt untergeordnet werden soll.

Dies ist ein Roman voller Musik. Im Mittelpunkt stehen Marlene Krahl und Harry Bieler, beide waren in den 1980er Jahren Mitglieder einer New Wave-Band. Unter dem Namen Die Einzigen sorgten Sie mit ihrer intensiven, avantgardistischen Musik für Furore. Aber durch Streitigkeiten über eine kommerziellere Ausrichtung zerbricht das Trio. Besonders Marlene lehnt alle Kompromisse ab. Sie widmet sich in der Folge noch bedingungsloser der Musik und geht nach Venedig, um elektronische Komposition bei Luigi Nono zu studieren. Harry hingegen begibt sich zurück in die väterliche Firma, eine mittelständische Seifenfabrik. Die Zeit mit der Band wird zum Ausrutscher deklariert, ein kurzer Bruch mit den Konventionen. Jahre später, bei der Beerdigung ihres tödlich verunglückten Bandkollegen Sellwerth, sehen sich Marlene und Harry kurz wieder. Sie ahnen nicht, dass die nächsten Jahrzehnte ein ständiger Prozess der gegenseitigen Anziehung und Trennung sein werden.

Marlene verfolgt kompromisslos ihren Weg. Sie experimentiert mit elektronischen Klangerzeugern und vergräbt sich manchmal tagelang ununterbrochen in ihrem Studio. Von einem italienischen Mäzen lässt sie sich Studioraum und Instrumentenpark finanzieren. Marlene ist eigenbrötlerisch und vollkommen auf ihre Kunst konzentriert, sie kann nur ihre Musik lieben, bei Menschen tut sie sich schwer. Harry, der ihr ein Jahr nach dem Begräbnis bei einem Konzert wieder begegnet, ist von ihrer Konsequenz und ihrer Freiheit fasziniert. Er folgt Marlene nach Venedig, holt sie nach Deutschland zurück, richtet ihr ein Studio ein. Aus Faszination wird Liebe. Harry versucht, sich in Marlenes Musikwelt einzufühlen, beginnt, die KomponistInnen der Nachkriegsavantgarde zu hören und zu verstehen. Marlenes Kreativität beflügelt ihn, er entwickelt Ambitionen, das kleine Seifenimperium, das sein Vater aufgebaut hat, zu modernisieren. Mit einem Werbefachmann entwickelt er ein gewagtes neues Profil der Firma, die neue Unternehmensstrategie zeitigt ungeahnten kommerziellen Erfolg. Und Marlene gelingt nach jahrelanger Arbeit endlich der kreative Durchbruch mit einer Komposition, die voll und ganz ihren Vorstellungen entspricht…

Der 1961 in Niederbayern geborene Norbert Niemann galt schon mit früheren Werken wie „Schule der Gewalt“ als politischer Autor mit einer Tendenz zur sozialkritischen Analyse. Mit seinem neuen Roman „Die Einzigen“ hat er sich nun dem Konflikt zwischen Kunst und Ökonomie angenommen. Es ist kein Künstlerroman im klassischen Sinne geworden sein, der Text lebt stattdessen vom Wechselspiel zwischen Harrys Sicht der Ereignisse und Marlenes Handeln. Norbert Niemann war selbst in den 1980er Jahren Mitglied der New Wave-Band Diebe der Nacht, einen Teil seiner eigenen Biografie dürfte er in diesem Roman verarbeitet haben. „Die Einzigen“ ist aber kein Poproman, dafür sorgt Marlenes Sujet der avantgardistischen Elektronik oder Neuen Musik, das im Buch großen Raum einnimmt. Neulinge auf diesem Musikgebiet sollten sich nicht abschrecken lassen, der Roman läßt sich auch ohne jegliche musikalischen Vorkenntnisse mit Gewinn lesen. Die Klangexperimente stehen hier als Metapher für kompromisslose Kunst und ihre Bedeutung in der Gesellschaft – ob es da die Brücken gebraucht hätte, die der Autor durch ein Andocken an die Popmusik von Björk, Aphex Twin oder Micachu And The Shapes schlägt, bleibt fraglich.

Kann eine kompromisslose Ästhetik zu kommerziell verwertbarer Kunst führen? Der künstlerische Durchbruch wird sich für Marlene jedenfalls erst später als Karrieresprung bemerkbar machen. Inzwischen im neuen Jahrtausend angekommen, ist sie mit Harry verheiratet, eine schauerliche Eheroutine hat die beiden fest im Griff. Zudem geht es der Seifenfabrik schlecht und Harry muss die desolate Firma an einen Konzern verkaufen. Erst nach der Trennung der beiden wird Marlene überraschend zum Internetstar, Videos von ihren Konzerten erzielen auf Youtube siebenstellige Klickzahlen. Harry verwahrlost währenddessen, kommt nicprodukt-2450ht von Marlene los, folgt ihrem Schaffen aus der Ferne. Als Marlene der zunehmenden Vereinnahmung durch die Massenkultur entgegentritt und sich auf ihre klangforschenden Wurzeln besinnt, rappelt sich Harry wieder auf und wagt einen erneuten Versuch der Annäherung – womit der Roman in der Gegenwart ankommt..

Das ist ganz schön viel Stoff für 300 Seiten Roman und entsprechend zügig gleitet Norbert Niemann durch Zeit und Raum, packt an mancher Stelle die Ereignisse von Monaten und Jahren in wenige Zeilen. In musikalischen Dingen kennt sich der ehemalige Musikwissenschaftsstudent bestens aus. Nono, Ligeti, Reich – die richtigen Namen tauchen im richtigen Zusammenhang auf (vielleicht fehlen noch wichtige Frauen der elektronischen Avantgarde wie Eliane Radigue oder Pauline Oliveros) und wenn der Autor beschreibt, was Harry beim Hören von Karl-Heinz Stockhausens „Telemusik“ empfindet, zeigt sich Niemanns Gabe, die Musikerfahrung in packende Worte zu kleiden. Es sind Passagen, die Lust darauf machen, den ausgelegten musikalischen Fährten zu folgen. (Auf der Homepage des Berlin Verlages hat Niemann übrigens einige für den Roman entscheidende KünstlerInnen, Musikstücke und Instrumente zusammengetragen).

Seine Figur Marlene Krahl stellt der Autor nicht als trockene Klangtüftlerin dar, er verpasst ihr eine Identität als experimentelle Performancekünstlerin, die mit klangerzeugenden Ganzkörperanzügen und dem ohne Berührung zu spielenden Instrument Theremin arbeitet. Das verleiht ihrer Figur einige reizvolle Facetten, bedient aber auch Vorurteile über experimentelle elektronische Musik als verspieltem Mummenschanz.

Der große Zauderer Harry wirkt neben Marlene eher farblos, ein mit wenigen Strichen skizzierter Mann ohne Eigenschaften, der an seiner Durchschnittlichkeit und seiner Mutlosigkeit leidet. Wie er zum Spielball des überambitionierten PR-Fachmanns Joe wird, ist schlüssig, aber diese satirisch eingefärbte Episode bedient sich einiger Klischees. Auch Joe ist ein Kind der 1980er, ein ex-Punk und Zappa-Fan, der jegliche politischen Ambitionen abgelegt hat und sich ganz der neoliberalen Aufbruchsstimmung der 1990er Jahre ergeben hat. Durch ihn wird deutlich, dass „Die Einzigen“ auch ein Roman über die Desillusionierung einer Generation ist: Niemanns Generation, die heutzutage an den Schalthebeln in Politik, Wirtschaft und Kultur sitzt, aber ihre Ideale von früher größtenteils einem Konformismus geopfert hat, der in den „alternativlosen“ Zeiten der „offenen Märkte“ tonangebend geworden ist. Vor diesem Hintergrund feiert Norbert Niemann die Kunst als unabhängige, widerständige, die Zeit überdauernde Kraft, die immer noch da sein wird, wenn Firmennamen und Marketingkonzepte längst wieder in Vergessenheit geraten sein werden. Kunst verbindet uns Menschen miteinander, befeuert unsere Fantasie, hält uns am Leben – der Autor vermag es, diese Erkenntnisse ohne Pathos und große Gesten einzustreuen. „Die Einzigen“ bleibt nicht ohne Schwächen, der Text lässt sich stellenweise zu wenig Zeit und ist insgesamt vielleicht zu didaktisch aufgebaut. Zwischen den vielen vergangenheitsseligen Werken der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur fällt Norbert Niemanns in die Gegenwart und Zukunft strahlender „Roman mit Message“ aber immer noch äußerst positiv auf.

Norbert Niemann. Die Einzigen. Roman. 304 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Berlin Verlag 2014. 19,99 Euro.

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2 Gedanken zu „Mit Klangschleifen gegen den Konformismus

    1. Liebe Brigit,
      nur keine Berührungsängste! Der Roman bietet genügend Anknüpfungspunkte über die Musik hinaus. Da ich aber selbst sehr interessiert an experimenteller Musik bin, hat es micht sehr gefreut, dass ein Autor dieses Genre aufgreift.
      Herzliche Grüße, Tobias

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