Im Reich der chemischen Selbstdomestizierung

Tao Lin ist der Shootingstar einer jungen US-Literaturszene, die sich vor allem im Internet betätigt. Sein Roman „Taipeh“ ist Generationsporträt und Selbstentblößung in einem und gewährt Einblicke in eine Lebenswelt, in der Ängsten und Unzulänglichkeiten mit chemischen Substanzen begegnet wird.

Im Internet surfen, kontinuierlich Tabletten einwerfen, auf Parties gehen, Drogennachschub besorgen, belanglose Gespräche mit Freunden führen: So sieht der Alltag von Paul aus, Mitte 20, wohnhaft in Brooklyn, New York. Paul ist die Hauptfigur in „Taipeh“, dem dritten Roman des 1983 geborenen Schriftstellers Tao Lin. Zwischen Paul und dem Autor gibt es große Parallelen: die Herkunft aus einer taiwanesischen Familie, permanent in sozialen Medien online, prominenter Blogger und verheiratet mit einer ebenfalls internetaffinen Autorin. Tao Lin behauptet, dass der Roman einem Destillat aus Tausenden von Tagebuchseiten entsprungen sei. Entsprechend alltäglich wirkt das, was hier Seite für Seite ausgebreitet wird. Zielloses Tun, kurze Exzesse, Zeitvertreib, Langeweile.

Tao Lin wird aufgrund des hohen Realitätsbezugs seiner Texte zur „New Sincerity“ gerechnet, einer Bewegung von „Literaturrebellen“, die es durch die ironiefreie Abbildung ihres Lebens in der Hand hätten, Gesellschaft und Literatur zu verändern. So jedenfalls beschwor David Foster Wallace schon vor 15 Jahren das Potential dieses neuen, „ehrlichen“ Schreibens. Selbst verortet sich Tao Lin in den Zirkeln der „Alt Lit“, kurz für Alternative Literature. Diese überwiegend im Internet aktive Literaturszene ist in den USA gerade dabei, das Feuilleton und die klassische Literaturkritik zu knacken – jedenfalls beschäftigte „Taipeh“ die Kritikerinnen und Kritiker dort letztes Jahr so stark wie kaum ein anderes Buch. Die Alt Lit pfeift auf Konventionen und sucht lieber nach starken Reizen, was in vielen Fällen Themen wie Drogen oder Sex bedeutet. Sie werden selbstverständlich und beilätaipehufig dargestellt, was den Schilderungen alles explizite nimmt. Ein Spiel mit Tabus, das eine große Aufmerksamkeit sicherstellt, besonders online. Tao Lin bekommt daher immer wieder zu hören, er sei vor allem ein guter „Selfpromoter“ und würde die Literatur nutzen, um seine Blogs und Videos, seine Online-Literaturplattform Muumuu House oder seine Gastbeiträge auf Internetseiten wie Vice bekannter zu machen.

Doch ganz so einfach ist es nicht mit der Kunst des Tao Lin, denn tatsächlich kann dieser Mann außerordentlich originell schreiben. Die Schilderungen aus einem Alltag, in dem die Protagonisten abwechselnd ADHS-Präparate, LSD und Xanax einwerfen, am Laptop „an verschiedenen Dingen“ arbeiten und sich der verstümmelten Kommunikation mit ihren Mitmenschen widmen, sind von geradezu kristalliner Klarheit. Für die kurzen Momente, in denen Paul abdriftet und versucht, sein Dasein zu transzendieren, findet Tao Lin zudem ungewöhnliche Metaphern und Bilder (an denen die Übersetzung ins deutsche allerdings stellenweise scheitert). Und dennoch scheint eine opake Schicht undurchdringlicher Teilnahmslosigkeit über dem Text zu liegen. Kalt wie Bret Easton Ellis, minus Glamour und Gewalt.

Für eine europäische Leserschaft, die mit der Alt Lit-Szene noch wenig in Berührung gekommen ist, mag Tao Lins Roman befremdlich wirken, zumal wir es hier mit einem Autor zu tun haben, der seinen Romanfiguren schmerzlich nahe steht: Die im Buch geschilderten, unter MDMA-Einfluß gedrehten Internetvideos gibt es tatsächlich und Mitschnitte von Lesungen Tao Lins beweisen, dass der Schriftsteller wie Paul im Buch unter Drogeneinfluss vor sein Publikum tritt. Dahinter verbergen sich Depression, Versagensangst und Unsicherheit, Paul und seine Freunde sind ohne Zweifel beschädigte Menschen. Der Roman „Taipeh“ lässt dies immer wieder durchscheinen und weckt damit Empathie, so fremd einem die Adderall-Junkies auch erscheinen mögen. Gegen Ende, nach einer Reise Pauls zu seinen Eltern nach Taiwan, steuert die Erzählung auf die Erkenntnis zu, dass das Leben nicht etwas ist, was man einfach wegschmeißen sollte. Eine winzige Katharsis, die uns Tao Lin zugesteht, die aber im Reich der chemischen Selbstdomestizierung wie eine kleine Bodenwelle im Asphalt wirkt.

Mit seinem Willen, das eigene Leben ungeschönt abzubilden und damit anzuecken, könnte Tao Lin in einer Ahnenreihe mit Charles Bukowski oder Jack Kerouac stehen. Auch die Exzessivität und Kompromisslosigkeit, mit der der junge Autor schreibt, weist in diese Richtung. Doch wo die Beatpoets sich als hedonistische Avantgarde positionierten, schildert „Taipeh“ den trostlosen Status quo einer jungen US-Generation, in der laut Untersuchungen rund 25% Drogen und Medikamente konsumieren, um Anpassung und Leistungsdruck zu bewältigen. „Taipeh“ ist ein Dokument dieses Lebensstils und dennoch bleibt der Autor den Mechanismen der sozialen Netzwerke verhaftet. Der Roman hält wenig parat, was über die detaillierte Darstellung hinausweist. Ganz wie im Internet eben, wo ein entblößendes Video aus der verpeilten vergangenen Nacht mehr Likes generiert wie ein Zeugnis tiefer Selbsterkenntnis.

Tao Lin. Taipeh. Roman. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. 288 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Dumont 2014. 19,99 Euro.

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7 Gedanken zu „Im Reich der chemischen Selbstdomestizierung

  1. Erinnert mich von der Thematik her an das bei Claudia besprochene Buch „Vier neue Nachrichten“. Schön Dein letzter Satz: „Ganz wie im Internet eben, wo ein entblößendes Video aus der verpeilten vergangenen Nacht mehr Likes generiert wie ein Zeugnis tiefer Selbsterkenntnis.“
    Insofern scheint der Roman – wie Du schreibst – tatsächlich auch nur das Dokument einer tristen Realität zu sein und keine Erkenntnisse zu bieten, wie man (der Autor, wir Blogger, wer auch immer) die neue Medienwelt so nutzt, dass Kommunikation nichts verstümmeltes bleiben muss.

    1. Liebe Birgit,
      lustig, ich habe gerade einen Kommentar bei Claudias Joshua Cohen-Beitrag hinterlassen. Da scheint es tatsächlich starke Parallelen zu geben. Ich lese „Taipeh“ auch als Dokument, aber wenn auch andere – wie Cohen – ähnliches schreiben, dann ist das kein Einzelphänomen. In sozialen Medien den ganzen Tag zwanghaft kommunizieren aber die physische Anwesenheit anderer Menschen nur mittels Chemie zu ertragen, ist wirklich bitter.
      Liebe Grüße
      Tobias

  2. Lieber Tobias,
    wenn ich Deinen „Taipeh“-Beitrag lese, sehe ich auch ganz viele Parallelen zu Cohen „Vier Erzählungen“. Das macht die Sache ja schon wieder sehr interessant, denn dann scheint es sich ja tatsächlich um ein gesellschaftliches Phänomen zu handeln. Beide Autorten sind ja ähnlich alt und gehören damit zu den Digital-Natives, bei denen sich wohl jetzt, nach langem Feldversuch, langsam erkennen lässt, welche Wirkungen die Technik auf deren Leben hat. Wenn die Konsequenz ist, dass das analog-reale Leben nur noch mit Drogen zu ertragen ist, dann wäre das wirklich bitter. Bitter auch, wenn die schlüpfrigsten Inhalte des Internets mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen als alle seriös abwägenden inhaltlichen Auseinandersetzungen. Das wäre ja mal wieder ein Rückschlag für jede Form der Aufklärung!
    Jedenfalls hat mir Deine „Taipeh“-Besprechung ein wenig Erklärung für meine verärgerte Cohen-Lektüre gebracht. Das finde ich schon einmal richtig gut. Trotzdem: solche Lektüren brauche ich auch nicht allzu oft…
    Viele Grüße, Claudia

    1. Liebe Claudia,
      ja, Du hast recht, allzu oft möchte ich ein Buch wie “Taipeh” auch nicht lesen. Ich lese gerne “harten Stoff” oder Bücher, die ich mir ein Stück weit erarbeiten muss, aber da ist der literarische Mehrwert etwas höher als hier. Dennoch bin ich froh, es gelesen zu haben, wegen der Einblicke, die es gewährt.
      Ich hatte aber danach schon wunderbare Abwechslung mit Esther Kinskys “Am Fluß”. Perfektes Kontrastprogramm und vielleicht sogar das tollste Buch, das ich dieses Jahr gelesen habe….
      Liebe Grüße, Tobias

      1. Das ist wirklich ein ziemlicher Kontrast, nach den aussichtlosen Drogen an der Themse entlang zu spazieren, die Menschen und die Landschaften zu betrachten und die Gespräche mit dem Zeitungsverkäufer zu führen. Dann bin ich mal gespannt…

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