Offenen Auges ins blendende Licht

Mit „Die Flügel“ liegt der dritte Band von Mircea Cărtărescus Romantrilogie „Orbitor“ endlich auf deutsch vor. Zwischen Realismus und Phantasmagorie erzählt der rumänische Autor vom Sturz des Ceaușescu-Regimes und den Geheimnissen seiner Heimatstadt Bukarest.

Es gibt Romane, die einen unter Strom setzen. Dem Text ausgeliefert, bemerkt man scheinbar nicht, wie die Finger, die das Buch halten, immer wärmer werden, die Seiten in der Übertragung unvorstellbarer, undenkbarer Dinge zu glühen beginnen und Brandblasen auf den Fingerkuppen hinterlassen. Das Gehirn scheint mit der Druckerschwärze eine neuronale Verbindung einzugehen, Worte und Phrasen nisten sich in den Nervensträngen ein, lassen Körper und Text eins werden. Es gibt solche Bücher und sie zu lesen ist ein rauschhaftes, exzessives, das Leben veränderndes Erlebnis. Aber nur wenige vermögen es, so zu schreiben. Einer von ihnen ist Mircea Cărtărescu.

Mircea Cărtărescu wurde 1956 in Bukarest geboren und begann schon in seiner Jugend, Gedichte zu verfassen. In den 1980er Jahren arbeitete er als Rumänischlehrer und wurde durch seine Lyrikbände dem Lesepublikum in Rumänien bekannt. Erst nach dem Ende des Ceaușescu-Regimes veröffentlichte er Prosatexte, darunter die Romane „Travestie“ und „Nostalgia“. Cărtărescus ausuferndstes, vielschichtigstes und komplexestes Werk ist die „Orbitor“-Trilogie, deren erster Teil 1996 erschien. 2007 erfolgte der Abschluss mit dem dritten Buch, das seit kurzem unter dem Titel „Die Flügel“ endlich auf deutsch vorliegt.

Hauptdarsteller der drei Romane ist Bukarest, wie es Cărtărescu seit seiner Kindheit erlebt hat. Der Ich-Erzähler Mircea betrachtet die Stadt immer wieder vom Fenster seines Zimmers im siebten Stock eines Plattenbaus aus und lässt seine Gedanken schweifen. Es ist ein dreiflügeliges Fenster, ein Triptychon und damit eine Analogie zum dreiteiligen Romanepos, im Original mit den Titeln „Der linke Flügel“, „Der Körper“ und „Der rechte Flügel“ (warum der Zsolnay Verlag sich bei der deutschen Ausgabe für eine Umbenennung entschieden hat, bleibt ein Rätsel). Das weckt Assoziationen zu Engeln, aber auch zu Schmetterlingen, die in der Erzählung eine wiederkehrende Rolle einnehmen. Bukarest, wie es dem jungen, aus dem Fenster blickenden Mircea zu Füßen liegt, ist eine Stadt der Phantasmen, in der riesige Falter und schwarze Spinnen gegeneinander kämpfen und labyrinthische Verliese dunkle Geheimnisse bergen. Voller Vorahnung streift das Auge des Erzählers immer wieder die dem Verfall preisgegebenen Fassaden mit ihren figürlichen Ornamenten. Aber Bukarest ist auch die Kulisse für einen Alltag im realsozialistischen Rumänien mit Kinderspielen und zotigen Witzen, einem Leben in bitterer Armut unter den Spitzelaugen der Securitate.

Cărtărescu verquickt die beiden Wahrnehmungsebenen kontinuierlich, was scheitern könnte, gäbe es nicht die an der Lyrik geschulte Fabulierlust des Autors. Das schier unendliche Reservoir an Bildern und Beschreibungen, aus dem Cărtărescu schöpft, lässt Bukarest zu einem Ort der psychedelischen Grenzerfahrung werden. Es entsteht ein Wortstrom, der mit einer schon fast barock zu nennenden dunklen Pracht die Schranken zwischen Erinnerung und Fantasie aufhebt. Man könnte auch sagen: Cărtărescu hat sich – mangels einer lebenswerten Realität – sein Bukarest als Ort der Mythen und Träume selbst erschaffen. Kellergewölbe gleichen Eingeweiden, die tief in den Untergrund führen, durch den Mircea in alptraumhaften Sequenzen wandelt. Ganze Stadtviertel existieren unter einer Glasglocke, im Zirkus treten Flöhe auf, groß wie Ponys, und die im Hinterhof des Plattenbaus gelegene Mühle offenbart sich als gigantischer Sarkophag für einen Urahnen Mirceas. Die Stadt wird zum lebendigen, mystischen Organismus.

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Im dritten Teil „Die Flügel“ lernen wir den erwachsenen Mircea kennen, der Ende der 1980er Jahre resigniert vor sich hin lebt, während Rumänien zunehmend unter dem Ceaușescu-Regime leidet, das mit seiner Verschwendungssucht, einer kurzsichtigen Kreditpolitik und der allgegenwärtigen Korruption das Land zu einem der ärmsten Europas heruntergewirtschaftet hat. Mircea entflieht der Realität und taucht immer wieder in die Erinnerung an seine Kindheit ab, durchlebt nochmals ekstatische Momente und ergeht sich in irrlichternden Gedankenspielen. Er erinnert sich an seinen Nachbarn Herman, einen schwerkranken Alkoholiker, der mit alttestamentarischen Welterklärungen den kleinen Mircea beeindruckt und verwirrt, an Mitschüler und Nachbarskinder mit ihren grausamen Spielen sowie an seine Mutter, die Mirceas Familie willensstark und aufopferungsvoll durch die immer härter werdenden Zeiten führt. Doch im Herbst 1989 kommt Bewegung in den Stillstand der rumänischen Gesellschaft. Angestachelt von den Veränderungen in anderen Ostblockländern, gehen in Rumänien Menschen auf die Straße um gegen das autoritäre System aufzubegehren. Auch Mircea schließt sich den Protestierenden an und erlebt Tage und Nächte „des Wahnsinns und des Chaos“. Cărtărescu erzählt von diesen Ereignissen in einer Art magischem Realismus, einerseits historisch korrekt, stellenweise sogar äußerst ausführlich und präzise, andererseits voller phantastischer Einfälle, etwa wenn er die versammelten Statuen der Stadt lebendig werden lässt oder eine zehn Meter große Zirkusartistin die Demonstrationen anführt. Letztere ist eine personalisierte „rumänische Revolution“, eine in traditionelle Tracht gekleidete Symbolfigur des Umsturzes und gleichzeitig des Scheiterns, denn nach der Flucht und Hinrichtung Ceaușescus werden die selbsternannten „Revolutionsführer“ sich an ihr – im ganz und gar körperlichen Sinne – vergehen. Eine bittere Pointe, die den schalen Nachgeschmack, den viele im postrevolutionären Rumänien empfinden, metaphorisch auf den Punkt bringt. Oder wie Mircea Cărtărescu selbst es vor kurzem in einem Interview ausdrückte: „Wir hatten drei Tage des Glücks und seitdem 25 Jahre Unglück.“

„Die Flügel“ ist kein Schlüsselroman über die Ereignisse im rumänischen Winter 1989/90, denn die zwischen Realismus und Phantasmagorie pendelnde Wiedergabe der Ereignisse ist eingebettet in die wild wuchernde Erzählmythologie Cărtărescus, die alle Bände der Trilogie prägt. Zwischen den Halluzinationen Mirceas und dem welterklärerischen Furor, der ihn immer wieder befällt, schälen sich Seitenstränge der Erzählung heraus. Einiges bleibt im unklaren, etwa ob die Figur des Victor (der bereits im Roman „Travestie“ eine wichtige Rolle spielt) Mirceas Nemesis, sein verschollener (verstorbener?) Bruder oder ein Alter Ego ist. Auf einer anderen narrativen Ebene geht es wiederholt um die Vorfahren Mirceas und die verschlungenen Pfade, auf denen sie nach Bukarest gelangten. Ein eigener Schöpfungsmythos entsteht, eine Kette der Fortpflanzung, die ihrer Bestimmung entgegenstrebt: dem Manuskript, tausende Seiten dick, an dem Mircea schreibt und durch das die Welt entsteht, von der er erzählt. Konsequenterweise geht diese Welt am Ende, nach der Revolution, wenn es eigentlich erst losgehen sollte, in einer schillernden Apokalypse, deren Zentrum der gigantomanische Regierungspalast Nicolae Ceaușescus ist, unter. Die Welt zerbirst, wenn das Schreiben beendet ist. In dieser Hinsicht gilt für die „Orbitor“-Trilogie, was auch Marcel Proust behauptete: die Literatur ist das Leben.

„Orbitor“ bedeutet übersetzt „blendendes Licht“, und tatsächlich gibt es bei der Lektüre dieser Trilogie mit ihren rund 1900 Seiten Momente, die dem Blick in eine gleißende Sommersonne gleichkommen. Es ist ein regelrecht physisches Erlebnis, diesen überbordenden Text zu lesen. Cărtărescus Fabuliergabe übertritt voller Lust die Grenze zum Manierismus, erzeugt aber gerade in ihrer Entgrenztheit eine Intensität, die den Lesenden in einen Schwindelzustand versetzt. Die reine Freude an dieser Sprache trägt einen selbst durch dunkle Passagen, manche davon am Rande der Verständlichkeit. Belohnt werden wir mit unvergesslichen Bildern, die noch lange vor dem inneren Auge flirren. Am Ende bleibt die Gewissheit, das wir es hier mit einem Ausnahmeautor zu tun haben und mit einem Prosakunstwerk, das einzigartig ist in der europäischen Gegenwartsliteratur.

Mircea Cărtărescu. Die Flügel. Aus dem Rumänischen von Ferdinand Leopold. 672 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Zsolnay Verlag 2014. 26,- Euro.

Die beiden ersten Bände der Orbitor-Trilogie sind als Hardcover bei Zsolnay oder als Taschenbuch bei dtv erschienen.

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3 Gedanken zu „Offenen Auges ins blendende Licht

  1. Ich danke dir sehr für diese ausführliche Besprechung, die Lust darauf macht, dieses Werk sofort zu entdecken. Von Mircea Cărtărescu habe ich schon häufiger gehört und die Bücher hatte ich auch ein paar Mal schon in der Hand, gekauft habe ich sie mir aber noch nicht, weil ich mich irgendwie nicht herangetraut habe. Vielleicht wäre die Lektüre ja etwas für meinen Weihnachtsurlaub …

    1. Liebe Mara,
      Cărtărescu ist auf jeden Fall eine einmalige Leseerfahrung! Wenn Du Dir unsicher bist und nicht gleich 600 Seiten lesen willst, dann empfehle ich Dir für den Einstieg seinen Roman „Travestie“, wo sein besonderer Stil auf gut 170 Seiten ebenfalls voll zur Geltung kommt.
      Herzliche Grüße
      Tobias

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