Kurzer Rückblick auf das Libroskop-Lesejahr 2014

Was gab das zu Ende gehende Literaturjahr an aufregender, lohnenswerter Lektüre her? Ein persönliches Resümee.

2014, was für ein Jahr! Positiv wie negativ werden mir die vergangenen zwölf Monate in Erinnerung bleiben, nämlich als ein spannendes, erlebnisreiches Jahr für mich persönlich, aber auch als ein Jahr weltweiter Krisen und Konflikte. Als ein Jahr, in dem ich leider wegen zunehmender Arbeit und einem fehlenden „Leseurlaub“ weniger Bücher lesen konnte wie in den Jahren zuvor, dafür war manche Lektüre umso intensiver.

Aus den Romanen und Essaybänden, die ich gelesen habe, fällt es mir leicht, eine alphabetische Liste mit den wichtigsten herauszupicken, einige 2014 erstmals erschienen, andere schon etwas älter. Meine „Top 15“:

Maurice Blanchot – Der Allerhöchste (Matthes & Seitz Berlin)  Der erst vor einigen Jahren ins Deutsche übersetzte sprachkritische Meta-Roman des französischen Philosophen lockt den verstörten Leser virtuos aufs Glatteis. Mehr zum Roman hier.

Mircea Cărtărescu – Der Körper und Die Flügel (beide Zsolnay)  Weltliteratur aus Rumänien. Teil 2 und 3 der Orbitor-Trilogie, ein entgrenzendes, rauschhaftes Leseerlebnis. Meine Rezension hier.

Rafael Chirbes – Am Ufer (Kunstmann)  Präzise beobachtet, versiert erzählt, schonungslos analytisch – der große Roman über die derzeitige Wirtschaftskrise in Europa kommt aus Spanien. Hier mehr zum Buch.

Edmund de Waal – Der Hase mit den Bernsteinaugen (Zsolnay)  Erst dieses Jahr entdeckt: de Waals elegant und sensibel erzählte Geschichte seiner Familie.

Tomas Espedal – Wider die Natur (Matthes & Seitz Berlin)  Die Lieben eines Lebens: Espedal schreibt in seinem autobiografischen Roman direkt und kraftvoll über das Scheitern von Beziehungen.

Wassili Golowanow – Die Insel oder Rechtfertigung des sinnlosen Reisens (Matthes & Seitz Berlin)  Wenn eine unscheinbare Insel in der Barentssee zur persönlichen Obsession wird… können daraus spannende und atmosphärisch dichte 500 Seiten Literatur entstehen. Meine Rezension hier.

Eduardo Halfon – Der polnische Boxer (Hanser)  Eine neue Stimme aus Lateinamerika, ein versierter Nachfahre von Roberto Bolaño und Jorge Luis Borges. Mehr hier.

Esther Kinsky – Am Ufer (Matthes & Seitz Berlin)  Der River Lea, urbane Abbruchkante, an der London und das Umland aufeinandertreffen, gesehen durch die Augen einer melancholischen Flaneurin – mehr zu diesem Roman siehe weiter unten.

Sarah Kofman – Rue Ordener, Rue Labat (Diaphanes)  Eine wichtige Wiederentdeckung: Kofmans schmales autobiografisches Fragment zeigt, dass auch die, die den Holocaust überlebten, nicht unbeschädigt blieben. Hier meine Rezension.

Norbert Niemann – Die Einzigen (Berlin Verlag)  Idealismus oder Kommerz? Norbert Niemann stellt in seinem Generationenportrait anhand von zwei MusikerInnen die Frage nach dem Wert von Kunst. Hier meine Besprechung.

Toshiki Okada – Die Zeit die uns bleibt (S. Fischer)  Okada erzählt mit höchst innovativen Mitteln von der jungen Generation Japans zwischen Prekariat und Lebensüberdruss. Meine Kritik hier.

Sharon Dodua Otoo – die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle… (Edition Assemblage)  Der Hype um die „Afropolitans“ hält an, doch kaum jemand kennt diese talentierte Autorin aus Berlin. Bitte nachholen! Hier meine Rezension.

Claude Simon – Der Fisch als Kathedrale (Berenberg)  Vier Vorträge des Literaturnobelpreisträgers, ein inspirierendes Plädoyer für die zügellose Freiheit der Literatur, hier ausführlich besprochen.

Marlene Streeruwitz – Nachkommen. (S. Fischer)  Die österreichische Autorin verquickt das Bohei um den Deutschen Buchpreis mit einer Reflexion über die Lebensbedingungen junger Menschen im Europa der Krise. Meine Rezension hier.

Jun’ichiro Tanizaki – Lob des Schattens (Manesse)  Ein eigenwilliger „Entwurf einer japanischen Ästhetik“, ein erhellender Klassiker der Essayistik.

Für die Auswahl meiner Lektüre dieses Jahr gab es einige wichtige Faktoren. Zunächst spielte meine erste Reise nach Japan eine große Rolle. In begleitender und nachbereitender Lektüre liess sich das Reiseerlebnis wunderbar vertiefen, zwei japanische Bücher sind dafür stellvertretend auf dieser Liste gelandet. Gleichzeitig haben mich die politischen Ereignisse in Europa zu Romanen greifen lassen, die die Themen Krise und Migration/Flucht reflektieren, siehe hierfür stellvertretend Chirbes, Streeruwitz und Otoo. Literatur ist ein langsames Medium und braucht etwas länger, um auf aktuelle Entwicklungen einzugehen. Romane zu lesen, die nahe am Puls der Zeit sind, war mir trotzdem gerade in diesem Jahr äußerst wichtig.

Das intensivste, weil sprachlich kunstvollste Leseerlebnis hat mir Mircea Cărtărescu verschafft. Seine poetische und höchst phantasievolle Verquickung von Realität und halluzinativer Illusion in Band zwei und drei seiner Orbitor-Trilogie ist einfach unvergleichlich. Ich würde alle meine Haruki Murakami-Bände gegen nur eine Seite von Cărtărescus berauschender Prosa eintauschen!

Mein persönliches Lieblingsbuch in diesem Jahr ist dennoch ein anderes und es ist ein vergleichsweise stilles Werk. „Am Ufer“ von Esther Kinsky schildert einige Monate im Leben der Ich-Erzählerin, die sie in einer Art Übergangssituation im Londoner Stadtteil Hackney verbringt. Hier, am Rand der Millionenmetropole, trennt der River Lea Stadt und Umland voneinander. In melancholischen Spaziergängen erkundet die Ich-Erzählerin dieses urbane Grenzgebiet und begegnet Menschen am Rande der Gesellschaft, viele davon wie sie Gestrandete, die aus anderen Ländern hierher gekommen sind. Sie entdeckt eine seltsame Schönheit im vertrockneten Böschungsgestrüpp der Bahndämme und im Mauerwerk halbverfallener Gebäude. Ihre Beobachtungen führen sie in Gedanken zurück zu ihrer Kindheit am Rhein, zu Reisen an die Ufer des Ganges und an die Donau im ehemaligen Jugoslawien. In den zurückhaltenden und sprachlich äußerst kunstvollen Beschreibungen wird nach und nach die psychische Verfasstheit der Erzählerin sichtbar. Zugleich erzählt „Am Ufer“ von der Neugier auf das Andere – fremde Menschen, fremde Orte. Es ist ein dezentes Buch voller Zwischentöne. Kinskys Verleger, Andreas Rötzer vom Verlag Matthes & Seitz Berlin, sagte über den Roman sinngemäß: es gibt eine deutschsprachige Literatur vor „Am Ufer“, und es gibt eine deutschsprachige Literatur nach diesem Roman. Eine Einschätzung, der ich gerne zustimmen möchte.

„Am Ufer“ stand auch auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2014, genauso wie „Nachkommen.“ von Marlene Streeruwitz. Meine Entscheidung, beide Bücher zu lesen, hat die Nominierung nicht beeinflusst. Im Gegenteil, die Aufmerksamkeit, die der Deutsche Buchpreis generiert, wirkt auf mich zunehmend abschreckend. Der Preis ist zwar ein geschickter Marketingschachzug des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, was mich aber zunehmend ärgert, ist, wie stark sich Handel und Kritik (auch in den Blogs) auf den Buchpreis konzentrieren. Deutschsprachige Herbstneuheiten, die nicht auf der Longlist stehen, haben kaum mehr eine Chance, wahrgenommen zu werden, von den vielen spannenden Neuheiten aus der internationalen Literatur will ich gar nicht erst reden. In diesem Jahr war der Gewinnerroman „Kruso“ von Lutz Seiler zudem so penetrant Thema, dass ich das Gefühl habe, das Buch bereits gelesen zu haben, ohne es überhaupt in die Hand genommen zu haben. Vor der Auszeichnung hätte ich „Kruso“ durchaus lesen wollen, die Omnipräsenz hat bei mir aber zu Desinteresse geführt. Ich hoffe, die Aufregung legt sich 2015 wieder etwas.

Außer dem Buchpreis, der Causa Suhrkamp und dem Dauerthema Amazon konnte nur die im Frühjahr von Florian Kessler im Feuilleton der ZEIT angezettelte Debatte etwas Unruhe im Literaturbetrieb auslösen. Kesslers Thesen zu Literaturinstitutsabsolventen aus gutsituierten Familien sowie die das Thema in Richtung migrantische Gesellschaft erweiternden Repliken von u. a. Maxim Biller und Dietmar Dath entfachten einen kleinen Schwelbrand, der schnell mit dem „Es ist doch alles in Ordnung“-Feuerlöscher beseitigt wurde. Das geschah mir etwas zu voreilig und selbstzufrieden. Da wurde die Freiheit der Kunst vor der Dominanz der Inhalte in Schutz genommen, dabei sind viele deutschsprachige Romane momentan leider gerade stilistisch banal. Und im Vergleich zu Frankreich oder Großbritannien hat die deutsche Gegenwartsliteratur tatsächlich einen gehörigen Aufholbedarf wenn es um die Abbildung einer sich verändernden Gesellschaft geht. Vielleicht würde die Debatte heute, angesichts der scheinbar massenkompatiblen PEGIDA-Deutschtümelei, anders ablaufen. Florian Kessler hat jedenfalls mit seinem Plädoyer für Nonkonformismus in der Literatur bei mir persönlich offene Türen eingerannt und vielleicht auch einige Verlagsmenschen zum Nachdenken gebracht.

Darüber, dass nächstes Jahr nicht genügend spannende und ungewöhnliche Romane erscheinen werden, braucht man sich dennoch keine Sorgen zu machen. Wahrscheinlich werden es wieder mehr sein, als ein Mensch überhaupt lesen kann. Gute Aussichten für 2015 also!

Alles Gute wünscht

Tobias Lindemann

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3 Gedanken zu „Kurzer Rückblick auf das Libroskop-Lesejahr 2014

  1. Ich danke dir ganz herzlich für diesen wunderbaren Jahresrückblick, den ich mit Begeisterung und Interesse gelesen habe und in dem Ich kaum ein Buch gefunden habe, das ich selbst bereits gelesen habe, aber dafür ganz viele, die nun weit oben auf meiner Wunschliste stehen.

    Ich wünsche dir erholsame Feiertage, einen guten Rutsch ins neue Jahr und dass du auch 2015 weiterhin spannende und entdeckungswürdige Bücher vorstellst.
    Liebe Grüße
    Mara

  2. Noch ein Lesejahresrückblick, von dem ich kaum ein Buch kenne, zu denen ich aber immer gerne Deine Betrachtungen lese. Immerhin haben wir uns über Chirbes unterhalten und Streeruwitz´ „Nachkommen.“ Vielleicht gibt es ja im kommenden Jahr spannende Romane über die momentan kreiselnden gesellschaftlichen Themen, eine immer stärker werdende und in alle Bereiche des Lebens eindringende Wirtschaftsideologie zum Beispiel, Flucht und Migration sicherlich, die Ressentiments dagegen – und wahrscheinlich haben diese Dinge ja alle etwas miteinander zu tun. Bei meiner bisherigen, zugegegen recht flüchtigen, Suche in den Verlagsprosepkten habe ich dazu aber nichts gefunden.
    Nun wünsche ich Dir eine wunderschöne entspannte und erholsame Weihnachtszeit, Claudia

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