Lese-Vorfreude – zehn aufregende Bücher für das Frühjahr 2015

Immer, wenn Ende November, Anfang Dezember die Verlagsvorschauen für das nächste Frühjahr erscheinen, geht es los mit dem Sichten, Lesen, Vergleichen, Freuen und dann Warten…

So, wie sich der Gourmet das Wasser im Munde zusammen laufen lässt, sehnen Literaturfreundinnen und -freunde blätterraschelnd den Neuerscheinungen entgegen. So auch ich. Aus der Frühjahrsflut habe ich diesmal zehn Titel herausgepickt, die mir besonders bemerkenswert erscheinen. Das ist natürlich rein subjektiv und spiegelt stark meine eigenen Interessen wieder, aber vielleicht ist für die eine oder den anderen eine Anregung dabei. Here we go, in alphabetical order:

César Aira – Wie ich Nonne wurde/Kleiner buddhistischer Mönch/Die Prüfung (alle Matthes & Seitz Berlin)

Endlich scheint der großartige César Aira bei einem adäquaten deutschen Verlag untergekommen zu sein! Nachdem die Werke dieses argentinischen Vielschreibers zuletzt von Häusern wie Ullstein oder Claasen eher lieblos auf den Markt gekippt wurden, hat sich nun Matthes & Seitz Berlin diesem Tausendsassa angenommen und kündigt gleich drei Bände in der „Bibliothek César Aira“ an. Wer Aira noch nicht kennt, kann hier einen von Kollegen wie Roberto Bolaño bewunderten Virtuosen kennenlernen, der das Spiel mit Gattungen und Erzählperspektiven liebt. Die drei erstmals übersetzten Texte sind voller unvorhersehbarer Wendungen und schelmischer Ideen, wegen der für Aira typischen Kürze (zwischen 110 und 160 Seiten) habe ich sie hier „als ein Buch“ eingeschmuggelt… (erscheinen im März)

Louis Calaferte – Requiem für die Schuldlosen (Diaphanes)
Ein französischer Autor, den es hierzulande noch zu entdecken gilt, dank dem Diaphanes Verlag erscheint erstmals ein Roman von ihm auf deutsch. Louis Calaferte (1928 – 1994) schrieb stark autobiografisch, seine Prosa ist von existenzieller Wucht. In „Requiem für die Schuldlosen“ blickt er auf seine Jugend in einem Armenghetto im Lyon der 1930er und 1940er Jahre zurück. Er beschreibt die unverblümte Körperlichkeit und die zur Kleinkriminalität führende soziale Not seines Umfelds schonungslos, offen, von fiebriger Intensität. (erscheint im Februar)

Teju Cole – Jeder Tag gehört dem Dieb (Hanser Berlin)
Da es noch etwas zu dauern scheint, bis Teju Cole einen neuen Roman nach „Open City“ vorlegen wird, erscheint nun erstmal Coles Debüt aus dem Jahr 2007 auf deutsch. Hier streift der Ich-Erzähler nach Jahren in den USA durch seine Geburtsstadt Lagos. Er lernt den nigerianischen Alltag kennen, erlebt Korruption und Mitmenschlichkeit, Momente voller Grausamkeit und voller Poesie. Er muss sich entscheiden, für oder gegen Lagos. Für alle, die durch „Open City“ angefixt wurden und denen Coles Twitteratur zum Weiterleben nicht ausreicht, ist also vorerst für Nachschub gesorgt. (erscheint im Februar)

lesevorfreude 2015 a

Jérôme Ferrari – Das Prinzip (Secession)
Nach dem Abschluss seiner Korsika-Trilogie legt Jérôme Ferrari einen neuen Roman vor, der zeitgleich auf französisch und deutsch erscheinen wird. Der Physiker Werner Heisenberg formulierte in den 1920er Jahren seine Theorie der Unschärferelation – und veränderte damit nicht nur die Wissenschaft für immer. Ferrari schildert die folgenden Erschütterungen in Gesellschaft und Politik, Kultur und Sprache anhand von Heisenbergs Biografie. Wenn der französische Autor seinem kraftvoll-poetischen Schreibstil treu geblieben ist, sollte uns hier eine hochkarätige Charakterstudie erwarten. (erscheint im März)

Siri Hustvedt – Die gleißende Welt (Rowohlt)

Zugegeben, Siri Hustvedt ist eine tolle Schriftstellerin, aber – Hand aufs Herz – wir alle warten doch darauf, dass sie wieder zu der Höchstform aufläuft, die uns ihr Meisterwerk „Was ich liebte“ einbrachte. Zuletzt waren ihre Sachbücher und Essays spannender als ihre Prosa, doch mit „Die gleißende Welt“ könnte sich dies wieder ändern. Der Roman, angelegt in der New Yorker Kunstszene, ist als polyphoner Chor von Stimmen angelegt und hat zahlreiche Bezüge in die Literatur- und Kunstgeschichte. Harriett Burden, Witwe eines berühmten Galeristen und Heldin des Romans, versucht die misogyne Kunstwelt auf die Probe zu stellen, indem sie eine Karriere als Installationskünstlerin unter falschem Namen beginnt. Klingt spannend, die Kritik in den USA war ebenfalls sehr wohlwollend. (erscheint im Mai)

László Krasznahorkai – Die Welt voran (S. Fischer)

Absurd und lakonisch, pessimistisch und strahlend lebendig sind die Bücher László Krasznahorkais. Der ungarische Schriftsteller, der hierzulande vor allem über die Verfilmung seiner Romane durch Bela Tarr bekannt wurde („Satanstango“, „Werckmeisters Harmonien“), legt 2015 seinen zweiten Erzählungsband in Folge vor. Der vielreisende Autor berichtet von Hoffnung und Scheitern, von der condition humaine in unserer Gegenwart des 21. Jahrhunderts und lässt sich von Beckett und Kafka den Weg leuchten. (erscheint im Februar)

Rachel Kushner – Flammenwerfer (Rowohlt)
Angesichts dieses zweiten Romans von Rachel Kushner überschlug sich die Literaturkritik in den angelsächsischen Ländern. Das Buch landete 2013 auf etlichen Jahresbestenlisten und wurde für den National Book Award nominiert. Die Kritik zeigte sich begeistert von Kushners lebendigem Erzählstil, der mit zahlreichen Anekdoten und Nebenschauplätzen die 1970er Jahre wieder auferstehen lässt. Im Zentrum steht die selbstbewusste Reno, eine junge Motorradfahrerin, die nach New York kommt, um dort in der Kunstszene Fuß zu fassen. Sie lernt den Italiener Sandro kennen, verliebt sich in ihn, geht mit ihm nach Italien und merkt, dass ihr Freund im Umfeld der Roten Brigaden zu Hause ist… (erscheint im Februar)

lesevorfreude 2015 b

Pierre Michon – Körper des Königs (Suhrkamp)
Mal von derber Direktheit, mal von einem überirdischen poetischen Pathos ist die Prosa des Franzosen Pierre Michon. Seine Romane sind maßlos, zärtlich, sarkastisch und nihilistisch zugleich. Nun erscheint ein Band mit Essays dieses rigorosen Einzelgängers. Michon schreibt über berühmte Kollegen (Beckett, Flaubert, Faulkner), über den Tod seiner Mutter, über „die erhabene und lächerliche Berufung der Kunst“. Selbst wenn seine Egozentrik manchmal nervt, fesselt Michons Intensität. (erscheint im März)

Pascal Quignard – Die wandernden Schatten (Diaphanes)
Noch ein französischer Autor, der bisher in Deutschland wenig Aufmerksamkeit erfahren hat: Pascal Quignard startete mit „Die wandernden Schatten“ sein Schreibprojekt „Letztes Königreich“, eine Literatur gewordene Wanderung durch die Menschheitsgeschichte und die eigene Biografie. Was Quignard dabei zu Tage fördert, reicht von hingetupften Skizzen über Aphorismen bis hin zu den Anfangssequenzen nie vollendeter Erzählungen. Kein Roman vielleicht, aber ein facettenreiches Sprachkunstwerk, für das Pascal Quignard 2002 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. (erscheint im März)

Wu Ming – 54 (Assoziation A)
Wer ist Wu Ming? Hinter diesem Namen verbirgt sich ein italienisches Autorenkollektiv, das um die Jahrtausendwende unter dem Namen Luther Blissett den historischen Roman „Q“ veröffentlichte und damit für eine literarische Sensation sorgte. Inzwischen in Wu Ming (mandarin für „ohne Namen“) umbenannt, hat das Kollektiv drei weitere Romane vorgelegt, von denen nun „54“ erstmals auf deutsch erscheint. Die Handlung spielt vor dem Hintergrund des Jahres 1954, geprägt durch den kalten Krieg und Stalins Tod. In einer Bar treffen die Kinder italienischer Partisanen auf Mafiosi und kommunistische Häretiker, eine wichtige Rolle spielt auch ein Geheimauftrag für Cary Grant, der in einem Film mit und über Tito mitwirken soll. Bei Wu Ming wird die Geschichtsschreibung, wie wir sie kennen, ordentlich durchgerüttelt, denn merke: was heute Geschichte ist, war einst Zukunft, und diese passiert nicht von selbst, sondern wird von Menschen gemacht. (erscheint im Februar)

Soweit meine Auswahl, wahrscheinlich wird es nicht bei diesen zehn (bzw. zwölf) Büchern bleiben und ich bin selbst gespannt, welche Titel dann tatsächlich ihren Weg durch eine Rezension auf diesen Blog finden werden.

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