Aufstand der Masken

Die Einsamkeit ist politisch: Yannick Haenel lässt einen Durchschnittsfranzosen ganz unten ankommen und eine existenzielle Läuterung durchleben. Als er Bekanntschaft mit den „bleichen Füchsen“ schließt, wird ihm klar, dass er nicht alleine ist…

Als Jean Deichel in einer engen Gasse im 20. Arrondissement das in großen Lettern angebrachte rote Graffiti entdeckt, reißt es ihn aus der Lethargie, die ihn seit Wochen im Griff hat. „Die Gesellschaft existiert nicht“ steht dort, darunter findet sich ein Symbol, das an einen Fisch oder ein asiatisches Schriftzeichen erinnert. Und so einleuchtend die Wandschrift Jean Deichel erscheint, so unheilverkündend wirkt sie auch, findet sie sich doch in der Impasse Satan („Satan-Sackgasse“), gleich neben der Passage Dieu („Gottespassage“) und unweit des berühmten Friedhofs Père-Lachaise.

bleicher fuchs
Das Symbol der bleichen Füchse

Dieser mystische urbane Moment ist der Wendepunkt im ersten Teil des Romans „Die bleichen Füchse“. Zuvor lernen wir Jean Deichel kennen, als er gerade frisch in sein Auto umgezogen ist. Eigentlich stammt Jean, Anfang 40, aus soliden kleinbürgerlichen Verhältnissen, aber zuletzt reichten ihm die Sozialbezüge als Arbeitsloser nicht mehr aus um die Wohnung im überteuerten Paris zu halten.

Leben im Intervall

Deichel begibt sich in einen selbstgewählten Zwischenzustand, den er „Intervall“ nennt. Er schläft in einem Renault Kombi, geht jeden Tag ins Schwimmbad zum Duschen und streift stundenlang durch die Straßen im Osten der Stadt. „Warten auf Godot“ wird ihm zur Lieblingslektüre, die anarchistischen Künstlerfreunde aus seinem früheren Leben, die er in einer Bar trifft, erscheinen ihm dekadent und abgehoben. Das Graffiti erwischt ihn zu einem Zeitpunkt, an dem er das Gefühl hat, sich von allem gelöst zu haben. Plötzlich wird ihm klar: es muss noch andere geben und egal, wer sie sind, sie befinden sich in einer ähnlichen Situation wie er, empfinden wie er. Als schließlich vor seinen Augen ein Obdachloser, der in einem Müllcontainer eingeschlafen war, in einem Wagen der Müllabfuhr regelrecht zermalmt wird, beschließt Jean, dem menschenverachtenden Normalzustand, in dem Personen in „nützlich“ und „unnütz“ eingeteilt werden, den Rücken zu kehren und sich auf die Suche nach denen zu machen, die mit ihrer roten Wandmalereien so deutlich zu ihm sprechen. Das unerklärliche Symbol soll ihm dabei den Weg weisen.

Es wird ihn zu den bleichen Füchsen führen, einer Gruppe von Sans Papiers, wie sie sich in Frankreich selbst nennen, Menschen ohne Papiere, meist illegal eingewandert, ohne Status, unsichtbar. Zu ihnen zählen auch Issa und Kouré, zwei afrikanische Migranten, die Jean von ihrem Job bei der Müllabfuhr her kennt. Sie treffen sich hinter den Kulissen der immer mehr im Musealen erstarrenden Stadt Paris, in Hinterhöfen und stillgelegten Passagen. Sie vereint der Zorn auf ein Frankreich, das seine eigene Geschichte negiert, das sich der Verantwortung für seine Kolonialzeit entzieht, das die Toten der Kriege in Nordafrika ebenso vergessen hat wie die Aufständischen der Pariser Commune 1871, die fast ausnahmslos umgebracht wurden. „Frankreich ist Verbrechen“ ist der zugehörige Slogan, den die bleichen Füchse auf Häuserwänden hinterlassen, ein anderer lautet „Identität = Fluch“. Denn als Menschen ohne Papiere und somit ohne offizielle Identität haben sie längst erkannt, welche Last eine Gesellschaft ist, in der Herkunft und Status über das Dazugehören bestimmen. Die Wut, die sie vereint, wird sich Bahn brechen, doch soweit kommt es erst, als zwei Menschen aus ihren eigenen Reihen gewaltsam ums Leben kommen.

Nichts zu verlieren

In den Vororten von Paris gärt es schon lange. Als „Die bleichen Füchse“ 2013 in Frankreich erschien, lagen die Riots in den französischen Banlieues, bei denen in wenigen Tagen über 500 Autos angezündet wurden, schon acht Jahre zurück. Frankreich hat 2007 mit der Wahl des „Kärcher“-Innenministers Nicolas Sarkozy zum Staatspräsidenten und somit mit einem Schwenk zu Law and Order auf diesen Aufschrei der untersten Gesellschaftsschicht reagiert. In den Folgejahren kletterte der rechtsextreme Front National in der Wählergunst weiter nach oben und auch die Regierung Hollande fand bisher keine Lösung gegen die zunehmende soziale Spaltung. Migrantische Menschen sind im immer konservativer werdenden Klima Frankreichs die Sündenböcke, in Zeiten der Krise sind sie die Prügelknaben einer den Abstieg fürchtenden Mittelschicht.

Unverständlich bleibt, dass die Anschläge auf die Charlie Hebdo-Redaktion und einen jüdischen Supermarkt vor einigen Tagen nicht stärker unter diesem Gesichtspunkt wahrgenommen werden. Wo unterprivilegierten Menschen die Teilnahme an der Gesellschaft verwehrt wird, sie als „afrikanisch“, „arabisch“ oder „islamisch“ ausgegrenzt werden, gibt es keine Gesellschaft mehr. Dann zählt nur noch das Recht des Stärkeren. Notfalls mit der Kalaschnikow im Anschlag. Aber lieber klopft sich die Mitte der Gesellschaft ob ihrer Liberalität auf die eigene Schulter, spricht von den Gefahren des Islam und diskutiert über das heilige Gut der Meinungsfreiheit (Frankreich ist hier nicht gerade Musterknabe – 2014 lag es im Ranking von Reporter ohne Grenzen weltweit auf Platz 39). Die Attentäter von Paris haben ohne Zweifel großes Unrecht getan, sie waren religiös verblendet, aber vor allem hatten sie nichts zu verlieren. Eine Grundlage, auf der Terrorismus gut gedeiht.

Es fällt schwer, „Die bleichen Füchse“ nicht unter den Vorzeichen der jüngsten Ereignisse in Paris zu lesen, aber dieser Roman hat mehr zu bieten als simple Erklärungsmuster. Yannick Haenel beschreibt das Leben am Rande der Gesellschaft, dem sich Jean Deichel hingibt, als karg und einsam, aber es gibt auch schillernde Momente, in denen nicht nur die Gossenromantik blüht, sondern die Befreiung vom ständigen Mitmachen und Funktionieren-müssen zu neuen Erkenntnissen führt. Der „Mann ohne Eigenschaften“ lernt, die Menschen nicht mehr nach Beruf oder Hautfarbe einzuteilen, weil er selbst aus diesen Kategorien befreit werden möchte. Seine Einsamkeit ist politisch.

Revolte und Rausch

Mit dem zweiten Teil des Romans schlägt Yannick Haenel einen neuen Erzählton an und spricht plötzlich im „Wir“. Er entzieht uns den konventionellen Ich-Erzähler und riskiert es, dem Text eine Art Manifestcharakter zu verleihen. Jean Deichel ist unsichtbar geworden, er ist aufgegangen in der Masse der bleichen Füchse, die sich formiert haben, um ein Verbrechen zu sühnen. Issa und Kouré, die beiden schüchternen Müllmänner mit schwarzer Hautfarbe, sind bei einer Razzia von einer Polizeieinheit verfolgt worden, die Hetzjagd endet mit dem Tod der beiden jungen Männer in der Seine. Nun zeigt sich, woher die bleichen Füchse ihren Namen haben: ihr Symbol ist eine Maske, die von den westafrikanischen Dogon getragen wird. Der bleiche Fuchs ist ein Dämon, an den die Dogon glauben. In einer Art Voodoo-Prozession ziehen die Ausgegrenzten durch Paris, verstecken sich hinter Masken, sprechende Trommeln geben den Takt vor. Längst sind es nicht nur Sans Papiers, die sich ihnen anschcoverließen. Mülltonnen und Autos brennen, doch gegen Menschen richtet sich ihre Gewalt nicht. Und sie werden immer mehr.

Mit diesem Ende geht Yannick Haenel ein Wagnis ein, für das er von einigen LiteraturkritikerInnen gescholten wurde. Hier liegt vieles eng beieinander: Reportageartige Passagen über das Schicksal von Bootsflüchtlingen und die Proteste gegen Abschiebungen, die Beschreibung einer kollektiven Trance, an Agit-Prop grenzende politische Argumentationen, Revolutionsromantik. Erkennbar scheint aber, dass Haenel daran lag, dem Roman einen utopischen Moment zu verleihen. Eine Vision, wie ein Aufstand der Unterdrückten gelingen könnte – ein Aufstand, der keine Menschenleben kostet. Voodoo scheint dabei eine zentrale Rolle zu spielen, denn ist Revolution überhaupt ohne ein Quantum Rausch möglich?

Selbst, wenn wir nicht erfahren, wie es danach weitergeht, wirkt dieses zweite Kapitel kraftvoll und von einem aufrichtigen Wunsch nach Veränderung beseelt. Auf-Nummer-Sicher-Literatur bietet uns der Autor hier nicht, sondern ein ästhetisches Experiment, dass schon durch die Eingangssituation des im Auto lebenden Jean Deichel die Konventionen über Bord schmeißt, dank eines klaren Schreibstils aber nie ins Anstrengende kippt. Mit diesem gewagten Roman reiht sich Haenel in die Reihe einer neu politisierten französischen Schriftstellergeneration neben Namen wie Alexis Jenni, Marie NDiaye oder Mathias Enard ein. Und da soziale Unterschiede und Rassismus sowie deren Folgen kein rein französisches Phänomen sind, lohnt es sich auch hierzulande, „Die bleichen Füchse“ zu lesen.

Yannick Haenel. Die bleichen Füchse. Roman. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. 192 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Rowohlt Verlag 2014. 18,95 Euro.

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4 Gedanken zu „Aufstand der Masken

  1. Wieder einmal eine Besprechung, die heraussticht – auch weil Du den Bezug zur gesellschaftlichen Realität zeigst, den alltäglichen Rassismus und die Ausgrenzung von Einwanderern, die eben zu Gewalt und Extremismus auf beiden Seiten führt. Und offenbar ein hochaktueller Roman, den ich mir besorgen werde. Danke für die Rezension.

    1. Danke Dir für Dein Feedback, liebe Birgit. Es ist das Buch, das heraussticht! Frappierend ist einfach, dass Haenel es schafft, mit diesen ernsten Themen dennoch fantasievoll umzugehen. Vielleicht gibt’s bei Dir auch bald eine Rezension zum Buch zu lesen?

      1. Ich habe es gestern schon in der Buchhandlung geordert. Ob ich dazu jedoch eine Besprechung mache, weiß ich noch nicht – vielleicht nur eine kurze Empfehlung. Eigentlich hatte ich fest vor, mit Rezensionen etwas kürzer zu treten und mich auf den Schwerpunkt Weimarer Republik zu konzentrieren. Mal sehen, ob ich das durchhalte 🙂

  2. Deine Besprechung überzeugt – den Roman möchte ich unbedingt lesen. Es scheinen im Moment gerade die französischen Autoren zu sein, die auf die gesellschaftlichen Probleme verweisen. Vielleicht haben sie schon ein bisschen mehrund länger Erfahrung mit der gespalteten Gesellschaft zwischen Armut und Aussichtlosigkeit der Einwanderer auf der einen Seite und dem Rattenfängertum Marine Le Pens auf der anderen und dazwischen zwei Parteien, die recht planlos mit politischen Gestaltungsmöglichkeiten umgehen. Bei uns sind diese die Einwanderer so deutlich abwertenden Stimmen ja noch recht neu.
    Viele Grüße. Claudia

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