Auf der Suche nach den verlorenen Büchern 1: Finnegan’s List

Im Neuheitenwahn des Literaturbetriebs bleibt häufig übersehen, dass zahlreiche Texte immer noch der Entdeckung und Übersetzung harren. In der ersten Folge einer neuen Serie geht es um ein Projekt, das auf solche Werke aufmerksam machen will: Finnegan’s List.

Es passiert immer wieder: wichtige Bücher aus anderen Sprachen finden ihren Weg nicht ins Deutsche. Dabei sind die deutschsprachigen Verlage sehr übersetzungswillig. Übertragungen aus anderen Sprachen machten 2014 einen Anteil von 12,4 Prozent aller Neuerscheinungen aus. Eine Quote die zwar im bibliophilen Frankreich höher, in den USA aber deutlich niedriger liegt. Dennoch rutschen Bücher durchs Raster und es dauert Jahre, manchmal Jahrzehnte, bis in ihrer sprachlichen Heimat oder international anerkannte Romane übersetzt werden. So erscheint gerade mit „Horcynus Orca“ von Stefano D’Arrigo ein legendärer Roman aus Italien 40 (!) Jahre nach der italienischen Erstausgabe bei S. Fischer. Pierre Guyotats „Grabmal für fünfhunderttausend Soldaten“, ein radikaler, in Frankreich den kompletten Kulturbetrieb spaltender Roman über den Algerienkrieg, musste sogar 47 Jahre warten, bis er ins Deutsche übertragen wurde – der Diaphanes Verlag schloß diese Lücke. Und über den lange unentdeckten Exilrussen Gaito Gasdanow, der seit drei Jahren das deutsche Publikum begeistert obwohl er seine großen Werke in den 1920er und 1930er Jahren verfasste, wurden viele Feuilletonseiten gefüllt.

finnegan 1

Eine Initiative, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, solche zu wenig beachteten und vor allem zu wenig übersetzten Texte ins Lampenlicht zur rücken, nennt sich Finnegan’s List. Sie wurde 2010 von der Europäischen Gesellschaft der Autoren ins Leben gerufen, die sich als transnationales Netzwerk von Autorinnen und Autoren, Übersetzern, Wissenschaftlerinnen und Literaturvermittlern versteht und inzwischen mehr als 500 Mitglieder zählt. Jährlich präsentieren zehn Autorinnen und Autoren jeweils drei Bücher, die ihrer Meinung nach trotz eines hohen literarischen Wertes zu wenig in andere Sprachen übersetzt wurden. Das können aktuelle oder ältere Werke aus den Bereichen Belletristik, Sachbuch, Lyrik oder Drama sein. So entsteht seit 2010 jährlich eine Liste von 30 Titeln, die es zu entdecken gilt. An der Auswahl beteiligten sich bisher so etablierte Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Olga Tokarczuk, Ilma Rakusa, Terézia Mora, Juan Goytisolo, Juri Andruchowytsch, Adam Thirlwell, Mathias Énard, Juli Zeh oder Javier Marías.

Natürlich hat Finnegan’s List eher Verlage und Übersetzerfonds im Visier, die sie auf ihre Vorschläge aufmerksam machen möchten. Und es hat schon geklappt: neben dem schon oben erwähnten Pierre Guyotat wurde vor kurzem „Requiem für die Schuldlosen“ von Louis Calaferte ins Deutsche übersetzt. Den Roman hatte Georges-Arthur Goldschmidt vorgeschlagen, die Übertragung besorgte Dieter Hornig. Obwohl Leserinnen und Leser also nicht die erste Adresse für Finnegan’s List sind, bieten die Vorschläge eine Ahnung davon, welche Schätze noch ungehoben im Meeresboden des europäischen Literaturozeans schlummern.

www.seua.org/finnegans-list-de

schwob

Weiterführend hat der Nederlands Letterenfonds das Schwob-Projekt ins Leben gerufen, seit 2013 wird es als europäisches Projekt weitergeführt, an dem Finnegan’s List teilnimmt. Der Untertitel „The World’s Best Unknown Books“ klingt erstmal großspurig, aber die umfangreiche Website lässt einen tatsächlich in einen versteckten Literaturkosmos eintreten. Wir erfahren etwa, warum der viel zu wenig bekannte Péter Lengyel einen Platz zwischen den zwei anderen „großen Peters“ der ungarischen Literatur verdient hat oder warum Arnon Grünberg ein großer Bewunderer der griechischen Schriftstellerin Melpo Axioti ist. Die Reihe der Buchempfehlungen ist höchst inspirierend und selbst wenn das nach dem französischen Übersetzer Marcel Schwob betitelte Projekt den übersetzungsfaulen anglophonen Literaturmarkt, aber auch kleine Sprachräume wie die Niederlange oder Katalonien ansprechen will, finden sich hier auch für deutschsprachige LeserInnen viele, viele Trüffel.

schwob-books.eu

 

Mit diesem Blogpost möchte ich eine kleine Serie eröffnen, die sich den vergessenen, vergriffenen und nicht übersetzten Büchern widmen soll. In loser Folge sollen Verlagsmenschen und ÜbersetzerInnen ebenso zu Wort kommen wie Leserinnen und Leser. Denn mich würde auch interessieren: welches Buch sollte Eurer Meinung nach endlich ins Deutsche übersetzt werden? Bei welchem Titel wartet Ihr schon lange auf eine Neuauflage? Ich freue mich über Euer Feedback!

 

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7 Gedanken zu „Auf der Suche nach den verlorenen Büchern 1: Finnegan’s List

  1. Schöner Fund und eine Interessante Liste, auf der ja schon ein paar Neuerscheinungen aus Verlagsprogrammen auftauchen. Ich kaufe ganz gerne auch antiquarisch, also macht es mir generell nichts aus, wenn Titel vergriffen sind. Ärgerlich wird es nur, wenn dann die Preise exorbitant hoch sind. Aber dafür gibt es ja auch noch Bibliotheken.

    Es ist schön, wenn Autoren aus ihren Sprachkreisen andere Autoren empfehlen. Dubravka Ugrešić schrieb in einem ihrer Essays einmal über die Mechanismen des Literaturmarktes im Bezug auf kleinere Länder, der keine größere Anzahl an beispielsweise estnischen Schriftstellern „verkrafte“ (Ist schon wieder ein paar Jahre her, aber sinngemäß müsste das in etwa hinkommen). Es ist daher nur begrüßenswert, wenn sich da auch gegenseitig zu (mehr) Sichtbarkeit geholfen wird.

    [„Finnegan’s Wake“ steht übrigens auch noch auf einer Liste…]

    Toll auch die Schwob-Seite, auf der mir gleich Marek Hłasko ins Auge sprang, dessen „Hafen der Sehnsucht“ ich mir mal antiquarisch kaufte. Ebenso Adelheid Duvanel, von der ich mehrere Bücher gelesen habe. Ihre Erzählungen kann ich sehr empfehlen. Zu Marcel Schwob selbst kann ich mir eine kleine Bemerkung nicht verkneifen, da ich auch einige seiner Bücher gelesen habe. So z.B. „Das gespaltene Herz“ (im Elfenbein-Verlag in einer wundervollen Ausgabe erschienen, ebenso der Kinderkreuzzug) oder „Der Roman der zweiundzwanzig Lebensläufe“, will sagen, er war in seinem kurzen Leben nicht nur Übersetzer, sondern auch Schriftsteller. Das Projekt Gutenberg hat zwei seiner Werke verfügbar (http://www.gutenberg.org/ebooks/author/7814)

    Persönlich hatte ich ab und an Ausschau nach „Die Puppe“ von Bolesław Prus gehalten, das nur zu Mondpreisen angeboten wird. Vielleicht leihe ich es mir auch irgendwann mal aus. Ansonsten hätte ich an einer Übersetzung von „Music-Hall!“ des leider 2013 verstorbenen Gaétan Soucy Interesse, da ich die anderen Bücher toll fand. Es gibt allerdings auch schon eine englische Übersetzung, verzichten müsste ich jedenfalls nicht. Bei Eric Chevillard hatte ich mir die englischen Übersetzungen geholt, mittlerweile (2013) ist “Krebs Nebel” auf deutsch bei Diaphanes erschienen.
    Ich habe noch ganze Listen mit Titeln, die mich rein vom Thema her interessieren, auf die ich über Filme oder um weitere Ecken aufmerksam wurde. Von der literarischen Qualität dieser Werke weiß ich meist jedoch relativ wenig. Manchmal muss ich auch wieder nachforschen, warum ich mir einen Namen notiert habe. :-))

    Ich bin gespannt auf Deine neue Serie, da wird es sicherlich vieles zu entdecken geben.

    Viele Grüße!

    1. Vielen Dank für Deinen ausführlichen und inspirierenden Kommentar! Da steckt ja eine Liste von Autorinnen und Autoren drin, die ihre eigene Artikelserie ergeben würde. Mir selbst war nur Gaéton Soucy mit seinen Büchern bei Matthes & Seitz ein Begriff. Ich habe mir gleich mal Eric Chevillard und Marek Hlasko notiert für mich und die anderen Namen für die Serie. Als letzten Teil würde ich aus allen Leserkommentaren gerne die „Liste der verlorenen Bücher“ zusammenstellen und die dann an Verlage weiterreichen – mal sehen, ob es dann Reaktionen gibt.

      Herzliche Grüße
      Tobias

  2. Lieber Tobias,

    herzlichen Dank für den tollen Beitrag zu Finnegan’s List und Schwob! Wir freuen uns immer wieder, wenn die Vorschläge ein breites Publikum finden. Und natürlich sind wir auch gespannt auf Deine neue Serie über vergessene, vergriffene, nicht ausreichend übersetzte Bücher! Ein neuer Verlag in Deutschland widmet sich übrigens dieser Thematik: der Guggolz Verlag in Berlin.
    Zwei ganz kleine Korrekturen zum Artikel: das Schwob-Projekt wurde vom Nederlands Letterenfonds ins Leben gerufen und seit 2013 ist es ein europäisches Projekt, an dem Finnegan’s List teilnimmt (u.a. mit Autorenveranstaltungen in ganz Europa, und wir fragen die Jurymitglieder moderne Klassiker vorzuschlagen).
    Und Melpo Axioti ist eine griechische Schriftstellerin, die von Christos Chrissopoulos für Finnegan’s List empfohlen wurde (beide sind leider noch nicht ins Deutsche übersetzt, aber ins Französische).
    Arnon Grünberg hat auf einer gemeinsamen Veranstaltung in Amsterdam eine Crowdfundingkampagne ins Leben gerufen, um die Übersetzung dieses Titels zu unterstützen.
    Arnon Grünberg hat übrigens Marek Hlasko für Finnegan’s List empfohlen, dank seiner Unterstützung erscheint in den Niederlanden im Frühjahr eine neue Übersetzung mehrerer Novellen (u.a. Die zweite Ermordung des Hundes).
    Und wir empfehlen natürlich die Lektüre der deutschen Übersetzung von Louis Calaferte, Requiem für die Schuldlosen – ein großartiges Buch in einer ganz tollen Übersetzung!
    Danke nochmals für den beitrag, wir sind gespannt auf die Fortsetzungen und freuen uns, immer wieder neue Interessierte an unseren Projekten zu treffen.
    Herzlich,
    die Europäische Gesellschaft der Autoren

    1. 1000 Dank für den anmerkungsreichen Kommentar und die Korrekturen, die ich gleich übernommen habe. Der Guggolz Verlag steht auch auf meiner Liste und wird sicher in der Serie auftauchen. Ich schicke außerdem den Dank zurück für Finnegan’s List, das Engagement und die Inspiration!
      Herzliche Grüße
      Tobias

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