Lagos, die Untreue

Nach seinem erfolgreichen New York-Roman „Open City“ hat Teju Cole sein Debüt „Jeder Tag gehört dem Dieb“ überarbeitet, erstmals erscheint der Reiseroman nun auf Deutsch. Es ist ein wütendes und pessimistisches Buch über die nigerianische Metropole Lagos.

Fünfzehn Jahre lang hat der Icherzähler es vermieden, in sein Geburtsland Nigeria zurückzukehren und als er sich entschließt, den Flug nach Lagos anzutreten, fällt ihm schnell wieder ein, warum dem so ist. Denn die Ausstellung eines Visums beim Konsulat stellt sich als äußerst schwierig heraus – bis ein paar Geldscheine den Besitzer wechseln und den Vorgang beschleunigen. Es ist eine bittere Pointe gleich zu Beginn dieses Buches, dass den Autor der Geist Nigerias bereits auf New Yorker Boden einholt. Noch vor dem Abflug tritt die erste Ernüchterung ein und die Ahnung: wenig wird sich verändert haben.

In Lagos angekommen, begegnet dem Erzähler die Korruption auf Schritt und Tritt. Am Flughafen oder bei Verkehrskontrollen halten alle die Hand auf, die Frage „Haben Sie zufällig etwas für mich?“ ist noch die harmlosere Variante. Die überall vorhandenen Hinweisschilder auf ein Regierungsprogramm gegen Bestechung sind Makulatur, die Einheimischen haben die nötigen Schmiergelder längst in ihre Haushaltsausgaben eingeplant. Alltag in der größten Metropole des afrikanischen Kontinents.

Der Icherzähler bewegt sich als Privilegierter durch Lagos. Er lebt bei seiner wohlhabenden Tante, die in Charity-Projekten aktiv ist, gleichzeitig voller Vorurteile auf die ärmeren Schichten herabschaut und nur über ihre Leiche mit einem Danfo, dem ortsüblichen Minibus-Taxi, von A nach B fahren würde. „Viel zu gefährlich.“ Doch genau da will der Erzähler hin. Er will sich rückversichern, ob das Fastfood aus den explosionsartig gewachsenen Franchise-Restaurants immer noch so fettig schmeckt wie in seiner Jugend. Er will den Yahoo-Yahoos über die Schulter blicken, jungen Männern, die von Internet-Cafés aus mit gefälschten E-Mails durch Vorkassebetrug an Geld zu kommen versuchen. Er will die Märkte aufsuchen, wo er viele Stunden seiner Jugend verbracht hat. Und er begegnet auf Schritt und Tritt einer großen Frömmigkeit, mal in der Form christlicher Freikirchen, mal im Sinne eines strengen Islam. Hier werfen die religiösen Spannungen und das Aufkommen der Boko Haram schon ihre Schatten voraus.

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Wie in seinem großen Erfolg, dem wunderbaren New York-Roman „Open City“, lässt Teju Cole auch in „Jeder Tag gehört dem Dieb“ einen Flaneur durch die Großstadt wandern. Einen Flaneur, der aber – und auch hier gibt es Parallelen zu „Open City“ – keineswegs grundsympathisch ist. Beim Betrachten der Exponate im vollkommen vernachlässigten National Museum von Lagos mischt sich unter die berechtigte Sorge um die Überlieferung afrikanischer Geschichte eine schnöselige Besserwisserei und einem hoffnungsfrohen Laufburschen, der selbst gerne das Land in Richtung USA verlassen würde, verwehrt der Icherzähler seine Unterstützung. Wir sehen die Millionenstadt Lagos durch die Augen eines Menschen der Ersten Welt, der emotional an seiner alten Heimat hängt, sie aber nicht mehr begreifen, nicht mehr verstehen kann. Oder will. Einer, der den Absprung geschafft hat, einer, der wieder zurückkehren darf in Wohlstand und Sicherheit.

Teju Cole. Die Schwarz/weiß-Fotografien im Text entstammen dem besprochenen Roman.
Der Schriftsteller Teju Cole. Die Schwarz/weiß-Fotografien auf dieser Seite sind von ihm und entstammen dem besprochenen Roman.

Verständlich ist die Wut, die den jungen Mann befällt angesichts von Korruption und allnächtlichem Stromausfall. Aus der Beobachterrolle kommt er aber kaum heraus. Obwohl er aus „ihrer Mitte“ stammt, bleibt sein Blick auf die Menschen distanziert. „Jeder Tag gehört dem Dieb“ ist wie ein Tagebuch aufgebaut, es basiert auf Blogbeiträgen, die Teju Cole, der selbst aus Nigeria stammt und seit gut 20 Jahren in den USA lebt, vor einigen Jahren während eines Aufenthalts in Lagos verfasste. Wer „Open City“ kennt, dürfte über den geringen Reflexionsgrad dieser Großstadtbeobachtungen erstaunt sein. Fast scheint es, als gingen dem Autor selbst die Erklärungen für das Gesehene und Erlebte aus. Nicht zu fassen, dieses Afrika! Die jahrzehntelang gepflegten Klischees also, schick neu verpackt durch den hippen Starautor, den klugen Afropolitan aus NYC? Ist wirklich alles so furchtbar oder gäbe es nicht auch Dinge, die wir von den Menschen in Nigeria lernen könnten?

Illustriert wird der Text durch zahlreiche Fotografien des Autors. Es sind Aufnahmen, die in vielen Fällen beiläufig, wie aus der Hüfte geschossen wirken. Texturen geben erst beim genaueren Hinsehen den Blick frei auf unerhörte Ereignisse oder die Tristesse des Alltags. Anders aber, wenn Teju Cole mit der Kamera Personen portraitiert. Der bohrende Blick und die stolze Haltung lassen diese jungen Menschen wie Straßenheilige erscheinen. Es sind Fotografien voller Würde und Glamour. Sie transportieren Solidarität mit den Menschen von Lagos, eine Empathie, die im Text zwischen all der berechtigten Wut und Sorge oft zu kurz kommt.

Der Icherzähler verlässt Lagos mit vielen Fragen und wenigen Antworten. Lagos, die Untreue, die Chaotische, die Brutale. Eine enttäuschte Liebe. Die Stadt sträubt sich schlicht, so zu sein, wie es der junge Reisende gerne hätte. Den Schriftsteller Teju Cole lässt die alte Heimat aber nicht los. Er arbeitet bereits an einem weiteren Buch über Lagos, Non-Fiction diesmal und – wie er schon angekündigte – mit einer Perspektive in die Zukunft. Die ist er uns nach „Jeder Tag gehört dem Dieb“ auch schuldig.

Teju Cole. Jeder Tag gehört dem Dieb. Roman. Aus dem Englischen von Christine Richter-Nilsson. Mit Fotografien des Autors. 176 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Verlag Hanser Berlin 2015. 18,90 €.

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