Auf der Suche nach den verlorenen Büchern 2: der Guggolz Verlag

Mit seinem auf nordische und osteuropäische Autoren spezialisierten Programm hat der Guggolz Verlag schon nach einer Saison den Ruf einer Topadresse für literarische Wiederentdeckungen. Verleger Sebastian Guggolz verrät im Interview, wie er die Titel auswählt und warum um Neuübersetzungen häufig kein Weg herum führt.

Im Herbst 2014 debütierte der Guggolz Verlag mit einem aus nur zwei Romanen bestehenden Herbstprogramm – und steht schon jetzt bei vielen Freundinnen und Freunden literarischer Entdeckungen ganz oben auf der Liste der spannenden Verlage. Denn hier sind sie zu finden, die „verlorenen“ Bücher! Guggolz kümmert sich um ost- und nordeuropäische Literatur des 20. Jahrhunderts, neben großen Literaturnationen wie Russland sind Länder dabei, die kaum ein Verlag im Portfolio führt: Estland, Weißrussland oder die Färöischen Inseln. Teilweise sind es Erstübertragungen ins Deutsche, bei bereits erschienenen Texten wird zudem eine Neuübersetzung vorgenommen. Und dann sorgt der in Berlin ansässige Verlag auch noch für eine zeitgemäße, sorgfältige Buchgestaltung, die den Texten schon rein optisch die Aura des Angestaubten nimmt.

Zur Leipziger Buchmesse erscheint nun das zweite Programm, wieder nur mit zwei Titeln, denn Verleger Sebastian Guggolz will es langsam angehen lassen. Wie sich die Verlagsarbeit für die literarischen Schätze seines Programms gestaltet und welche AutorInnenfiguren hinter den veröffentlichten Titeln stecken, verriet mir Sebastian Guggolz in einem Interview.

Libroskop: Du warst vor der Gründung Deines eigenen Verlages Lektor bei Matthes & Seitz Berlin. Hast Du dort bereits nach vergriffenen und nicht übersetzten Büchern geforscht? Welche Titel hast Du dort betreut?

Sebastian Guggolz: Matthes & Seitz Berlin ist ja auch ein verhältnismäßig kleiner Verlag, zumindest was das Personal angeht, deshalb habe ich dort in allen Bereichen lektoriert – also von wissenschaftlichem Sachbuch über Essays bis zu Prosa und auch Lyrik. Die Neu- oder Wiederentdeckungen haben es mir aber immer schon angetan. Bei Matthes & Seitz gab es da zum Beispiel die »Erzählungen aus Kolyma« von Warlam Schalamow, »Rue de Malefices« von Jacques Yonnet, »Luftschnappen war sein Beruf« von Georges Perros oder auch natürlich nicht zu vergessen die einzigartigen »Erinnerungen eines Insektenforschers« von Jean-Henri Fabre. Das waren Highlights in meiner Arbeit. Explizit danach geforscht habe ich aber nicht, das war kein Programmschwerpunkt.

Der Verleger Sebastian Guggolz. Foto: Alena Schmick
Der Verleger Sebastian Guggolz. Foto: Alena Schmick

Mit Deinem eigenen Verlag hast Du Dich auf Autorinnen und Autoren aus Nord- und Osteuropa festgelegt. Warum sind diese Regionen für Dich von besonderem Interesse?

Der Osten ist besonders interessant, da wir von dort immer noch kein umfassendes Bild haben und es nach wie vor eine Fülle an Autoren zu entdecken gibt, die während der Sowjetherrschaft keine Stimme hatten. Außerdem sind die politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts außerordentlich spannend, und entsprechend auch die Literatur aus der Zeit.

Für Klassiker und vergessene Bücher aus Skandinavien interessieren sich so wenig Verlage – ich persönlich dafür umso mehr. Knut Hamsun zum Beispiel war schon immer einer meiner Lieblingsautoren. Es gibt viel in Skandinavien so viel mehr an Literatur als nur Krimis, das ist bloß leider in Deutschland nicht so breit bekannt.

Ich vermute jetzt einfach mal, dass Du nicht alle Sprachen, aus denen Du die Bücher übersetzen lässt (u. a. Weißrussisch und Färöisch), selbst sprichst. Wie informierst Du Dich über die in Frage kommenden Bücher? Wie verschaffst Du Dir einen Eindruck über ihren literarischen Wert?

Ich habe schon immer sehr gerne und sehr viele antiquarische Bücher gelesen. Seit ich nun den Verlag mache, hat sich das Lesepensum noch weiter erhöht. Und gerade aus Nord- und Osteuropa gibt es enorm viele Bücher, die entweder schon vor dem Zweiten Weltkrieg veröffentlicht wurden oder auch in den Sechziger-, Siebzigerjahren in der DDR. S. Fischer hat zum Beispiel vor dem Zweiten Weltkrieg einige tolle Skandinavier im Programm gehabt, die man heute kaum noch kennt. Und in der DDR gab es viele beeindruckende Bücher aus Russland und Osteuropa – gar nicht nur, wie man denken könnte, stromlinienförmige Literatur. Ganz im Gegenteil, man kann es manchmal gar nicht glauben, was die Lektoren und Übersetzer alles an der Zensur vorbeischmuggeln konnten. Wahre Schätze liegen in den Antiquariaten! Zum Beispiel »Großwäscherei Phönix« von Andor Endre Gelléri, der in meinem Verlag im Herbst 2015 neu übersetzt herauskommt. Oder die durchweg bewundernswerten Romane des estnischen Klassikers Anton Hansen Tammsaare.

Es gab aber auch erstaunlich viele Bücher aus Nordeuropa in der DDR. »Ein Flüchtling kreuzt seine Spur« des norwegischen Autors Aksel Sandemose oder »Roman einer Verwüstung« von dem dänischen Autor Tom Kristensen zum Beispiel. Ganz fantastische, große Romane, die es meines Wissens in Westdeutschland gar nie gab.

Was den literarischen Rang oder Wert betrifft, verlasse ich mich ganz auf mein Gespür. Wenn ich etwas großartig und begeisternd finde, warum sollte das anderen dann nicht auch so gehen?

Dein bisheriges Verlagsprogramm bezieht sich auf das frühe 20. Jahrhundert. Ist es Zufall, dass keine Bücher aus den letzten 50 Jahren darunter sind?

Nein, bisher hat mich die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts einfach mehr gereizt. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass ich das irgendwann ausweite auf die zweite Hälfte. Da gibt es natürlich auch jede Menge vergessener aber lesenswerter Autoren und Bücher.

Der erste Roman, der bei Guggolz veröffentlicht wurde, ist „Frommes Elend“ von Frans Eemil Sillanpää. Mir kam es wie der ideale Starttitel vor: der einzige finnische Literaturnobelpreisträger zum Buchmesseschwerpunkt Finnland, da war Aufmerksamkeit vorprogrammiert. War Dir klar, dass Du damit eine Lücke füllen würdest, die scheinbar kein anderer Verlag zum Buchmesseschwerpunkt besetzen wollte?

Das ist in der Tat ein großer Glücksfall für mich gewesen. Ich konnte es auch nicht glauben, als ich erfahren habe, dass sich kein deutscher Verlag für Sillanpää interessierte. Aber mal ehrlich: Kaum jemand hat Sillanpää vorher gekannt! Ich hatte die antiquarisch verfügbaren Bücher von Sillanpää gelesen, auch die alte Übersetzung von »Frommes Elend« von Edzard Schaper, die er vermittelt über das Schwedische angefertigt hatte. Und war so begeistert, dass ich Sillanpää unbedingt neu herausbringen und übersetzen lassen wollte. Dass dann alles so gut geklappt hat, war auch für mich eine positive Überraschung.

Planst Du die Veröffentlichung weiterer Titel von Frans Eemil Sillanpää?

Ja, schon bald wird es eine an »Frommes Elend« anschließende Erzählung geben, eine Art Sequel, wie man das bei Filmen nennt. Ein kleiner Liebesroman, der die Lebensgeschichte der Tochter Hiltu weiterverfolgt, die in »Frommes Elend« als Hausmädchen in die Stadt geht, und von der man dann nur noch erfährt, dass sie tragischerweise ins Wasser gegangen ist. In »Hiltu und Ragnar« wird erzählt, was ihr in der Stadt widerfahren ist. Diesen Roman gab es übrigens noch nie auf Deutsch, es wird also eine deutsche Erstausgabe.

Der zweite Starttitel ist „Zwei Seelen“ von Maxim Harezki, ein Roman der weißrussischen Literatur aus dem Jahr 1919. Soweit ich weiß ist die Literatur in Belarus immer wieder durch kulturelle Gleichschaltung während der Sowjetzeit, aber auch durch Zensur nach dem Ende des Realsozialismus bedrängt worden. Welchen Stellenwert hat „Zwei Seelen“ für die belarussische Literatur?

Der leider verstorbene Übersetzer Norbert Randow hielt »Zwei Seelen« für den wichtigsten weißrussischen Roman des 20. Jahrhunderts. Es ist ein Text, der eher untergründig gewirkt hat, wie mir scheint. Weißrussische Intellektuelle kennen den aber alle, und beziehen sich auch auf Harezki. Der Roman ist so außergewöhnlich, weil er einen Blick aus dem Inneren und in das Innere der Revolution gewährt. Harezki schreibt nicht retrospektiv über seine historischen Erlebnisse, er schreibt vielmehr sozusagen an den Ereignissen entlang, zeitgleich, und beschreibt seine Orientierungslosigkeit und die Ausgeliefertheit während der Revolutionszeit, ohne abschließendes Urteil.

Zwei Seelen“ wurde erstmals ins Deutsche übertragen. War es schwierig, einen adäquaten Übersetzer für das Buch zu finden?

Bei »Zwei Seelen« gab es den ungewöhnlichen Fall, dass die Übersetzung zu mir gefunden hat. Norbert Randow hat mit seiner Schwester, Gundula Tschepego, und deren Mann, Wladimir Tschepego, diesen Roman aus eigenem Antrieb schon übersetzt gehabt. Er wollte ihn am allerliebsten bei Suhrkamp veröffentlicht sehen, dort bei der zuständigen Lektorin, Katharina Raabe, lag das Manuskript. Mit Katharina Raabe habe ich mich getroffen, um ihr von meinen Verlagsplänen zu erzählen. Da schlug sie mir vor, mir »Zwei Seelen« mal anzuschauen. Sie hat es bei Suhrkamp nicht geschafft, das Buch ins Programm zu bringen – was mein Glück war!

Bei Guggolz im Programm: Maxim Harezki, Michail Prischwin, Heðin Brú, Frans Eemil Sillanpää, Anton Hansen Tammsaare (von links nach rechts)
Bei Guggolz im Programm: Maxim Harezki, Michail Prischwin, Heðin Brú, Frans Eemil Sillanpää, Anton Hansen Tammsaare (von links nach rechts)

Im diesjährigen Frühjahrsprogramm findet sich ein weiteres Land, aus dem nur selten literarische Werke ihren Weg nach Deutschland finden: die Färöischen Inseln. Heðin Brú heißt der Autor des Romans „Vater und Sohn unterwegs“, der im Original 1940 erschien. Färöer hat nur 50.000 Einwohner. Was macht die dortige Literatur aus und welche Rolle spielt Heðin Brú für sie?

Die literarische Tradition der färöischen Sprache reicht nicht besonders weit zurück. »Vater und Sohn unterwegs« ist einer der ersten Romane, die überhaupt auf Färöisch geschrieben wurden. Färöisch war lange Zeit nur gesprochene Sprache, die Färöer waren vom Dänischen dominiert. Klaus Böldl, den ich für ein Nachwort für das Buch gewinnen konnte, beschreibt das sehr schön, wie sich Färöisch selbst in der Kirchenkanzel erst sehr spät durchgesetzt hat. Heðin Brú ist für das Färöische als Literatursprache eine zentrale Figur, er hat auch Weltliteratur ins Färöische übersetzt, z.B. Knut Hamsun, Dostojewskij, aber auch Märchen der Gebrüder Grimm. Das Färöische ist eine sehr ländliche, alltagsnahe Sprache. Das merkt man, bilde ich mir ein, dem Roman auf Deutsch auch an, es ist eine eigenartige, aber sehr bildstarke Sprache. Auf den Färöern wurde »Vater und Sohn unterwegs« zum größten färöischen Roman des 20. Jahrhunderts gewählt, was die Bedeutung des Romans unterstreicht.

In den 1960er Jahren ist „Vater und Sohn unterwegs“ unter anderem Titel schon einmal auf Deutsch erschienen. Warum hast Du Dich zu einer Neuübersetzung entschlossen?

Weil die Übersetzung aus dem Dänischen vorgenommen wurde. Das ist häufig der Fall gewesen, dass kleine Sprachen vermittelt über eine dritte Hilfssprache übersetzt wurden. Man kennt das von dem Kinderspiel »Stille Post« – was da alles zwangsläufig verloren geht! Dass es diese alte Übersetzung gab, hat mir erst ermöglicht, das Buch lesen zu können. Aber wenn man nun die beiden Übersetzungen vergleicht, sieht man, dass da doch stark geglättet wurde und dass das Färöische viel widerborstiger und störrischer ist: ganz wie die Charaktere des Buches. Ich wollte das unbedingt aus dem Färöischen direkt übersetzen lassen, um eben all diese sprachlichen Verluste, die bei Übersetzungen nun mal in der Natur der Sache liegen, so gering wie möglich zu halten.

Vielleicht kannst Du uns anhand dieses Titels einen kurzen Einblick geben: was sind die schwierigsten Aspekte einer Neuübersetzung? Spielen z. B. die Veröffentlichungsrechte der alten Ausgabe eine Rolle? Können Neuübersetzungen/Neuauflagen generell daran scheitern, dass ein deutscher Verlag, der den gleichen Titel früher im Programm hatte, noch Lizenzrechte besitzt?

Wenn ein Autor noch keine 70 Jahre tot ist (und somit urheberrechtsfrei), dann muss man als erstes die Rechteinhaber ausfindig machen. Das sind meist Nachkommen oder der Originalverlag des Autors. Das kann natürlich bei dem einen oder anderen Autor auch mal kompliziert sein. Wenn es mal eine frühere deutsche Übersetzung gab, diese aber nicht mehr lieferbar ist, besitzt der deutsche Verlag in der Regel keine Rechte mehr. Man sieht das an Saint-Exupéry, dessen »Kleiner Prinz« z. B. immer lieferbar gehalten wurde, weshalb kein anderer Verlag eine Übersetzung machen konnte, solange die Urheberrechte noch galten.

Neuheiten zur Buchmesse, frisch aus der Druckerei... Foto: Guggolz Verlag
Guggolz-Neuheiten zur Buchmesse, frisch aus der Druckerei… Foto: Guggolz Verlag

Der irdische Kelch“ ist ein eher unbekannter Text des russischen Schriftstellers Michail Michailowitsch Prischwin, der vor allem durch Naturbeschreibungen bekannt wurde. Der Text ist für Prischwin ungewohnt politisch und hätte die Zensur im sowjetischen Russland nicht passiert, weshalb er erst später veröffentlicht wurde. Von Prischwin sind etliche Werke ins Deutsche übertragen wurden. Kannst Du Dir erklären, warum „Der irdische Kelch“ nicht dabei war?

Die letzte deutsche Übersetzung von Prischwin liegt schon einige Zeit zurück, das war ein sehr schöner Band im Manesse-Verlag mit »Meistererzählungen«, den Ilma Rakusa 1988 übersetzt hat. »Der irdische Kelch« ist erst 1979 in Russland veröffentlicht worden, die hauptsächlichen Übersetzungen in der DDR wurden deutlich früher veröffentlicht. Man kannte den »Irdischen Kelch« also schlichtweg noch gar nicht. Prischwin hat auch ein herausragendes Tagebuchwerk hinterlassen, das derzeit in Russland ediert wird – das ist fast mit Klemperer vergleichbar, Prischwin hat über 50 Jahre hinweg heimlich Tagebuch geführt und die gesellschaftlichen Veränderungen unglaublich feinnervig protokolliert. Ein herausragendes Dokument.

Auf der Verlags-Facebookseite hast Du bereits eine Neuheit für 2016 angekündigt, einen Roman des estnischen Autors Anton Hansen Tammsaare, ebenfalls eine Erstübersetzung. Scheint so, als hättest Du schon weitreichende Pläne für das Verlagsprogramm. Wie lang ist denn Deine Wunschliste?

Oh, die hat natürlich kein Ende, die Wunschliste! Bis zum Herbst 2016 ist schon alles belegt mit Titeln. Unter anderem wird es dann auch eine erste Autorin geben – das war mir wichtig, dass es kein reiner Männerverlag wird. Aber für die Zeit danach habe ich noch Spielraum. Den will ich mir aber auch behalten, sonst würde es ja langweilig!

Gibt es bei all den Bemühungen auch Titel, die Du gerne verlegen würdest, „Traumbücher“, bei denen aber eine geplante Veröffentlichung bisher scheiterte?

Es gab einen russischen Autor, den ich ganz toll finde, bei dem ich dann endlich die Rechteinhaber ausfindig gemacht habe (es war der französische Verlag) – um zu erfahren, dass sich kurz zuvor ein anderer deutscher Verlag die Rechte gesichert hatte. 

Um welchen Autor es sich dabei handelt, das wollte Sebastian Guggolz allerdings nicht verraten. An dieser Stelle nochmals vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für die weitere, ambitionierte Verlagsarbeit!

Im Netz ist der Guggolz Verlag unter http://www.guggolz-verlag.de zu finden.

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