Auf der Suche nach den verlorenen Büchern 3: Louis Calaferte

Verloren und wiedergefunden: erstmals liegt das Romandebüt von Louis Calaferte auf Deutsch vor. „Requiem für die Schuldlosen“ schildert Kindheit und Jugend des Autors in einem Armenviertel von Lyon. Ein Roman, der von Sehnsucht und Überlebenswillen in einer hoffnungslosen Umgebung erzählt.

Es sind verschlungene Wege, auf denen dieser Roman über sechzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung den Weg zu einem deutschen Publikum findet. Der deutsch-französische Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt ist ein Bewunderer des Franzosen Louis Calaferte. Er empfahl daher Calafertes Debütroman „Requiem für die Schuldlosen“ für die Finnegan’s List der Gesellschaft Europäischer Autoren, eine jährlich erscheinende Liste mit vergriffener oder wenig übersetzter Literatur (hier mein Beitrag über die Liste). So wurde der Verlag Diaphanes auf das Buch aufmerksam und entschloss sich zu einer Übersetzung, die nun vorliegt.

Happy End für einen Text, der in Frankreich zu den Klassikern der Nachkriegsliteratur zählt. Damit ist „Requiem für die Schuldlosen“ der erste Roman Calafertes und seit der Suhrkamp-Ausgabe der Prosatextsammlung „No Man’s Land“ von 1966 das zweite Buch von ihm überhaupt, das auf Deutsch erscheint. In diesem Erstling beschreibt Louis Calaferte, der 1928 in Turin geboren wurde, seine Kindheit und Jugend unter den Ärmsten der Armen in einem Vorort von Lyon in den 1930er und 1940er Jahren.

„Es begann am Arsch der Welt“, dieser Satz steht am Anfang dieses Textes und tatsächlich ist diese Lebenswelt, die Calaferte „Zone“ nennt, alles andere als behaglich. Die Menschen leben in heruntergekommenen Häusern und Baracken, überall türmt sich der Müll, selbst in den vom Kleiderhändler Ledernacht angebotenen Waren tummelt sich das Ungeziefer. Die Armensiedlung vor den Toren Lyons wirkt wie ein Dorf aus dem Mittelalter, das 20. Jahrhundert scheint hier noch nicht begonnen zu haben. Wer von hier kommt, hat kaum Chancen auf Bildung oder einen geregelten Beruf, von einer „Karriere“ ganz zu schweigen. Eine Endstation der Gesellschaft, deren Trostlosigkeit sich dem jungen Louis schnell eröffnet:

Wir wurden mitten in diesen Hochofen hineingeboren und trugen schon in den ersten Monaten seine Maßlosigkeit und seine ständige Raserei in uns. Darüber hinaus wussten wir nichts von der Außenwelt und ihren Sitten.

Gaunereien und Kleinkriminalität gehören in der „Zone“ zum Alltag. Geld ist wenig da, aber der Alkohol fließt in Strömen. Er ist, wie Calaferte schreibt, „die Hostie der Armen“. Ob es des Alkohols bedarf, damit sich die körperliche Gewalt Bahn brechen kann, oder ob sie sich anhand der Lebensverhältnisse anstaut, spielt keine Rolle. Schlägereien und Misshandlungen sind an der Tagesordnung, in den Familien, auf offener Straße, zwischen Feinden und Freunden. Häufig werden diejenigen, die durch körperliche Gebrechen, Behinderung oder andere Alleinstellungsmerkmale auffallen, zu bevorzugten Opfern. Und wenn einmal nicht die Fäuste fliegen, scheint das ganze Viertel einer grenzenlosen Promiskuität zu frönen. Zu Akkordeonklängen verlustieren sich die Pärchen in den mit Stroh ausgelegten Güterwaggons auf einem nahe gelegenen Abstellgleis.

Louis Calaferte (1928 -  1994)
Louis Calaferte (1928 – 1994)

Die Körperlichkeit, die sich immer wieder in Gewalt und Sex entlädt, verleiht dem Lebensumfeld des jungen Louis in dieser physischen Unmittelbarkeit etwas Faszinierendes. Menschliche Abgründe und ungebremste Vitalität liegen dicht beieinander. Calaferte weiß diese Ambivalenz mit seiner schlichten, kraftvollen Prosa kongenial einzufangen. Selbst in den düstersten Bildern funkelt eine grausame poetische Schönheit. Dem Wahn des Armenghettos aber wäre der junge Calaferte lieber heute als morgen entflohen. „Wir waren nur kleine, bösartige Tiere“ wird er später über sich und seine Mitmenschen in der „Zone“ schreiben.

Eine Chance zur Veränderung zeichnet sich ab, als Louis nach einer Straftat dazu verdonnert wird, die Schule im nahe gelegenen bürgerlichen Stadtteil zu besuchen – sehr zum Entsetzen der reichen Eltern, die dort ihre Kinder hinschicken. Der Jugendliche lernt den Schulleiter Lobe kennen, einen intellektuellen Lebemann, belesen und weltgewandt, der abends trotz seines abstoßenden Äußeren als Weiberheld durch die Cafés Lyons zieht. Louis schließt Freundschaft mit Lobe, der selbst aus einfachsten Verhältnissen stammt und zu einem väterlichen Ratgeber wird. Bei ihm kann der Junge seine Sehnsucht nach einem anderen Leben äußern. Später wird er dankbar auf den Beistand des Lehrers zurückblicken:

Lieber alter Lobe. Was hast Du nicht alles unternommen, um uns davon zu überzeugen, dass die Gemeinschaft uns erwartete und uns nicht diskriminieren würde. (…) Du warst der einzige, der unsere Geheimnisse erraten hat.

Nicht der Romantext, sondern das Nachwort von Übersetzer Dieter Hornig berichtet davon, wie Louis Calaferte tatsächlich die Flucht aus dem Armenghetto seiner Jugend und Kindheit gelang. Er ging 1947 nach Paris, nahm Schauspielunterricht und wurde an Theatern engagiert. Ab Mitte der 1950er Jahre wurden von ihm verfasste Stücke aufgeführt, zeitweise wurde er zu einem der meistgespielten Dramatiker Frankreichs. Der Roman „Requiem für die Schuldlosen“ entstand, nachdem Calaferte ein Konvolut von 600 Seiten dem Schriftsteller und Reporter Joseph Kessel vorlegte, der Calaferte beriet. Mit Kessels Hilfe kürzte er das Manuskript auf gut 200 Seiten, der Roman ist dem Mentor gewidmet. Louis Calaferte veröffentlichte in der Folge zahlreiche Gedichte und Erzählungen, verfasste erotische Romane im Geiste eines Henry Miller und arbeitete jahrzehntelang als Autor für den Rundfunk.

calaferte beide

Als „Requiem für die Schuldlosen“ 1952 in Frankreich erschien, stiess der Roman auf großes Wohlwollen in der literarischen Szene. Anders als heute war in den 1950er und 1960er Jahren die Beschäftigung mit den Armen und Ungebildeten nichts Ungewöhnliches für Intellektuelle. Pier Paolo Pasolini lernte in den Vororten Roms die örtlichen Dialekte und verewigte das Subproletariat in seinen frühen Romanen und Filmen. Jean Genet schrieb über Prostituierte, Homosexuelle, Gefängnisinsassen und Zuhälter. Die Gosse und der Knast waren für Genet Orte, an denen sich die Tragödien der menschlichen Existenz abspielten. Sowohl Genet als auch Pasolini waren nicht davor gefeit, diese Welt der Unterprivilegierten zu idealisieren, und dennoch bewirkte ihre Empathie, dass sich auch das Bildungsbürgertum mit den benachteiligten Gesellschaftsschichten auseinandersetzen musste. Wie steht es damit heute? Würde ein Talent wie Louis Calaferte heute noch einmal die selbe Chance bekommen? Ist das Lumpenproletariat aus Calafertes Lyoner Vorstadt so weit entfernt von den Banlieues der Gegenwart? Neben den immensen literarischen Qualitäten macht das Aufwerfen solcher Fragen „Requiem für die Schuldlosen“ im Hier und Jetzt relevant und damit zu einer Wiederentdeckung, für die wir dankbar sein sollten.

Louis Calaferte. Requiem für die Schuldlosen. Roman. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Dieter Hornig. 192 Seiten, gebunden. Verlag Diaphanes 2015. 18,95 €.

P.S. im Übrigen wäre es schön, wenn sich Suhrkamp zu einer Neuauflage von „No Man’s Land“ entschließen könnte oder ein anderer Verlag diese „mephistophelischen Meditationen“ wieder herausbringen würde. Momentan ist der Band allerdings relativ problemlos antiquarisch erhältlich, z. B. hier.

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3 Gedanken zu „Auf der Suche nach den verlorenen Büchern 3: Louis Calaferte

  1. Danke für diesen Tipp! No Man´s Land fand ich seltsam schmerzhaft zu lesen, trotzdem landet es immer wieder einmal in meinen Händen, irgendetwas an der Schädelkantate bewirkt, dass der Stich nachhaltig wirkt. Ich bin sehr gespannt auf das Requiem für die Schuldlosen!

    1. Vielen Dank für Dein Feedback. Aus No Man’s Land habe ich nur den ersten Text gelesen, die anderen werden bald folgen, denn diesen assoziativen, aufwühlenden Schreibstil fand ich – ebenso wie Requiem für die Schuldlosen – wahnsinnig beeindruckend.
      Herzliche Grüße, Tobias

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