Auf der Suche nach den verlorenen Büchern 4: Michel Butor

Michel Butors „Paris – Rom oder Die Modifikation“ ist ein bemerkenswerter Roman, der dringend einer Neuauflage bedarf. Auf der ersten Seite steigt ein Mann in einen Zug, auf der letzten Seite entsteigt er diesem wieder. Dazwischen liegen gut 18 Stunden Fahrt, die er fast ausschließlich in seinem Abteil verbringen wird. Und dennoch wird er am Ende der Reise ein anderer sein.

Die Fahrt mit dem Zug von Paris nach Rom ist für den Reisenden an sich nichts besonderes. Als Niederlassungsleiter eines italienischen Schreibmaschinenherstellers hat er die Strecke schon häufig zurückgelegt. Aber diesmal ist etwas anders. Ganz ohne beruflichen Auftrag will er seine Geliebte besuchen, um ihr zu eröffnen, dass er sie nach Paris holen will, weil er seine Frau und seine Kinder verlassen wird.

Auf der Fahrt reflektiert er das Scheitern seiner Ehe. Seine Frau Henriette ist gefangen in einem ritualisierten Alltag, für ihn hat sie nur noch Verachtung übrig. „Eine arme, unglückliche Frau, die mich mit auf den Grund ihrer tödlichen Langeweile hinabziehen möchte“ ist sie für ihn. Seine drei Kinder haben kaum mehr als Spott übrig für ihn, den steifen Geschäftsmann, der sich aus aller familiären Verantwortung zurückzieht und lieber in die Bücher antiker Dichter flüchtet. Erleichterung findet er in den schwelgerischen Gedanken an die gemeinsame Zukunft mit seiner römischen Geliebten Cécile. Bei ihr fühlt er sich lebendig und verstanden, gemeinsam erkunden sie das antike Rom, die Stadt, in der er sich so viel besser aufgehoben fühlt wie in Paris.

Das Du und das Spiel mit Raum und Zeit

Léon Delmont heißt unser Reisender, was wir zu Beginn nicht wissen (wir erfahren es erst auf Seite 120) und der Name tut wenig zur Sache, denn wir haben es hier mit einem Jedermann zu tun. Er ist feige, untertänig, egoistisch und machtverliebt. Kein angenehmer Charakter, aber mit jedem Schienenkilometer, der ihn von Paris wegträgt, kommt er uns ein Stück näher. Der Roman, ein einziger innerer Monolog, lässt uns Zeugen seiner Gedanken und schließlich einer Läuterung werden.

Was zunächst verblüfft, ja geradezu verunsichert, ist die Erzählung in der zweiten Person, in der „Paris – Rom oder Die Modifikation“ verfasst ist. Im Text mit „Du“ angesprochen zu werden, ist ungewohnt, wenn auch nicht einzigartig. Jüngere Beispiele für diese Erzählhaltung gibt es in der französischen Literatur beispielsweise bei „Selbstmord“ von Édouard Levé oder ganz aktuell bei Jérôme Ferraris neuem Roman „Das Prinzip“. In Michel Butors Text ergibt die Du-Erzählung eine seltsame Ambivalenz, erzeugt die ständige Herausforderung, sich mit dem gelesenen zu identifizieren oder es gedanklich abzulehnen.

Michel Butor
Michel Butor

Der zweite Kniff ist Butors geschicktes Spiel mit Raum und Zeit in diesem Roman. Raum ist hier auch ganz buchstäblich zu verstehen, denn der Großteil der tatsächlichen Handlung passiert in einem Zugabteil. In minutiösen Beobachtungen beschreibt die Erzählstimme das Verhalten der Mitreisenden, die Veränderungen von Tageslicht, Wetter und Landschaft. Gleichzeitig bewegt sich der Reisende von A nach B, auch wenn seine direkte Umgebung gleich zu bleiben scheint. Zu diesem räumlichen Widerspruch kommt die Zeitebene, gesellen sich doch zu den Beobachtungen Léons im Jetzt die Gedanken an die Zukunft (die Trennung der Ehe, das Glück des Zusammenlebens mit Cécile, die organisatorischen Schritte, die zu tun sind) und die Erinnerungen an Vergangenes (an das frühere Glück mit seiner Frau Henriette, an die letzten Besuche bei Cécile in Rom). Je länger der Zug unterwegs ist, umso mehr überlagern sich Gestern, Heute und Morgen, häufig nur noch durch die Grammatik einer Zeitebene zuzuordnen, verschwimmen ineinander, während Léon in seiner Abteil-Zelle dem Ziel Rom entgegen rast.

Im Geiste Prousts

Michel Butor (*1926) wurde dem Nouveau Roman zugerechnet, einer Bewegung in der französischen Nachkriegsliteratur, die sich vom klassischen Roman des 19. Jahrhunderts abwandte. Statt Wertungen propagierte der Nouveau Roman die genaue Beschreibung in der Nachfolge von Proust. Anstatt den Sinn der Handlung zu erklären, bleibt er an der Oberfläche und fordert den Lesenden dazu auf, sich selbst ein Urteil zu bilden. In diesem Sinne ist „Paris – Rom oder Die Modifikation“ durch und durch ein Nouveau Roman, anders als die Werke von KollegInnen wie Alain Robbe-Grillet oder Nathalie Sarraute zeichnet er sich aber durch höchste Lesbarkeit aus. Was auf dem Papier sehr trocken und konstruiert klingt, entfaltet bei der Lektüre durch die überraschenden Zeitsprünge, die moralische Ambivalenz des Protagonisten, aber vor allem durch die detailreichen, fast liebevollen Beschreibungen einen großen Reiz, wenn Léon beispielsweise seine anonymen Mitreisenden die Namen von Bekannten und Freunden gibt und sie mit deren Charaktereigenschaften identifiziert.

Am Ende wird Léon erkennen, dass er in der Beziehung mit Cécile nur die Fehler seiner Ehe mit Henriette wiederholen könnte, dass es an ihm liegt, warum sein Leben zu scheitern droht. Eine Zugfahrt als „Modifikation“. Das Buch, das er im Gare de Lyon in Paris kaufte, wird er ungelesen wieder in seinen Koffer packen. Stattdessen überlegt er, selbst ein Buch zu schreiben – das Buch, das wir in Händen halten. So lässt es uns zumindest Michel Butor glauben.

Warum dieser großartige Text, dieses vielleicht zugänglichste Beispiel des Nouveau Roman, seit langem vergriffen ist, mag nicht so recht einleuchten. Michel Butor ist von der Kritik als wichtiger Autor anerkannt, die ZEIT kanonisierte „Paris – Rom oder Die Modifikation“ 2012 und zählte ihn zu „Europas Weltliteratur“. Erstmals 1958 auf Deutsch erschienen, stammt die Suhrkamp Taschenbuchausgabe von 1973 und wurde vermutlich in den 1990er Jahren zuletzt neu aufgelegt. Die Übertragung von Helmut Scheffel wirkt auch heute noch zeitgemäß und könnte mit geringen Überarbeitungen sofort neu veröffentlicht werden. Warum also verstaubt dieser Roman in den Archiven? Ein kleiner Hoffnungsschimmer besteht, entschied sich doch der Verlag Matthes & Seitz Berlin vor einiger Zeit zur Neuausgabe des (ebenfalls sehr lesenswerten) Butor-Romans „Der Zeitplan“. Bis auf weiteres muss „Paris – Rom oder Die Modifikation“ aber wohl zu den „verlorenen Büchern“ gezählt werden.

Michel Butor. Paris – Rom oder Die Modifikation. Roman. Aus dem Französischen von Helmut Scheffel. Taschenbuch, 292 Seiten. Suhrkamp Verlag 1973. Nur noch antiquarisch erhältlich.

P.S. eine sehr lesenswerte Rezension ist auch auf dem Blog Stubenhockerei erschienen.

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8 Gedanken zu „Auf der Suche nach den verlorenen Büchern 4: Michel Butor

  1. Lieber Tobias,
    völlige Zustimmung…Paris-Rom habe ich Ende der 80er gelesen und war fasziniert. Leider ging das Buch verloren (auch aus meinem Blickfeld) – danke an die Erinnerung. Werde ich mir wieder besorgen!

  2. Ich habe nur die ersten Absätze und den letzten Abschnitt Deines Textes gelesen, weil ich den Roman unbedingt (in näherer Zukunft) noch lesen möchte. Ich hatte ihn schon mal angefangen, hatte damals aber nicht die Ruhe und musste das Bibliotheksexemplar wieder zurückgeben. (Passiert mir manchmal bei ausgeliehenen Büchern) Eine Neuauflage würde ich mir auch zulegen, ansonsten geht es eben wieder in die Bibliothek.

    „Der Zeitplan“ hat mir außerordentlich gut gefallen. Hat Dir „Paris – Rom oder Die Modifikation“ besser gefallen?

    Bücher von Maurice Blanchot und Louis-René des Forêts sind meine letzten antiquarischen Zugänge französischer Autoren.

    Ich bin weiterhin gespannt, was Du noch so ausgräbst!

    Viele Grüße!

    1. Schön, dass Dich mein Artikel zur Lektüre verführt! Die beiden Butor-Romane zu vergleichen, fällt mir schwer. „Die Modifikation“ ist in seiner Konstruktion und in den Beschreibungen faszinierender, „Der Zeitplan“ hat mich aber mehr berührt, vielleicht, weil ich die Situation des „im Auslandsjahr Gestrandeten“ besser nachfühlen konnte. Ich würde daher sagen: gleichwertig.
      Von Maurice Blanchot habe ich „Der Allerhöchste“ gelesen (und hier besprochen), Louis-René des Forêts kannte ich nur namentlich im Zusammenhang mit Michel Leiris. Kannst Du mir von Ihm etwas empfehlen?
      Herzliche Grüße
      Tobias

      1. Danke für die Einschätzung, ich werde mir hoffentlich bald selbst ein Bild davon machen können.

        Michel Leiris war mir bis jetzt kein Begriff, auch wenn ich den Namen bei Wikipedia im Artikel zu Louis-René des Forêts gelesen hatte. Es ist immer spannend zu sehen, mit wem Schriftsteller kooperierten und welche Projekte sie unternahmen. Da finden sich oft Namen, die bei uns eher weniger bekannt sind, was dann auch wieder spannend sein kann. Eben genau wie Deine Suche nach den verlorenen Büchern. 😉

        Empfehlen kann ich Dir von des Forêts noch nichts, da noch ungelesen. Allerdings kann ich Dir die beiden Titel nennen, für die ich mich entschieden habe: „Der Schwätzer“ und „Das Kinderzimmer“.

  3. Wie schön, dass es hier tatsächlich jemanden gibt, der Louis-René des Forêts kennt. Was ich wirklich nur empfehlen kann, neben „Der Schwätzer“, sind „Die Megären des Meeres“. Rein technisch läuft das Werk unter der Bezeichnung Gedicht, aber es ist ein Prosagedicht, also wirklich sehr erzählend. Da ich kein Französisch kann, hat es mich ganz besonders gefreut, dass es in diesem Band ein Nachwort des Übersetzers gibt, der einen schönen Überblick über die Texte von des Forêts gibt, was man ja in deutscher Sprache, so gut wie gar nicht bekommen kann.

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