Die poetische Unschärfe eines Romans

Die Theorie der Unschärferelation in Literatur überführen: dieser Leitgedanke liegt dem neuen Roman des französischen Schriftstellers Jérôme Ferrari zu Grunde. „Das Prinzip“ ist ein Portrait des Atomphysikers Werner Heisenberg und gleichzeitig der Versuch, die Verwerfungen der modernen Welt in Worte zu fassen.

Sie sind für mich nichts anderes als ein weiterer deutscher Name auf einer unendlichen Liste deutscher Namen.

So denkt ein überforderter Physikstudent Mitte der 1990er Jahre über den Atomphysiker Werner Heisenberg. Die Quantenmechanik, Heisenbergs Fachgebiet, wird in einer mündlichen Prüfung zum Stolperstein für den jungen Absolventen. Da hilft auch der kokette Blickkontakt mit seiner jungen Physikdozentin nichts mehr, die Note ist versaut. Während der vergeblichen Aneignung des quantenphysikalischen Wissens entsteht aber ein Interesse für die Person Heisenberg, für seine Biografie, sein Denken, seine Absichten.

Davon wissen wir zu Beginn des Romans noch nichts, der den jungen Werner Heisenberg in einer Szene auf der Insel Helgoland einfängt, im Sommer 1925, als der junge Wissenschaftler dort die ersten Gedanken seiner Unschärferelation formuliert. Sie wird die Zukunft der Physik unwiederbringlich verändern. Der Roman beginnt wie eine Mischung aus Brief und epischer Dichtung, in der zweiten Person verfasst, in der der berühmte Physiker als „Sie“ angesprochen wird.

Sprung ins vierte und letzte Kapitel: Der Student aus dem Jahr 1995 ist inzwischen im 21. Jahrhundert angekommen. Er verlässt Dubai, die Stadt, in der er jahrelang als Unternehmer gute Geschäfte gemacht hat. Doch seine Firma ist bankrott, seine Abreise ist eine Flucht. Dubai hat sich ihm als Stadt der Gier und des Größenwahns offenbart. Ein Moloch des Spätkapitalismus, in dem wahnwitziger Reichtum auf den Schultern von ausgebeuteten, in der Sonne verdurstenden Gastarbeitern ein Megabauprojekt nach dem anderen realisieren lässt. Aber auch diese Metropolis wird eines Tages untergehen:

Bald schon werden die Wolkenkratzer, die entlang der Sheikh Zayed Road vorbeiziehen, und der höchste Turm der Welt selbst vielleicht dem Sand anheimgegeben sein, der Wüste, und der Wind wird bis in den Iran hinein den beißenden Geruch ihrer metallischen Fäulnis tragen.

Mit seinem Roman „Das Prinzip“ spannt der französische Schriftsteller Jérôme Ferrari einen großen Bogen und sucht Verbindungslinien zwischen Ereignissen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Wie bezieht sich der krisengeschüttelte Kapitalismus der Jetztzeit auf die Theorien Heisenbergs? Was haben Atomphysik und die Lebensgeschichte unseres Erzählers miteinander zu tun?

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Große Teile des Romans, der in die vier Kapitel „Position“, „Geschwindigkeit“, „Energie“ und „Zeit“ – allesamt wichtige Faktoren in Heisenbergs Theorie – unterteilt ist, rekapitulieren die Lebensgeschichte des Wissenschaftlers. Werner Heisenbergs Erkenntnisse ebnen in den 1920er Jahren neben den Forschungen von Niels Bohr, Otto Hahn oder Carl Friedrich von Weizsäcker den Weg für die Nuklearforschung, die zu Atomenergie und zur Erfindung der Atombombe führen wird. Als die NSDAP an die Macht kommt, entschließt sich Heisenberg, anders wie seine berühmten Kollegen Albert Einstein und Erwin Schrödinger, Deutschland nicht zu verlassen. Er rechtfertigt seine Entscheidung als „Insel des Bestands“. Die Jahre der NS-Herrschaft verbringt Heisenberg mit Forschungen, über die nach 1945 gestritten werden wird: hat Heisenberg absichtlich die Arbeit an der Kernspaltung und damit an einer deutschen Atombombe verlangsamt oder war er – wie es ihm Kollegen vorwarfen – fachlich schlicht mit der Thematik überfordert? Gegen Kriegsende wird Heisenberg mit einer Reihe anderer deutscher Atomphysiker festgenommen und im englischen Landsitz Farm Hall inhaftiert. Dort erfahren die Wissenschaftler vom Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki, dank Abhörmikrofonen sind ihre Gespräche protokolliert worden. Die Unschuld der Atomphysik hat ein Ende gefunden. Heisenberg selbst hatte über seine Forschungen zeitweise den Realitätssinn verloren. Er erkennt einerseits die moralische Integrität der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ an, in den Wirren der letzten Kriegstage ist er aber von dem Wahn befallen, dass seine gesammelte Briefkorrespondenz von den Alliierten beschlagnahmt und an Spione verteilt wurde.

Sie bilden sich ein, dass Ihre Qualen von Bedeutung sind. Sie leben in einer Welt, die nicht existiert.

Der Text zeichnet Heisenberg mit all seinen Widersprüchen nach. Es ist das Bild eines Wissenschaftlers auf der Suche nach Wahrheit und Konsequenz, der sich als Künstler versteht, den sein geistiger Ziehvater Niels Bohr sogar einen Dichter nannte. Die verschlungenen Motive des Heisenbergschen Handelns, das von Rationalität, Arbeitsethos und der Suche nach Schönheit bestimmt wurde, treten zu Tage. Ein Urteil über die Rolle des Kernphysikers und seiner Kollegen in ihrer Zeit möchte Ferrari aber nicht fällen.

Der Autor Ferrari hat bereits zu Protokoll gegeben, er habe mit „Das Prinzip“ versucht, die Unschärferelation auf die Literatur anzuwenden. Es mag ihm gelungen sein, doch bei aller daraus resultierenden Differenziertheit bekommt der Text einen etwas schwammigen Charakter. Mehr als einmal wabert der poetische Ton ins Metaphysische und wenn die Getöteten der ersten Atombombe und ihre durch die Explosion in die Erde gebrannten Silhouetten „ebenso wie ihre Erinnerung, ebenso wie sie selbst“ als „nichts“ bezeichnet werden, übersteigt der pathetische Furor die Grenzen des Erträglichen. Auch die Herleitung der Entmenschlichung des modernen Kapitalismus aus Heisenbergs Forschung, die als Beispiel für eine naive Fortschrittsgläubigkeit des 20. Jahrhunderts herhalten muss, ist bedenklich. Hier scheint das Gespenst Martin Heideggers und sein Hass auf alle „Technik“, die den Menschen ins Unglück stürze, durch die Zeilen zu huschen. Ferraris Kapitalismusanalyse wirkt irrational und zu kurz gegriffen.

Jérôme Ferrari hat mit „Das Prinzip“ hoch gepokert, an die Glanzleistungen seiner Korsika-Trilogie reicht das neueste Werk des Prix Goncourt-Preisträgers aber nicht heran. Die deutlichen Schwächen vermögen es dennoch die meiste Zeit nicht, die Freude an der Sprache dieses Romans zu nehmen. Ferrari ist immer noch der Meister der langen, verschlungenen Sätze. Poetische Wortserpentinen, die in der hervorragenden Übersetzung von Christian Ruzicska und Paul Sourzac aufs schönste zur Geltung kommen und diesen mit 130 Seiten recht kurzen Roman schließlich doch zu einer lohnenswerten Lektüre machen.

Jérôme Ferrari. Das Prinzip. Roman. Aus dem Französischen von Christian Ruzicska und Paul Sourzac. 130 Seiten, gebunden. Secession Verlag 2015. 19,95 €.

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3 Gedanken zu „Die poetische Unschärfe eines Romans

  1. Meine Bloggerkollegin Birgit hat sich bereits mehrfach begeistert über Ferrari und seine Korsika-Trilogie geäußert. Mal sehen. Das Konzept des hier vorgestellten Buches klingt allemal interessant, eine „appetitmachende“ Besprechung.

  2. Energie-Zeit-Unschärferelation… ob Physik und Gefühl vielleicht doch nah beieinander liegen? Physik und Literatur nah zueinander zu bringen, klingt jedenfalls nach einem sehr spannenden Versuch – vielen Dank für die Besprechung!

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