Reise durch die Nacht

Die Wiederentdeckung der Schriftstellerin Renata Adler wirft neues Licht auf eine Einzelgängerin, die für ihre Kompromisslosigkeit vom Literaturbetrieb mit Liebesentzug bestraft wurde. Ihr Roman „Pechrabenschwarz“ über eine Frau auf der Suche nach Unabhängigkeit ist ein literarisches Wagnis.

Der Name der 1938 geborenen Renata Adler war aus dem Gedächtnis der Literaturwelt schon fast verschwunden, als vor zwei Jahren plötzlich eine ungeahnte Wiederentdeckung ihres Werkes einsetzte. Die New York Review Of Books legte Adlers beide Romane „Rennboot“ und „Pechrabenschwarz“ neu auf und widmete der Autorin einen ausführlichen Artikel. Andere Zeitungen und Internetseiten schlossen sich an, lobten die visionäre und eigenwillige Herangehensweise Adlers, feierten die Hebung eines literarischen Schatzes. Über Nacht wurde aus der Ungeliebten eine Klassikerin. Der Hype schwappte nach Europa über und brachte den Suhrkamp Verlag dazu, die Romane Adlers neu herauszugeben, ihrem plötzlich erlangten Status entsprechend in der renommierten Bibliothek Suhrkamp.

Diese späte Ehre dürfte für die Autorin eine Genugtuung sein. In den 1960er und 1970er Jahren für ihre Artikel im New Yorker und der New York Times sowie ihre Romane gefeiert, stieg Renata Adler zu einer tonangebenden Intellektuellen auf, deren Name in einem Atemzug mit Joan Didion und Susan Sontag genannt wurde. Doch ihre kompromisslose Art machte sie zur Persona non grata des New Yorker Kulturbetriebs. Zunächst verriss sie 1980 in der New York Review Of Books das Buch ihrer Redaktionskollegin Pauline Kael in vernichtender Ausführlichkeit. 1999 schließlich legte sie mit dem Buch Gone: The Last Days of The New Yorker einen Abgesang auf das berühmte Magazin vor, der sie vollends ins Abseits katapultierte. Renata Adler schrieb weiter Essays, doch kaum einer veröffentlichte diese, es wurde still um sie.

Nun die Rehabilitation, die jüngst zur Neuauflage ihres zweiten Romans „Pechrabenschwarz“ führte. Wenn man mit der Lektüre beginnt, mag man kaum glauben, dass diese Autorin zum Objekt eines solchen Rummels werden konnte. In assoziativen, ständig die Erzählperspektive wechselnden Textfragmenten beginnt der Text. Erst langsam schälen sich einzelne Handlungsstränge heraus, bilden sich Querverweise zwischen Absätzen, die zehn oder mehr Seiten voneinander getrennt sind. Hat die englischsprachige Literaturkritik, der biederen Einheitsware aktueller Belletristik müde geworden, wieder Sehnsucht nach der Avantgarde? Bewegt sich endlich wieder etwas, nachdem jahrelang AutorInnen gelobt wurden, deren Kunst den bürgerlichen Roman des 19. Jahrhunderts heraufbeschwor? Schon nach wenigen Seiten ist klar: diese Prosa ist ein Wagnis. Adlers Sound ist immer noch neuartig, ihre Schreibe liest sich frisch und überraschend zeitgemäß.

Ein fragmentarischer Schreibstil geht bei Renata Adler nicht mit verklausulierten Wortspielen einher. Sie kombiniert vielmehr wie beiläufig Selbstgespräche und Dialoge mit lakonischen Geschichten. Langsam formt sich das Bild einer Persönlichkeit und ihres Umfeldes. Im Zentrum steht Kate Ennis, eine Journalistin und Autorin, an einer Eliteuniversität ausgebildet, weltgewandt, weitgereist – die Parallelen zu Renata Adler sind kaum zu übersehen. Kate steckt seit Jahren in der unglücklichen Beziehung zu einem verheirateten Mann. Eine emotionale Abhängigkeit – der wiederholte Versuch, voneinander loszukommen, der beiden nicht gelingen mag. Dieses Verhältnis und seine Auswirkungen werden in feinsten Nuancen dargestellt, ein Dialog zwischen Kate und ihrem Geliebten scheint zu entstehen, wieder abzubrechen, wird später erneut aufgenommen. Es geht um Vorwürfe, Verletzungen, Missverständnisse, Versöhnungen, die Ziellosigkeit einer Beziehung ohne Zukunft. Doch Kate scheint der Ausbruch aus der Liebessackgasse zu gelingen. Sie schmiedet Pläne, reflektiert ihr Verhalten, leckt ihre Wunden, beginnt zu schreiben.

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Als nach gut 60 Seiten mit Beginn des zweiten Kapitels dann plötzlich eine halbwegs „klassische“ Erzählung einsetzt, wirkt dies fast wie ein Schock. Wesentlich stringenter als zuvor berichtet Kate von einer Reise nach Irland, wo sie im Landhaus eines befreundeten Diplomaten eine Auszeit nehmen möchte. Doch ein eigentlich lapidarer Unfall mit ihrem Mietwagen und das mysteriös agierende Personal des Landsitzes sorgen für Unbehagen. Kate bucht früher als geplant einen Rückflug und entschließt sich zur nächtlichen Flucht über einsame irische Landstraßen. Erst im Nachhinein wird ihr klar, was in diesen zwei Tagen passiert ist, wie symbolhaft ihr dortiges Verhalten für ihr gesamtes Leben ist. Düster ist diese Episode, gleichzeitig Herstück des Romans, pechrabenschwarz wie die irische Nacht.

Gegen Ende des Buches lösen sich einige der Erzählungen, zu denen im Laufe des Textes immer wieder angesetzt wurde, auf elegante und überraschende Weise auf. Wie es im Englischen so schön heißt: things fall into place. Doch nicht wenige Fragmente bleiben für sich stehen, manche sind als kurzer Kommentar oder Seitenhieb gedacht. Als Kind eines jüdischen Paares, das vor den Nazis floh, hat Renata Adler etwa für bigotte Israelkritik nur Spott übrig. Der Sexismus des akademischen Betriebs ist ihr als Starintellektueller höchstens ein bitteres Lachen wert. Hier zeigt sich die unterkühlte Schärfe, mit der Adler in vielen Momenten ihr Umfeld betrachtet. Die Empathie für ihre Figuren ist nicht unbegrenzt.

„Pechrabenschwarz“, im Original 1983 erschienen, ist nicht nur die Studie einer Frau auf der Suche nach Unabhängigkeit, es wirkt auch wie ein kaleidoskopischer Blick auf eine Epoche und ein gesellschaftliches Umfeld: die akademischen Kreise der USA in den 1970er und 1980er Jahren. Schade, dass der Neuausgabe kein Nachwort beigefügt wurde, welches Renata Adlers Biografie sowie die Entstehung oder die Rezeption des Romans näher beleuchtet. Doch auch ohne dieses Beiwerk bleibt „Pechrabenschwarz“ eine lohnende literarische Herausforderung. Ein Solitär, ein Buch, wie man es selten zu lesen bekommt.

Renata Adler. Pechrabenschwarz. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Helga Huisgen. 240 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Bibliothek Suhrkamp 2015. 19,95 €.

 

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5 Gedanken zu „Reise durch die Nacht

  1. Lieber Tobias,
    diese „Wiederentdeckung“ ging an mir vorüber – erst jetzt, durch Deinen Beitrag, stoße ich auf den Namen. Und bin sofort angefixt – die will ich lesen. Danke Dir!

  2. Sehr schön, hier Frau Adler anzutreffen – hab‘ gerade ihren ersten Roman „Rennboot“ fertig gelesen und würde Deinen obigen letzten Satz auch diesem Buch widmen!
    Große Freude über diesen literarischer Rohdiamant!

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