Entkommen aus der dörflichen Enge

„Das Ende von Eddy“ ist der schonungslose autobiografische Debütroman eines 22-Jährigen. Édouard Louis beschreibt sein Aufwachsen zwischen stumpfem Elternhaus und gewalttätigen Mitschülern in einem nordfranzösischen Dorf. Die Geschichte einer Flucht, ein Manifest für das selbstbestimmte Leben.

„Lass doch das Getue“ sagen seine Eltern. Schon früh merkt Eddy Bellegueule, dass er ein wenig anders ist als die anderen. Seine Stimme ist etwas höher, sein Gang femininer als bei anderen Jungs, und wenn er sich in Rage redet, fliegen seine Hände förmlich durch die Luft. Seine Familie nervt das „tuntige Gefuchtel“. Sie möchten gerne einen „echten Mann“ als Bruder, als Sohn. Was bedeutet: Fußball, Saufen, Mädchen anbaggern. Wie alle anderen Jungs eben auch.

Eddy wächst in einem kleinen Ort auf, in der Picardie im Norden Frankreichs. Der mondäne Glitzer von Paris ist weit entfernt, hier arbeiten die meisten in der örtlichen Fabrik und sitzen abends in der Dorfkneipe oder vor dem Fernseher. Auch Eddys Vater lebt solch ein Leben. Er trinkt gerne mal einen Pastis zu viel, dann wird er laut, vulgär und gewalttätig. Ein „echter Mann“ eben, bis ihn ein Rückenleiden berufsunfähig macht. Eddys Famile war vorher schon arm, jetzt ist sie noch ärmer. Nicht einmal Teppich gibt es im Kinderzimmer, nur nackten Betonboden.

Eine Provokation für „echte Männer“

Eddy will nicht aus der Rolle fallen, er möchte wie jedes Kind vor allem eines: gemocht werden. Er beschließt, Fußball zu spielen, obwohl ihn das nicht interessiert. Er geht regelmässig mit den anderen Jungs „raus“, zur Bushaltestelle, über die Felder. Dass er anders ist kann er dennoch nicht verheimlichen. Spott und Beschimpfungen bleiben nicht aus, zunächst nur verbal, doch je älter Eddy wird, je stärker sich durch die Pubertät sein „Anderssein“ bemerkbar macht, desto mehr eckt er an. „Echte Männer“ fühlen sich von seinem „schwulen Getue“ provoziert. Zwei Mitschüler, die ihn regelmässig attackieren, ihn anspucken und verprügeln, werden zu Eddys Alptraum. Sie verfolgen ihn bis in den Schlaf.

Seine Eltern haben keine Antennen für die Erschütterungen in Eddys Leben. Eddys Mutter ist damit beschäftigt, den „Laden am Laufen zu halten“. Sie ist nicht minder vulgär und ebenso einfach gestrickt wie Eddys Vater, nimmt ihren Sohn aber mehr oder weniger wie er ist. Eddys Bruder kann hingegen nicht akzeptieren, dass Eddy so verweichlicht und „tuntig“ ist. Es kommt zu Gewalt. Eddys Schwester steht ihm näher, will ihn aber mit Mädchen verkuppeln.

das ende von eddy coverAls Eddy schließlich mit drei Freunden in homoerotische Spiele verwickelt wird, kommt seine Welt ins Wanken. Er genießt das Treiben in vollen Zügen. Nun denkt er, er sei ein Mädchen im Körper eines Jungen. In seiner Vorstellung wäre das immer noch besser, als wirklich schwul zu sein. Die heimlichen Treffen fliegen schließlich auf. Während die drei anderen Jungs unbehelligt davon kommen, wird Eddy zum Gespött des Dorfes. Man hatte es ja schon immer geahnt…

Blick zurück ohne Hass

Es ist eine erschütternde Coming-Of-Age-Geschichte, die Édouard Louis in seinem Debütroman erzählt. Noch erschütternder ist die Erkenntnis, dass es seine eigene Geschichte ist: Eddy Bellegueule, c’est moi. Nach dem Wegzug aus der Picardie hat der Autor seinen Namen geändert. Wer denkt, dass Édouard Louis diese grausame Kindheit und Jugend vor einigen Jahrzehnten durchleben musste, sieht sich getäuscht. Der Autor ist Jahrgang 1992, der Großteil der geschilderten Ereignisse spielte sich nach der Jahrtausendwende ab. Die Aufklärung, die sich die westliche Welt so gerne auf die Fahnen schreibt – um Eddys Heimatdorf im nördlichen Frankreich und um viele andere ähnliche Dörfer hat sie einen großen Bogen gemacht.

Édouard Louis schreibt ohne Hass über seine Familie und sein früheres Umfeld. In ruhigem Tonfall lässt er die Menschen um ihn herum zu Wort kommen. Kursiv gesetzte Zitate durchziehen den ganzen Text. Louis klingt seltsam gefasst, wenn er schreibt:

Ich denke nicht, dass die anderen – meine Geschwister, meine Kumpel – ebenso unter dem Leben im Dorf litten wie ich. Aber ich, dem es nicht gelang, einer der Ihren zu werden, ich musste diese Welt in allen Dingen ablehnen.

Der Text reflektiert das erbärmliche soziale Gefüge und die verlogenen Rituale des Dorflebens. Wer selbst auf dem Land aufgewachsen ist und sich nicht zugehörig fühlen durfte, wird hier Vieles wiedererkennen. Manche Beobachtungen erinnern auch an die „Kleinstadtnovelle“ von Ronald M. Schernikau.

Ordnung und Bigotterie

Für seine Schilderungen findet Édouard Louis eine schnörkellose Sprache, elegant, aber schlicht. Sie verleiht dem Text an manchen Stellen eine irritierende Distanziertheit, als ob der Ich-Erzähler mit den Augen einer höheren Instanz auf die Geschehnisse blicken würde. Etwa wenn Louis trocken feststellt, dass seine Eltern in ihrer Armut immer noch Menschen finden, die in der sozialen Hackordnung unter ihnen stehen: Arbeitslose, AusländerInnen, Schwule.

Dieser Willen, diese stets neue, verzweifelte Anstrengung, immer noch auf jemanden hinabzusehen, der unter einem steht, um sich nicht selbst am Ende der sozialen Leiter zu fühlen

verblüfft ihn nahezu. Es sind Mechanismen, die die Ordnung aufrecht erhalten. Auf Kosten anderer, versteht sich. Doch die Bigotterie hinter der Fassade ist sichtbar. Haben nicht auch seine „Kumpels“ die homoerotischen Treffen genossen? Verstecken sich hinter dem Hass auf Schwule sogar heimliche homosexuelle Tendenzen?

Eddy jedenfalls ergeht es so. Um abzulenken, wird er zum Schwulenhasser. Nach außen hin zumindest. In seiner Jugend setzt er eine neue Maske auf. Er geht in Discos, datet Mädchen. Doch sein Körper will anderes, sein Selbstekel wächst. Für Eddy gibt es nur noch einen Ausweg: Flucht. Er schafft es, auf ein Gymnasium in der Stadt versetzt zu werden. Hier findet er erstmals Menschen, die ihn wegen seiner Art nicht ausgrenzen. Die ihn vorbehaltlos mögen, so, wie er ist.

„Das Ende von Eddy“ ist der Anfang von Édouard Louis. Der junge Schriftsteller lebt inzwischen in Paris, studiert Soziologie, neben seinem Debütroman veröffentlichte er auch einen Band über Pierre Bourdieu. „Das Ende von Eddy“ wurde in Frankreich ein vieldiskutierter Bestseller. Manifest eines Neuanfangs, hinein in das selbstbestimmte Leben.

Édouard Louis. Das Ende von Eddy. Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. 208 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. S. Fischer Verlag 2015. 18,99 Euro.

Das Beitragsbild entstand unter Verwendung eines Fotos von Jason Rogers (CC BY).

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Ein Gedanke zu „Entkommen aus der dörflichen Enge

  1. „Eddy“ hat mich ebenfalls – auf verschiedenen Ebenen – sehr, sehr beschäftigt. Würde ich nicht argwöhnen, dass dieses Buch im wiederkäuenden und lieblos gemachten Schulunterricht wohl an Wirkung verlieren muss, ich würde es sofort als Schullektüre empfehlen.

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