Als die Bombe fiel und der Kaiser zum Menschen wurde

Mit der Kapitulation Japans endete auch in Asien vor 70 Jahren der Zweite Weltkrieg. Wer sich über die historischen Ereignisse einen Überblick verschaffen möchte, findet in „Showa – A History Of Japan“ von Manga-Altmeister Shigeru Mizuki eine faszinierende Lektüre, packende autobiografische Momente inklusive.

2015 jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum siebzigsten Mal, und das nicht nur in Europa, sondern auch in anderen Regionen dieser Welt. Die Interpretation der Ereignisse ist je nach Land verschieden. In Deutschland wird der Sieg der Alliierten auch offiziell als Befreiung von Hitlers NS-Diktatur angesehen und es schwingt Dankbarkeit gegenüber den Siegermächten mit, die unter dem Einsatz vieler Menschenleben die Naziherrschaft beendeten. Blicken wir nach Asien, so zeigt sich dort ein etwas anderes Bild.

In Japan, das ab den 1930er Jahren als „Achsenmacht“ eng mit Hitlerdeutschland und Mussolinis Italien kooperierte und eine aggressive kolonialistische Taktik verfolgte, ist die Erinnerung an Krieg und Kapitulation stark überlagert von nationalistischen Tönen. Premierminister Shinzō Abe versucht so, den Nationalkonservativen in der Bevölkerung zu gefallen. Statt pazifistischer Demut bevorzugt Abe die Geste des starken Mannes, der Kriegsverbrechern des Zweiten Weltkrieges seine Ehre erweist und längt begraben geglaubte Territorialkämpfe mit China neu entfacht. Das Verhältnis zur Siegermacht USA war in Japan schon vor Abes Amtsantritt äußerst kompliziert, was vor allem an den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 liegt, die zwar die Kapitulation Japans herbeiführten, aber auch Hunderttausende das Leben kosteten. Problematisch ist aber vor allem die Geschichtsvergessenheit, die in Japan um sich greift. Kaum jemand in der jüngeren Generation kennt die historischen Ereignisse und die komplexen Zusammenhänge dahinter.

shigeru mizuki portrait
Shigeru Mizuki (*1922)

Eine Nachhilfestunde in japanischer Geschichte des 20. Jahrhunderts und gleichzeitig eine Autobiografie ist das Comic-Epos „Showa“ von Shigeru Mizuki. Es umfasst den Zeitraum von 1926 bis 1989; diese sogenannte Shōwa-Epoche bezeichnet die Regierungszeit des Tennō Hirohito, der mit nur 25 Jahren den Thron bestieg. Shigeru Mizuki selbst wurde 1922 geboren, er hat also diese von zahlreichen wichtigen Umwälzungen geprägte Epoche vollständig miterlebt.

„Showa“ wurde in Japan zwischen 1988 und 1989 veröffentlicht und umfasst insgesamt gut 2000 Seiten. Für die erstmalige Übersetzung ins Englische entschied sich der renommierte Verlag Drawn & Quarterly für eine Aufteilung in vier Bände, von denen der letzte, die Jahre 1953 bis 1989 umfassend, in Kürze erscheinen wird. Interessiert einen besonders das Ende des Zweiten Weltkrieges, so bietet sich Band 3 („Showa 1944 – 1953“) an. Der Einstieg ohne Lektüre von Band 1 und 2 ist durchaus möglich, dank des informativen Vorwortes von Frederick L. Schodt ist man schnell über den Kontext im Bilde.

Geisterwesen und Manga für Erwachsene

Shigeru Mizuki ist nicht irgend ein japanischer Comicautor. Der inzwischen 93-Jährige ist einer der bekanntesten und meistverehrten Mangazeichner überhaupt. Seine Reihe „GeGeGe no Kitaro“ über einen einäugigen Jungen, der mit Yōkai (den Geisterfiguren der japanischen Sagenwelt) sprechen kann und mit einer Gruppe guter Yōkai gegen das Böse kämpft, ist in Japan bei jung und alt beliebt. Zusammen mit anderen KollegInnen wie Yoshihiro Tatsumi oder Tadao Tsuge gehört Mizuki gleichzeitig zu den wichtigsten AutorInnen des Gekiga, einer Art „Manga für Erwachsene“, mit der diese KünstlerInnen schon in den 1950er Jahren ernsthafte Sujets in den Mittelpunkt rückten. Später wurde Mizukis Werk immer deutlicher von autobiografischen Themen geprägt, besonders vom Zweiten Weltkrieg, den er als Soldat der japanischen Armee in Papua-Neuguinea miterlebte. Bei einem Bombenangriff verlor Mizuki 1945 seinen linken Arm.

„Showa 1944 – 1953“ beginnt mit der Schlacht von Imphal, einem größenwahnsinnigen Plan der japanischen Armee, nach Indien vorzustossen, der 30.000 Menschen das Leben kostete. Die Niederlage von Imphal wurde zu einem Wendepunkt für den Krieg in Südostasien. Mizuki zeigt die Hybris der hohen Militärs, die ihr autoritäres System auf japanische Samurai-Traditionen gründeten, damit aber dem europäischen Faschismus näher standen wie dem Ehrenkodex mittelalterlicher Schwertritter. Bei der Niederlage von Imphal starben laut vieler Quellen mehr japanische Soldaten durch befohlenen Suizid und mangelnde Versorgung mit Lebensmitteln als durch die Angriffe des Gegners. Kein einmaliger Vorfall, ganze Regimente wurde von ihren Vorgesetzten gegen Kriegsende zur Selbsttötung gezwungen.

showa nezumi otokoAuch Shigeru Mizuki kämpfte in einer Garnison außerhalb Japans, seine Truppe war in Gefechten in den Urwäldern Papua-Neuguineas verwickelt. Hier infizierte sich Mizuki mit Malaria. Da kaum Medikamente vorhanden waren, erscheint es wie ein Wunder, dass er die Krankheit überlebte. Während Mizukis Regiment auf den Rückzug wartet, freundet sich der junge Soldat mit einer Gruppe einheimischer DorfbewohnerInnen vom Stamm der Tolai an. Die herzliche Aufnahme in die Dorfgemeinschaft lässt Mizuki sogar darüber nachdenken, für immer auf Papua-Neuguinea zu bleiben – ein Entschluss, den er nach seiner Rückkehr nach Japan aber verwerfen wird.

„Opa erzählt vom Krieg“?

Mizukis autobiografischer Bericht ist das Gegengewicht zur Schilderung der historischen Daten und Ereignisse, es zeigt das Leben der einfachen Soldaten, die Sinnlosigkeit ihres Tuns, die Ängste, das Leiden, den Tod. Gleichzeitig bewahrt der Blick auf die historische Gesamtheit das Buch davor, sich im persönlichen Klein-Klein zu verlieren. „Opa erzählt vom Krieg“? Eben nicht, oder weit mehr als das! Zusammengehalten wird das narrative Patchwork von einem Erzähler, der die geschichtlichen Zusammenhänge herstellt und das Schicksal des jungen Shigeru Mizuki kommentiert. Bei diesem Erzähler handelt es sich um eine Figur, die Fans von Mizukis „Kitaro“-Bänden kennen dürften: Nezumi Otoko, der „Rattenmann“, eigentlich ein Freund Kitaros, aber auch eine zwielichtige Gestalt, halb Mensch, halb Yōkai. Seine Präsenz verleiht „Showa“ etwas Verspieltes, schmälert aber nicht im Geringsten die emotionale Wucht der Erzählung, etwa der Kriegsschrecken, die teils in drastischen Bildern dargestellt werden. Die Bildsprache ist typisch für Mizuki: seine Charaktere erinnern an klassische Cartoons, seine Bildhintergründe sind hingegen äußerst realistisch gezeichnet. Aus diesem starken Kontrast ergibt sich eine ganz eigene Stimmung. Humorvoll und im nächsten Moment wieder todernst, groteske Überzeichnung gepaart mit dokumentarischer Genauigkeit.

showa vogel

Als Japan eine Schlacht nach der anderen verliert, kommt der Zweite Weltkrieg dem japanischen Festland immer näher. Die politische Führung in Tokyo diskutiert über die Konsequenzen, die Hardliner behalten noch die Oberhand. Erst als die Atombombenabwürfe den Tennō davon überzeugen, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen ist, kapituliert das Land und beugt sich der Potsdamer Erklärung. Per Rundfunk gibt Tennō Hirohito das Ende des Krieges bekannt. Eine Zeitenwende für die japanische Identität: das Leben unter US-amerikanischer Besatzung, Armut und Schwarzhandel, schließlich verabschiedet sich der Tennō auch noch von seiner Existenz als „gottgleiches“ Wesen – und wird zum Menschen.

Für den jungen Soldaten Shigeru Mizuki bedeutet das Ende des Krieges nicht die sofortige Heimkehr. Interniert in einem Kriegsgefangenenlager, kann er erst 1946 nach Japan zurück. Die Nachkriegsjahre sind nicht einfach. Wovon leben? Welchen Beruf erlernen, wenn man einen Arm verloren hat? Mizuki entscheidet sich nach einigem Hin und Her zum Besuch der Kunsthochschule, auch wenn normaler Unterricht kaum stattfinden kann, weil die Institution kein Geld hat (um an Einnahmen zu kommen, werden die Klassenräume zeitweise für das Trocknen von Udon-Nudeln vermietet). Seines Talents als Zeichner bewusst, wird Mizuki zur Herstellung von Bildern für das Kamishibai (eine Art traditionelles Geschichtenerzählen mit Bildtafeln) engagiert. Hier entstehen bereits Ende der 1940er Jahre einige der Charaktere, die Mizuki später in seinen Comics benutzen wird. Denn die Zeit des Kamishibai ist vorüber, die Zukunft trägt den Namen Manga.

showa tram

Statement gegen die Geschichstvergessenheit

Verblüffend, wie es Mizuki gelingt, bei den rasanten Wechseln zwischen Autobiografischem und Weltgeschichte nicht den Blick für Details zu verlieren. Er beleuchtet die Hintergründe politischer Entscheidungen, kennt dabei keine Helden, bleibt immer präzise und skeptisch. Mizuki zeigt etwa, wie die USA als Besatzungsmacht ihren Ruf als Garant für Freiheit und Demokratie verlieren, als die Zensurbehörde beginnt, Textstellen in Schulbüchern zu schwärzen. Dem japanischen Wirtschaftswunder gegenüber bleibt Mizuki misstrauisch, beruhte der schnelle Wiederaufstieg doch unter anderem auf der wichtigen strategischen Rolle als US-Stützpunkt im Koreakrieg und für den aufkommenden Kalten Krieg. Auch innerpolitische Ereignisse wie der Fall Shimoyama, der die politische Linke in Japan diskreditierte (Yasushi Inoue schrieb darüber übrigens seinen ersten Roman „Schwarze Flut“), schlagen sich in der Erzählung nieder.

Im Wechselspiel mit den Erinnerungen aus Mizukis persönlichem Leben entsteht so ein Comic, der nicht nur klug und im besten Sinne gelehrig ist, der einen auch zum Lachen bringt und zu bestürzen vermag. Ein großformatiges Statement gegen die Geschichtsvergessenheit und gleichzeitig ein unglaublicher Pageturner.

Shigeru Mizuki. Showa – A History Of Japan 1944 – 1953. Übertragung aus dem Japanischen ins Englische von Zack Davisson. Mit einem Vorwort von Frederik L. Schodt. 542 Seiten, Klappenbroschur. Verlag Drawn & Quarterly 2014. $24,95 (im deutschen Handel für ca. 20,- Euro).

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s